EKD News

60 Jahre Freiwillig Soziales Jahr – EKD


Sehr geehrte Festgäste, 
da kann man ja heute nur begeistert in alle Richtungen gratulieren! Applaus, Applaus – möchte ich sagen! Applaus zu dem ehrenvollen Besuch und einer solch zugewandt- ermutigenden Rede unseres Bundespräsidenten, lieber Frank Walter Steinmeier! Und um dies einmal ganz persönlich zu adressieren: Ich finde es großartig, dass Sie stets in nennenswerter Klarheit Position beziehen, zugleich aber die Hand reichen und damit verbindlich Diskurse eröffnen – nicht nur heute, sondern überhaupt. Danke Ihnen dafür!

Und dann natürlich Applaus, Applaus zu 70 Jahre Diakonisches Jahr, lieber Diakoniepräsident Schuch, und zugleich zu 60 Jahren Freiwilliges Soziales Jahr. Applaus auch zu einer hochengagierten Evangelischen Trägergruppe, die original sage und schreibe dreihunderttausend Freiwillige in all den Jahren geworben, motiviert, begleitet haben!

300.000 vor allem junge Menschen, die anderen helfen oder geholfen haben, ihr Leben in Würde zu leben – das ist eine einzige Erfolgsbilanz. Mich hat es in den Gesprächen mit den Freiwilligen jüngst zutiefst beeindruckt, wie sie mit so viel Mut, Zuneigung zu den ihnen anvertrauten Menschen, mit Lernlust, ja auch Hingabe ein Jahr ihres Lebens einsetzen, um anderen das ihrige zu erleichtern. Seien sie alt, klein, krank, einsam, benachteiligt. Ein so liebevolles Herzensengagement spricht daraus, verbunden mit dem tiefen Wunsch – und freien Willen  – , für die Mitmenschlichkeit und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft einen Beitrag zu leisten. Dermaßen lebensprägend ist diese Zeit als „Bufdi“ und FSJ’lerin, dass viele von ihnen innerlich gestärkt, selbstbewusst und voller Überzeugung einen sozialen Beruf ergreifen wollen oder sich weiter ehrenamtlich engagieren. Auch das, verehrte Gäste, ist aus meiner Sicht ein Grund, warum die verschiedenen Freiwilligendienste national wie international unbedingt erhalten bleiben müssen. In ihrer Intention, sozial wie gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen, verhelfen sie eindeutig zu mehr Verständigung zwischen Generationen, Positionen, Kulturen und Völkern. Wie nötig ist das heutzutage angesichts einer aufgerauten Diskurskultur inmitten all der Weltverwundungen.

Applaus, Applaus! So lautet übrigens auch ein Lied von Sportfreunde Stiller, die es zwar mehr mit dem Fußball halten. Doch auch sie rufen zu mehr Verständigung und zu Friedens-Fair-Play auf. Das Lied erreicht meine Seele zum heutigen Anlass. Denn Freiwilligendienst ist Friedensdienst für die Demokratie. Man setzt damit Zeichen, mindestens 300.000-mal, dass es für Feindschaft keinen Platz geben soll in dieser Gesellschaft, für Abwertung und Unverständnis kein Verständnis und für die Faust keinen Grund.

Sportfreunde Stiller singen es so:
 „Ist meine Hand eine Faust,
machst du sie wieder auf.
Und legst die Deine in meine.
Du flüsterst Sätze mit Bedacht
Durch all den Lärm
Als ob sie mein Sextant und Kompass wär`n.
Ist meine Erde eine Scheibe, 
machst du sie wieder rund – 
Zeigst mir auf leise Art und Weise
Was Weitsicht heißt.

