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Visionen für Frieden im Heiligen Land nötig – EKD


Welche Seite hat „schuld“ an der aktuellen Eskalation?

Lenz: Gründe für aktuelle Demonstrationen und Streitigkeiten liegen oft viele Jahrzehnte zurück. Die Situation in den besetzten oder annektierten Gebieten ist für viele Menschen schwer erträglich, es sind keine Besserungen oder gar Lösungen in Sicht. Ich bin nicht Richter darüber, wer auf israelischer oder palästinensischer Seite welche Verantwortung oder Schuld hat. Ich sehe, dass beide Seiten auf ihre Weise wie immer agieren. Einseitige Schuldzuweisungen, gern gegenseitig vorgetragen, sind Teil des Problems.

Welche Wege halten Sie zur Befriedung der Situation für möglich?

Lenz: Beide Seiten müssen endlich wieder miteinander reden! Das klingt einfach, geschieht seit Jahren aber faktisch nicht mehr. Vielleicht endet die offene Gewalt ja in ein paar Tagen; es wird dann aber irgendwann wieder hoch kommen. Also: Reden, neue Ideen denken, Vertrauen schaffen und riskieren, die nachfolgenden Generationen im Blick zu haben. So weit, so klar – und so schwierig. Um diese großen Scheine in kleine Münzen zu wechseln und zahlbar zu machen, sind mutige Menschen auf beiden Seiten nötig.

Was kann die Staatengemeinschaft tun?

Lenz: Da weiß ich auch nicht weiter! Die Verantwortlichen in Palästina fühlen sich derzeit von vielen Staaten im Stich gelassen: beispielsweise gab es im Rahmen der Covid-Bekämpfung für Gaza oder die Westbank wenig Unterstützung durch Impfstofflieferungen oder Wirtschaftshilfen. Die Israelis fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, wenn sie international zur militärischen Mäßigung aufgerufen werden, während über tausend Raketen in ihr Land geschossen werden. Ich denke, dass sich beide Seiten als weitgehend isoliert sehen. Ohne Mitwirkung von außen wird sich zwischen den verfeindeten Seiten wohl nichts bewegen. Politische Ideen, Hilfen, Garantien, Visionen müssen her – ich bin Pastor und ich bete, dass Gott weite Herzen und klare Gedanken schenkt, international und besonders hier im Heiligen Land.

epd-Gespräch: Stephan Cezanne