„Ist der Friede noch zu retten?“, sehr geehrter Herr Außenminister, danke Ihnen für Ihre Ausführungen zu unserer Friedensdenkschrift und erlauben Sie mir, Ihnen meinen aufrichtigen Respekt auszusprechen: Sie sind mit Aufrichtigkeit, Klarheit und Empathie ein Christenmensch in der Politik, der sich zutiefst den Grundwerten des christlichen Glaubens verbunden weiß – und ich denke, es ist jetzt wichtiger denn je, dass in der Politik Empathie nicht verloren gehen darf! Gerade angesichts all der komplizierten, bisweilen harten Abwägungen, die Sie im politischen Handeln herausfordern. Und das bisweilen in sehr kurzen Entscheidungskorridoren. Sie haben es für mich eben eindrücklich beschrieben. Und es Ihnen genau abzuspüren, dass Sie mit dem klaren und genauen Blick des international Kundigen auf die geopolitischen Entwicklungen, ja Umwälzungen mit großer Sorge schauen: Stichwort – die Welt ist in Unordnung. Wahrlich. Der Stärke des Rechts scheint zunehmend vom Recht des Stärkeren bedroht.
Die neue Friedensdenkschrift der EKD nun ist genau in diese Gegenwartsanalyse hineingeschrieben – und zwar in der Absicht, den Menschen, die Ängste empfinden und tiefe Verunsicherung, einen ethischen Kompass an die Hand zu geben. Und – Zuversicht! Die Zuversicht, gemeinsam etwas bewegen zu können – sie ist eben nicht allein Ausgangspunkt jeder demokratischen Politik, lieber Herr Wadephul, sie ist auch Grund und Ziel unseres Glaubens. Und zwar als Hoffnung, die einen deshalb aufrichtet, ja den Rücken gerade machen hilft für die Notleidenden, weil sie entschieden mehr ist als Optimismus. Sie speist sich als robustes Gottvertrauen vielmehr aus den göttlichen Verheißungen eines Friedensreiches, das im Hier und Jetzt der unerlösten Welt Wirklichkeit werden will. Und das entfaltet Widerstandskraft, das Böse, das Zerstörerische nicht einfach hinzunehmen. Die Friedensdenkschrift, die sich entwickelt hat aus einem sehr umfänglichen Diskurs von vielen engagierten Personen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven, die sich übrigens in einem Redaktionsteam tatsächlich einigen konnten (was an sich schon ein großer Friedensdienst ist) – sie will aus dieser Hoffnung heraus eine situationsgemäße evangelische friedensethische Orientierung bieten.
Einige Aspekte durch Ihren Vortrag angeregt, nehme ich in Verstärkung des Vortrags von Reiner Anselm noch einmal auf:
- Am Leitbild des „gerechten Friedens“ aus der Denkschrift von 2007 halten wir auch 2025 konsequent fest mit seinen vier Dimensionen Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten und Umgang mit friedensfördernder Pluralität. Wichtig: Auch an Dimensionen wurden entscheidende Neujustierungen vorgenommen: wenn z.B. nicht mehr vom „Abbau der Not“ die Rede ist, sondern vom „Abbau von Ungleichheiten“, dann werden die strukturellen Aspekte eines gerechten Friedens in den Blick genommen, wie sie etwa auch den 17 von den UN formulierten Sustainable Development Goals entsprechen.
- Darüber hinaus gilt der neuen Friedensdenkschrift der EKD die Dimension des Schutzes vor Gewalt als die grundlegende Dimension, auf dem die anderen drei Dimensionen aufbauen. Dabei bleibt jedoch die wechselseitige, konstitutive Bezogenheit aller vier Dimensionen des Leitbildes des Gerechten Friedens weiterhin unverzichtbar: Ohne den Schutz vor Gewalt kann es weder eine Förderung von Freiheit noch den Abbau von Ungleichheiten oder einen friedensfördernden Umgang mit Pluralität geben – umgekehrt bleibt ein Friede, der nur auf die Abwesenheit von Gewalt setzt, die anderen Dimensionen aber vernachlässigt, instabil. Hier wird der unlösbare und zugleich programmatische Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden deutlich.
- Und ebenso der Zusammenhang von Friedensethik und sicherheitspolitischen Aspekten. Sie merkten eben an, lieber Herr Wadephul, dass im Blick auf die Waffenlieferungen in die Ukraine die Denkschrift gern mutiger hätte formulieren sollen. Das ist aber in diesem Fall weniger eine Mutfrage. Vielmehr geht die Denkschrift mit guten Gründen nicht zu sehr in eine Kommentierung und Einordnung einer konkreten Situation hinein, um den ethischen, durchaus zeitangemessenen Modellcharakter nicht zu verderben.
- Das Gebot zum Gewaltverzicht Jesu bindet uns. Es verpflichtet uns, an den Gewaltverzicht so nahe wie irgend möglich heranzurücken. Und es macht uns klar: Gleich, wie wir entscheiden, angesichts von brutaler Gewalt an Dritten – die es im Gebot der Nächstenliebe zu schützen gilt, – ob wir mit rechtserhaltender Gewalt (zur Verteidigung!) einschreiten oder Gewalt an ihnen geschehen lassen, machen wir uns schuldig. Diesem Schuldkonflikt entgehen wir nicht. Und wir hören von Ihnen, wie wichtig es ist, sich von einem Glauben getragen zu wissen, der den Menschen in dieser hohen politischen Verantwortung achtet und seiner Vergebungsbedürftigkeit mit Gnade begegnet.
- Wir sind als Kirche berufen, Hoffnung zu geben und Resilienz zu stärken. Und dies auch angesichts einer hybriden Kriegsführung, die Sie, lieber Herr Wadephul, schon mit einigen knappen Stichworten beschrieben haben, und die unser aller Wachheit erfordert. Denn angefangen von (stattfindenden) Cyberangriffen über gezielte Desinformation bis zur Unterwanderung öffentlicher Diskurse zielt hybride Kriegsführung auf alles, was plurale Gesellschaften und Demokratien im Kern ausmacht: Vertrauen, Debattenkultur und die Stärke des Rechtsstaats.
Unsere Synode hat das alles umgetrieben, friedensbewegt wie wir seit eh und je sind. Und es war zugleich gut, sich auseinanderzusetzen, zu reden und zu hören, wie wir es auch heute tun werden. Es braucht jetzt Räume der Verständigung, in denen gut protestantisch disputiert werden darf. Ich freue mich auf die Podiumsdiskussion und danke schon jetzt sehr herzlich für alle, unsere friedensethischen Überlegungen weiterführenden und bereichernden Beiträge dieses Abends.