Hände, die man sich reicht und Weitsicht als Kompass, das feiern wir heute mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr und dem Bundesfreiwilligendienst in all seinen Facetten. Weitsicht, die die jungen Menschen mit in ihr Leben nehmen. Weitsicht, die der Enge der Angst, die derzeit von denen, die keinem mehr die Hand reichen, geschürt werden, die der Angst nicht zuallererst Mut, sondern Freiheit entgegenstellt. Und Weitsicht, die damit höchst evangelisch in der Diakonie schon 1854 ihren Anfang nahm, als inmitten der Nöte der Industrialisierung in Neuendettelsau ein Mutterhaus für diakonisch ausgebildete junge Frauen, Diakonissen, gegründet wurde. Mit dem Credo, dass die Gottesebenbildlichkeit gilt, ausnahmslos, und dass Menschenwürde allen Menschen ohne Unterschied zukommen muss. Die 100-Jahr-Feier dann stand im Nachkriegsdeutschland unter dem Eindruck des starken Mitarbeitendenmangels, so dass der Leiter der Neuendettelsauer Diakonie und spätere bayrische Landesbischof Hermann Dietzfelbinger junge Frauen dazu aufrief, „ein Jahr ihres Lebens für die Diakonie zu wagen“. 

Et voila – das freiwillige diakonische Jahr wurde geboren, eben mit dieser besonderen Weltzugewandtheit und Liebe zum Nächsten, für die sich die – zunächst – jungen Frauen freiwillig entschieden hatten. Und schon damals war dies Ausdruck großer Weitsicht, zu erkennen, dass sich Nächstenliebe nicht verordnen lässt. Dass sie vielmehr einer intrinsischen Motivation, ja Glaubensüberzeugung entspringt und einer inneren Zustimmung bedarf. Und dies auch deshalb, weil jeder Freiwilligendienst einen Menschen verändert, ja ihn u.U. neu ausrichtet und gründet.

Natürlich gibt es gewichtige Argumente, die aktuell für die Einführung eines verpflichtenden Dienstes sprechen: Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stabilisieren, Generations- und Milieu-übergreifende Begegnungen zu ermöglichen; um das freie Wir zu stärken. Und dafür stehen wir als evangelische Kirche selbstverständlich mit aller Klarheit ein. Allein, wir gewichten schon aus der Geschichte heraus den Mehrwert des freien Willens etwas deutlicher….. Weil da etwas Selbstloses, von Herzen Freigiebiges ins Spiel gebracht wird, dem jeder Zwang widersprechen würde – Es geht eben um: Wagnis. Weltoffenheit. Weite. Sie bleibt der Kompass, der innerlich justiert.  

Hinzu kommt – Stichwort Finanzierung – schon allein die zukünftigen Freiwilligendienste brauchen dringend stabilere Rahmenbedingungen. Dazu gehört definitiv ein auskömmlicher, über längerer Zeitraum – nicht nur ein Jahr – reichende, verlässliche finanzielle Förderung durch den Bundeshaushalt! Damit – eben nicht Pflicht – jedoch ein Recht auf einen Freiwilligendienst eingeführt werden kann,  zumindest dort, wo eine Vereinbarung zwischen einer Einrichtung und einem freiwillig interessierten Menschen existiert. Denn, da stimme ich in eine der Kernbotschaften der Evangelischen Trägergruppe ein: Freiwilligendienste sind immer ein Gewinn alle – für die Freiwilligen, für die Menschen in den Einsatzstellen und für den Frieden in unserem Land.

So also: Applaus, Applaus. Für die Weitsicht der Gründer. Für die Herzensweite aller, die sich in den Freiwilligendiensten engagieren. Und für den Hoffnungsmut, mit dem Sie auch künftig viele junge Menschen für den freiwilligen Friedensdienst inmitten dieser Welt begeistern werden. Dazu gratuliere ich, danke Ihnen von Herzen und wünsche weiter-hin Gottes Segen.
 
 
….Und dafür stehen wir als Diakonie und evangelische Kirche selbstverständlich mit aller Klarheit ein. Allein, wir gewichten schon aus der Geschichte heraus  den Mehrwert des freien Willens etwas deutlicher….. Weil da etwas Selbstloses, von Herzen Freigiebiges ins Spiel gebracht wird, dem jeder Zwang widersprechen würde – Es geht eben um: Wagnis. Weltoffenheit. Weite. Sie bleibt der Kompass, der innerlich justiert.