Hat diese ja durchgehende Auseinandersetzung mit dem Nichtstun irgendetwas am überragenden Stellenwert von Arbeit hierzulande geändert?
Robel: Ich würde nicht sagen, dass Nichtstun heute legitimer ist. Was sich durchaus geändert hat, ist die Antwort auf die Frage, in welcher Form Nichts zu tun als legitim erachtet wird. In den 50er und 60er Jahren ist Nichtstun als Kompensation im Verhältnis zur Arbeit gedacht. In den 80er Jahren entwickeln sich dann Ansichten, dass Nichtstun, gern unter dem Begriff des Müßiggangs verhandelt, eine legitime Form von Lebensstil sein kann. Also nicht nach dem Motto: der hat es sich verdient, nichts zu tun, der andere nicht – sondern als grundsätzliche Möglichkeit, sein Leben zu gestalten. Die Aufwertung von Leben im Verhältnis zum Arbeiten wird in den Diskursen der Zeit deutlich.
Es gelingt aber trotzdem nicht, das Sprechen über das Nichtstun von der Arbeit abzukoppeln. Der Arbeitsbegriff bleibt das Gegenüber, es geht immer ums Nichtstun von eigentlich Erwerbsfähigen. Ein weiterer Grundgedanke, der sich bis in die jüngste Gegenwart durchzieht: wenn schon Nichts tun, dann bitte so, dass es in irgendeiner Form produktiv ist. Es muss etwas rauskommen, eine Nützlichkeit entstehen. Das ist ja auch keine wirkliche Ablösung vom Arbeitsbegriff.
Was machen die Menschen in den verschiedenen Jahrzehnten denn so in ihrer freien Zeit?
Robel: Bis in die frühen 70er Jahre hat das Allensbach-Institut für Demoskopie Menschen regelmäßig gefragt, wie viel Zeit sie damit verbringen, aus dem Fenster zu gucken. Dann verschwindet das aus den Umfragen. In den 60er Jahren wird sehr viel über Do-it-yourself und Heimwerken geredet. In den 80er Jahren rückt schließlich der Körper in den Vordergrund, es geht um Sport, aber auch um Yoga und andere Körperpraktiken. Man kann diese Trends natürlich nicht eins-zu-eins nehmen, aber die Befragungen lassen schon Rückschlüsse auf das verbreitete Freizeitverhalten zu.
Welche Rolle spielen religiöse Vorstellungen bei der Bewertung von Arbeit und Müßiggang?
Robel: In den Diskussionen der 50er Jahre zum Thema Muße, die auch im Radio sehr präsent waren, melden sich häufig Experten aus der Theologie zu Wort, zum Beispiel Josef Pieper und andere. 20 Jahre später übernehmen dann mehr und mehr Pädagog*innen dieses Feld. Das hat mit der Entwicklung der Freizeitwissenschaft zu tun, die von Anfang an eine Populärwissenschaft ist, die sehr aus der Pädagogik kommt. Der Einfluss aus der Theologie geht nach und nach zurück, was ja auch zur fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft passt.
Der andere Aspekt wäre wieder der Blick auf die Arbeit. Im evangelisch-reformierten Kontext hat die ja einen religiösen Impetus. Sie gehört unbedingt zu einem gottgefälligen Leben …
Robel: Dass wir als Deutsche so auf Arbeit fixiert sind, liegt an der Reformation, heißt es gern. Ich bin dafür, diese These auszudifferenzieren und zu hinterfragen. Es ist erstaunlich, dass Theolog*innen in den 50er Jahren eben nicht nur beanspruchen, über Arbeit zu reden, sondern auch übers Nichtstun. Man könnte unterstellen, sie wollten das nur im Griff halten, damit die Arbeitsgesellschaft weiter funktioniert, aber so ist es eben nicht. Es gibt ein Deutungsmuster, das auch wahnsinnig konstant ist über die ganze Zeit: Die Idee, das Nichtstun sei eine anthropologische Grundkonstante, für die Theolog*innen dann sogar göttlich konnotiert. Wir müssten zurückkehren zu unserem Urzustand, der darin bestand, viel häufiger nichts zu tun – das wird immer wieder formuliert. Man erinnert daran, dass es früher viel mehr Feiertage gab – aus dem religiösen, aber auch aus einem anderen Verständnis von Zeit heraus. Und dass wir eigentlich mit der Arbeitsgesellschaft von unserem ursprünglichen Weg als Menschen abgekommen sind. Ich glaube, hier zeigt sich eine hohe Wirkkraft von eigentlich religiöser Deutung bis heute, auch in säkularisierten Debatten.
Interview: Jörg Echtler