{"id":1225,"date":"2020-05-06T14:01:02","date_gmt":"2020-05-06T14:01:02","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/05\/06\/von-tod-trauer-und-neuer-normalitaet-ekd\/"},"modified":"2020-05-06T14:01:04","modified_gmt":"2020-05-06T14:01:04","slug":"von-tod-trauer-und-neuer-normalitaet-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/05\/06\/von-tod-trauer-und-neuer-normalitaet-ekd\/","title":{"rendered":"Von Tod, Trauer und neuer Normalit\u00e4t \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p>Schladen\/Stade (epd). Es geht um Angst, nat\u00fcrlich um Zusammenhalt, um Tod und Trauer, um den Kampf gegen einen unsichtbaren Feind, um Engagement jenseits festgelegter Dienstpl\u00e4ne, um W\u00fcrde am Lebensende: Die Arbeit in den bundesweit etwa 14.500 Altenpflegeheimen in Corona-Zeiten fordert alle Beteiligten bis zum Anschlag, besonders die Pflegekr\u00e4fte. Wortmeldungen aus zwei Einrichtungen in Niedersachsen zeigen beispielhaft, was Menschen denken und f\u00fchlen, die dort arbeiten, wo es t\u00e4glich um Leben und Tod geht.<\/p>\n<p>Zwei Frauen stehen dabei im Mittelpunkt: Svenja Siegel, 41, arbeitet als gerontopsychiatrische Fachkraft in der diakonischen Grotjahn-Stiftung in Schladen bei Goslar. Dort, im Hermann-Oberschmidt-Haus am Harzrand, werden 80 \u00c4ltere versorgt und begleitet. In der Stiftung sind in den vergangenen Wochen acht Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben.<\/p>\n<p>240 Kilometer weiter n\u00f6rdlich, in Stade bei Hamburg, ist Svenja Dankers, 33, als Altenpflegerin im Johannisheim t\u00e4tig. Das Haus hat 124 Pl\u00e4tze und geh\u00f6rt ebenfalls zur Diakonie. Dort starben bisher f\u00fcnf Bewohner im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. In beiden Einrichtungen leben viele Menschen mit einer Demenz.<\/p>\n<p><strong>Anfang und Zusammenhalt:<\/strong> Als in der chinesischen Stadt Wuhan im Dezember vergangenen Jahres erste F\u00e4lle einer unbekannten Lungenkrankheit auftraten, \u201ewar das so ganz weit weg\u201c, erinnert sich in Schladen Stiftungssprecher Benedikt Kappler, 35. \u201eUnd dann &#8211; auf einmal laufen alle mit Mundschutz rum, weil es immer n\u00e4her kam. Da hat man sich dann schon intensivere Gedanken gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Sowohl in Schladen wie auch in Stade wurden schnell Besuche verboten, um das Infektionsrisiko zu senken. Nach ersten Ansteckungen wurden sofort Isolierstationen eingerichtet. \u201eDa hat sich ein kleines Team aufgebaut f\u00fcr drei Schichten, fr\u00fch, sp\u00e4t, nachts\u201c, berichtet Svenja Dankers aus Stade. \u201eZwei Nachtwachen, f\u00fcnf im Tagdienst. Das Umziehen der Bewohner von einer Station zur anderen, das musste alles schnell gehen. Das war kein Dienst nach Vorschrift, es ging teilweise zw\u00f6lf Stunden und l\u00e4nger, tagt\u00e4glich ein anderes Erleben.\u201c Ihre Kollegin Svenja Siegel erg\u00e4nzt: \u201eAlle waren und sind motiviert.\u201c<\/p>\n<p>Benedikt Kappler, zu der Zeit noch Pflegedienstleiter, meint: \u201eDie \u00dcberstunden waren f\u00fcr niemanden ein Problem. Nach 14 Stunden allerdings f\u00e4llt das Abschalten schwer und man l\u00e4uft weiter auf Hochtouren.\u201c So war es auch in Stade, erinnert sich Heimleiterin Sylvia Balbuchta, 47: \u201eDie gro\u00dfe Frage f\u00fcr uns war, was ist wirklich dran an dieser Pandemie, was ist Panikmache?\u201c Ihr Eindruck: Politik und Beh\u00f6rden haben Corona zuerst nicht ernst genommen. \u201eAber warum in Gottes Namen sollte dieses Virus in China bleiben?\u201c<\/p>\n<p><strong>Angst und Trauer<\/strong>: Dann kamen die ersten Infektionen und Todesf\u00e4lle. \u201eIch war sehr mitgenommen, sehr traurig\u201c, sagt Svenja Dankers. \u201eIch und meine Kolleginnen haben hier oft genug gestanden und geweint, um den Druck loszuwerden.