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„Einsamkeit fühlt sich an Weihnachten anders an“ – EKD


Häufig suchten Menschen, die einsam seien, die Schuld bei anderen oder der Gesellschaft. An Weihnachten fingen viele an, anders darüber nachzudenken, meint die Telefonseelsorgerin. „Und das gefällt mir an dieser Gesprächssituation.“ Hinzu komme, dass seit den Corona-Lockdowns die Vereinsamung nach ihrer Beobachtung deutlich zugenommen hat. „Früher war das nicht so, dass ich so viele Anrufer hatte, die sich nur auf das Thema Einsamkeit beziehen.“ Während der Pandemie sei viel kaputt gegangen an zwischenmenschlichen Beziehungen.

Auch Pfarrerin Anette Carstens bestätigt diese Beobachtungen. Sie leitet seit mehr als sieben Jahren die Magdeburger Telefonseelsorge. Die Zahl der Anfragen nimmt zu. Gut 13.300 waren es bisher im laufenden Jahr nach etwa 13.000 im vergangenen Jahr sowie bis zu 12.700 in den Corona-Jahren 2020 und 2021.

Rund um die Feiertage kämen viele Dinge zusammen, sagt die evangelische Pfarrerin. Die Kälte, die dunkle Jahreszeit, die heimelig-gemütliche Stimmung, die veränderte Musik im Radio, die vielen Weihnachtsmärkte oder schlicht der Blick auf den Kalender zeigten, dass die Feiertage näher rückten.

„Vermutlich ist man sonst einfach ein wenig arrangierter mit der Einsamkeit“, meint die Pfarrerin. Doch in diesen Tagen würden bei vielen Menschen Sehnsüchte und Erinnerungen wach, sagt Carstens. Nicht immer würden die Anrufer Einsamkeit als das eigentliche Problem benennen. Da gehe es in Gesprächen beispielsweise um den Tod eines nahen Angehörigen, dass die Kinder weit weg wohnten oder dass mancher durch Krankheit eingeschränkt sei. „Einsamkeit hat verschiedene Weisen, sich zu zeigen“, sagt die Seelsorgerin. Und sie betreffe längst nicht nur ältere Menschen. Auch viele Jüngere lebten seit der Corona-Zeit zurückgezogen.

Nicht nur die Einsamkeit trübt vielen Menschen die Festtagsstimmung. Auch äußere Krisen nehmen nicht ab. Nach Corona sind es vor allem der Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen wie steigende Energie- und Lebensmittelpreise. Der Terrorangriff auf Israel habe viele Menschen schockiert. Die äußeren Krisen seien mittlerweile seltener ein Thema bei den Anrufern. „Vor einem Jahr war das sehr viel stärker“, sagt Pfarrerin Carstens. Die politischen Fragen stünden in der Telefonseelsorge ohnehin immer hinter den persönlichen zurück. „Es geht darum, was die Person selbst umtreibt, was gerade schwer auszuhalten ist.“

Beate Seibert hat ihre Weihnachtsvorbereitungen bereits erledigt. Obwohl sie an den Feiertagen bei der Telefonseelsorge Dienst habe, sei sie an Weihnachten für ihre Familie da, die ihr Engagement unterstütze. „Manche Anrufer wollen auch die Weihnachtsfreude teilen“, erzählt sie. „Und die Arbeit macht mich zufrieden. Ich bekomme ja von den Menschen etwas zurück.“

Von Oliver Gierens (epd)