EKD News

Zwischen Kanzel und Karneval – EKD


Wie  humor- und karnevalstauglich ist aus Ihrer Sicht ein evangelischer Gottesdienst?
Kießig: Sehr viel mehr, als wir denken. Früher schaute man eher skeptisch auf den Karneval, heute herrscht im Rheinland entspannte Offenheit. Karnevalsgottesdienste und ökumenische Feiern zeigen, wie gut Humor und Spiritualität sich ergänzen. Ein Gottesdienst wird karnevalstauglich, wenn er leicht sein darf, ohne oberflächlich zu werden, wenn er Menschen ernst nimmt und ihnen einen Moment Frohsinn schenkt. Humor macht die Liturgie nicht zur Bütt, aber ein kluger Witz kann sehr evangelisch sein. Ein Gottesdienst, in dem nicht gelacht werden darf, hätte auch theologisch ein Problem.

Über welche Bibelstellen können Sie lachen?
Kießig: Viele Bibelgeschichten sind humorvoller, als man meint: Bileams Esel hält uns unsere Sturheit vor Augen, Jona versucht rührend, vor Gott wegzulaufen, und ist später beleidigt über dessen Barmherzigkeit. Eutychus, der während einer langen Predigt einschläft und aus dem Fenster fällt, erinnert an alle, die im Gottesdienst schon einmal weggenickt sind. Jesu Bild vom Splitter und Balken ist fast Slapstick mit Tiefgang. Und Sarahs Lachen über die Verheißung eines Kindes zeigt wunderbar, dass Humor und Glaube von Anfang an zusammengehören.

Braucht unser Glaube mehr Humor?
Kießig: Ja! Nicht als Dauergrinsen, sondern als Ausdruck von Hoffnung. Ein humorloser Glaube wird hart, ein nur lustiger oberflächlich. Humor ist die zärtliche Schwester der Zuversicht. Gerade im Rheinland erlebe ich, wie heilsam er wirkt. Die evangelische Kirche ist vom skeptischen Beobachter zum Mitgestalter des Karnevals geworden: Karnevalsgottesdienste, Seelsorge in Korps, Ökumene. Menschen bringen ihre Sorgen mit in die Session und manchmal werden sie dort leichter. Im Korpskreuz, das jeder Funk um den Hals trägt, schwingen Ernst und Freude mit. Ich wünsche mir einen Glauben, der das Leid nicht verdrängt und dem Lachen dennoch Raum gibt, weil ein lachendes Herz schneller wieder frei wird.

                                                                     Interview: Ekkehard Rüger