\u201c Um sich selber habe sie keine Angst gehabt. \u201eMan denkt sich ja immer: Ich selbst werde es nicht sein. Wenn ich es bekomme, stehe ich es relativ gut durch. Ich hatte aber Angst davor, dass es f\u00fcr die Bewohner sehr schlecht sein k\u00f6nnte, weil wir hier doch viele Menschen mit heftigen Vorerkrankungen haben.\u201c<\/p>\n<p>Svenja Siegel meint: \u201eIm Hinterkopf ist da sicherlich auch mal Angst, dass wir unter Umst\u00e4nden in die Bredouille kommen, wenn wir mit schwerstkranken Menschen arbeiten.\u201c Ihr Kollege Benedikt Kappler sagt, durch den Aufnahmestopp im Isolierbereich blieben die Betten verstorbener Bewohner zun\u00e4chst einmal leer, vor der Krise seien Pl\u00e4tze schnell wieder belegt worden. \u201eDie Situation ist dadurch jetzt viel pr\u00e4senter, die Erinnerungen bleiben l\u00e4nger wach.\u201c<\/p>\n<p>Er spricht aus, was viele Besch\u00e4ftigte in den Heimen umtreibt: \u201eWir haben alles getan, um Vorsorge zu treffen. Und dass es trotzdem Infektionen und Todesf\u00e4lle gab, das war f\u00fcr alle ein Tiefschlag\u201c. Auch die Ansteckungswege seien bis heute nicht klar. \u201eEiniges kann man gar nicht so beeinflussen, Krankenhaus-Entlassungen von Bewohnern zum Beispiel. Und nat\u00fcrlich hat jeder Mitarbeiter ein Privatleben, kauft ein, hat Kinder.\u201c Sylvia Balbuchta spricht von Hilflosigkeit: \u201eWarum haben wir das gekriegt? Wir haben doch alle Empfehlungen, die das Robert Koch-Institut rausgegeben hat, fr\u00fch umgesetzt.\u201c Die ersten vier Wochen nach Ausbruch der Pandemie im Haus, \u201edie waren die H\u00f6lle\u201c.<\/p>\n<p>In dieser Ausnahmesituation war und ist in beiden Einrichtungen der Zusammenhalt im Team wichtig. \u201eEs gibt viele Gespr\u00e4che\u201c, sagt Svenja Siegel, \u201eauch in kleineren Gruppen oder unter vier Augen. Au\u00dferdem unterst\u00fctzt uns die Pfarrerin im Haus.\u201c Svenja Dankers ist froh: \u201eWir haben viele tolle Leute hier, ein Team, mit dem man Pferde stehlen kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>Vorw\u00fcrfe\u00a0und Beifall<\/strong>: Die Reaktionen au\u00dferhalb der Einrichtung sind dagegen unterschiedlich. Benedikt Kappler h\u00f6rt aus dem benachbarten Wolfsburg von Angriffen. Dort sind im diakonischen Hanns-Lilje-Heim mehr als 40 Bewohner an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. \u201eMitarbeiter m\u00fcssen auf der Stra\u00dfe erdulden, bespuckt und beschimpft zu werden. Hauswirtschaftskr\u00e4fte der Einrichtung, die f\u00fcr \u00c4ltere Eink\u00e4ufe erledigen sollten, bekamen keinen Zutritt zu Superm\u00e4rkten.\u201c<\/p>\n<p>Andererseits wurden Pflegekr\u00e4fte zu \u201eHelden des Alltags\u201c ernannt, die Beifall vom Balkon bekamen. \u201eEin Pizza-B\u00e4cker aus Stade hat uns zum Dank zehn Pizzen geliefert\u201c, freut sich Svenja Dankers. \u201eDann gibt es aber auch Menschen, die uns \u00fcber die sozialen Netzwerke anfeinden, uns die Schuld daf\u00fcr geben, dass in unserem Haus Covid-19 ausgebrochen ist. Dar\u00fcber war ich am Anfang sehr traurig, denn niemand kann alle Infektionswege kontrollieren. Wer so etwas sagt, soll unsere Schuhe anziehen, soll hier herkommen, soll unsere Arbeit aufnehmen und sich dann ein Urteil bilden.\u201c<\/p>\n<p>Wie schwierig gerade anfangs Fremd- und Selbstschutz waren, zeigt vor allem ein Blick auf das bis heute knappe Schutzmaterial. \u201eAls wir dann so viele Infektionsf\u00e4lle hatten und es noch immer keine medizinischen FFP-2-Masken gab, habe ich gedacht: Mist, mein Personal ist hier Kanonenfutter\u201c, erinnert sich Heimleiterin Sylvia Balbuchta. Sie habe \u00fcberall gebettelt. Dann seien die Preise f\u00fcr Schutzmasken explodiert. \u201eVon 60 Cent auf 4.90 Euro das St\u00fcck, das ist der Wahnsinn.\u201c Auch Schutzkittel habe es anfangs nicht gegeben. \u201eDa haben wir M\u00fclls\u00e4cke zusammenn\u00e4hen lassen, damit wir was hatten.\u201c Mittlerweile habe sich die Situation entspannt.<\/p>\n<p><strong>Normalit\u00e4t und Ver\u00e4nderung:<\/strong> Mit den ersten Infektionen wurden nicht nur Besuche verboten, sondern in den H\u00e4usern auch Treffpunkte geschlossen, Besch\u00e4ftigungsangebote gestrichen, Kontakte auf das unbedingt n\u00f6tige Ma\u00df reduziert. Kein gemeinsames Singen, Malen, Spielen. Nun macht sich Isolation breit, zerrt an der Psyche der Bewohner. \u201eDas ist besonders f\u00fcr Menschen mit einer Demenz einschneidend\u201c, verdeutlicht Svenja Dankers. \u201eDie d\u00fcrfen ihrem Bewegungsdrang nicht mehr so nachkommen, d\u00fcrfen zum Spaziergang nicht aus dem Haus. Da m\u00fcssen wir als Pflegekr\u00e4fte noch mehr Zuwendung geben, das ist nicht immer ganz leicht. Dadurch wird der Dienst noch kompakter.\u201c<\/p>\n<p>Au\u00dferdem mussten sich die Bewohner an das neue Aussehen der Pflegekr\u00e4fte erst gew\u00f6hnen. \u201eSie haben uns teilweise gar nicht mehr erkannt, wir waren ja nicht mehr die, die wir vorher waren\u201c, beschreibt Svenja Dankers, \u201emit Maske, Schutzkittel und Handschuhen\u201c. Dazu kommt: Die Maske dr\u00fcckt, das Atmen darunter f\u00e4llt richtig schwer, Brillen beschlagen, das ewige H\u00e4ndewaschen und Desinfizieren tut nicht gut. Svenja Siegel: \u201eDie H\u00e4nde werden rau, trocknen aus, platzen auf.\u201c<\/p>\n<p>Und im Umgang mit den Schutzmasken erg\u00e4nzt sie: \u201eDas gro\u00dfe Problem ist, dass man das L\u00e4cheln nicht mehr sieht.\u201c Ganz viel laufe bei schwerst dementen Menschen nun \u00fcber Ger\u00fcche. \u201eWenn wir weiterhin unser bekanntes Parf\u00fcm oder Deo benutzen, wird das wahrgenommen. Aber manche reagieren eben auch mit Angst und Unruhe und fragen, ob wir oder sie krank sind. Wir versuchen das Beste draus zu machen. Ich habe gerade auf meinen blauen Schutzkittel ein gro\u00dfes rotes Herz gemalt &#8211; mit Augen und einem Mund.\u201c<\/p>\n<p>So entsteht eine neue Normalit\u00e4t: Kolleginnen und Kollegen begegnen sich mit gr\u00f6\u00dferem Abstand, auch im Dienstzimmer und im Pausenraum. Umarmungen, unter Kolleginnen bisher Standard, gibt es nicht mehr. Die Hand geben, ein \u00dcbergriff. Trotzdem hoffen alle, dass bald wieder mehr tagesstrukturierende Angebote m\u00f6glich werden. Die Politik lockert gerade die Besuchsverbote.<\/p>\n<p>Was die Besch\u00e4ftigten in beiden Einrichtungen freut, bringt Sylvia Balbuchta auf den Punkt: \u201eEin Gro\u00dfteil der Angeh\u00f6rigen vertraut uns und begegnet uns mit Verst\u00e4ndnis.\u201c Ihre Kollegin Svenja Dankers betont, man sei im Umgang mit der Krise erfahrener geworden: \u201eUns geht jetzt alles leichter von der Hand. Wir erkennen fr\u00fcher die Anzeichen einer Infektion, k\u00f6nnen schneller reagieren. Und wir lachen wieder mehr.\u201c<\/p>\n<p><strong>Politik und Zukunft: <\/strong>Alle fragen sich, ob es beim Beifall vom Balkon und einmaligen Bonus-Zahlungen bleibt. \u201eDie Politik hat die Pflege ganz klein gemacht, hat sie eigentlich immer kurzgehalten und finanziell gedr\u00fcckt\u201c, kritisiert Svenja Dankers. \u201eIch habe die Bef\u00fcrchtung, dass es nach der Krise wieder so wird.\u201c<\/p>\n<p>Claus Hinrichs, 68, Vorstandschef des Johannisheims in Stade, mahnt, die Pflege d\u00fcrfe durch den Wettbewerb nicht ausgeh\u00f6hlt werden. Konkurrenz sei nicht verkehrt, meint der Wasserwirtschafts-Ingenieur. Pflege sei aber Daseinsvorsorge und in dieser Hinsicht zuerst eine \u00f6ffentliche Aufgabe: \u201eEs darf nicht um billig, billig, billig gehen. Der Preiskampf darf nicht auf dem R\u00fccken von Bewohnern und Besch\u00e4ftigten ausgetragen werden. Zuallererst sind gute Begleitung und W\u00fcrde am Lebensende wichtig. Daf\u00fcr muss die Altenpflege ausger\u00fcstet werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:right\">Von Gunnar M\u00fcller und Dieter Sell (epd)<\/p>\n<p>www.grotjahn-stiftung.de<br \/>www.johannisheim-stade.de<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schladen\/Stade (epd). 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