{"id":1831,"date":"2020-08-20T18:04:22","date_gmt":"2020-08-20T18:04:22","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/08\/20\/ohne-uns-wuerden-noch-mehr-menschen-sterben-ekd\/"},"modified":"2020-08-20T18:04:23","modified_gmt":"2020-08-20T18:04:23","slug":"ohne-uns-wuerden-noch-mehr-menschen-sterben-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/08\/20\/ohne-uns-wuerden-noch-mehr-menschen-sterben-ekd\/","title":{"rendered":"\u201eOhne uns w\u00fcrden noch mehr Menschen sterben\u201c \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><em>Welche Qualifikation bringen Sie mit f\u00fcr diese Aufgabe?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin ausgebildeter Seenotretter in Frankreich und in Griechenland. Als Kultur-Mediator muss ich vermitteln zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Auf der \u201eSea-Watch 4\u201c bin ich zum ersten Mal mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern zusammen. Das Wichtigste an meiner Arbeit ist es, ruhig zu bleiben. Wenn ich gestresst bin, werden es alle sein. Also muss ich derjenige sein, der gelassen bleibt <span style=\"line-height:107%\">\u2013 <\/span>egal was passiert. Alles muss unter Kontrolle bleiben. Und wenn wir die Kontrolle verlieren, sollten wir das nicht zeigen. Wenn Probleme auftreten, m\u00fcssen schnell L\u00f6sungen her. Das Entscheidende ist, Zuversicht und Vertrauen auszustrahlen.<\/p>\n<p><em>Was ist der schwierigste Teil einer Seenotrettung?<\/em><\/p>\n<p>Selbst wenn die besten Bedingungen gegeben sind &#8211; das Wetter ist gut, die Geretteten sind in einem guten Allgemeinzustand und nicht zu ersch\u00f6pft nach einer mehrt\u00e4gigen Odyssee im Meer <span style=\"line-height:107%\">\u2013 <\/span>gibt es viele sehr schwierige und gef\u00e4hrliche Situationen, die auftreten k\u00f6nnen. Wenn die Retter kommen und zu schnell anfahren, kann Panik ausbrechen. Die Menschen werden von uns von einfachen Plastik- oder Holzbooten auf Schnellboote und von dort auf das Schiff gebracht. Sie k\u00f6nnen ins Wasser fallen, manche k\u00f6nnen nicht schwimmen. Und wir reden hier ja nicht von einer Person, sondern von teils bis zu 60 Menschen, die wir aufnehmen. Alles muss sicher und geplant ablaufen. Und das alles mit Menschen, die aus unterschiedlichen L\u00e4ndern kommen, unterschiedliche Sprachen sprechen, die lange Zeit auf See waren, die sehr gelitten haben, die schwach sind und nicht gerade in der besten mentalen Verfassung.<\/p>\n<p><em>Welche herausfordernde Situationen k\u00f6nnen auftreten?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt schlechte Szenarien, zum Beispiel, wenn die Leute glauben, dass wir nur hier sind, um sicherzustellen, dass sie nach Libyen zur\u00fcckkehren. Die Retter sehen mit Helm, Overall und Maske auch ziemlich milit\u00e4risch aus, aber das ist momentan sehr wichtig zum Schutz gegen Corona. Da kann schnell Panik aufkommen. Oder wenn das Wetter schlecht wird, der Wind kommt und hohe Wellen schlagen <span style=\"line-height:107%\">\u2013 <\/span>das sind alles Situationen, die Angst machen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen auf alle Eventualit\u00e4ten vorbereitet sein und das sind wir auch.<\/p>\n<p><em>Wie kamen Sie dazu, Seenotretter zu werden?<\/em><\/p>\n<p>Alles begann 2013. Wie viele europ\u00e4ische B\u00fcrger habe ich gesehen habe, dass Europa zwar Menschen aus dem Meer rettet, aber niemand einen Plan hat, wo sie leben k\u00f6nnen. Viele Jahre habe ich diesen Zustand beobachtet und wusste nichts dagegen zu tun. \u00dcber die Jahre dann wurde f\u00fcr mich deutlich, dass die europ\u00e4ischen Regierungen ihre Programme zur Seenotrettung stoppen und aufh\u00f6ren, Menschen zu retten. Man tat also gar nichts mehr! Gleichzeitig kriminalisierte Europa die Zivilgesellschaft und die privaten Seenotretter. Man sagte, dass, wenn die private Seenotrettung aufh\u00f6rt, Menschen nicht mehr fl\u00fcchten. 2017 war das alles zu viel f\u00fcr mich. Ich konnte das nicht mehr akzeptieren und musste etwas tun.<\/p>\n<p><em>Wie ging es dann weiter?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe mich entschieden, mein altes Leben hinter mir zu lassen. Ich k\u00fcndigte meinen gut bezahlten Job am \u201eCentre national de la recherche scientifique\u201c, meine Familie und ich sind daraufhin von Paris nach Le Havre ans Meer gezogen und ich habe eine einj\u00e4hrige Ausbildung zum Seenotretter in gemacht. Ich habe eine spezielle Qualifikation, mit der ich Menschen auf offener See retten kann. Die Ausbildung dauert mindestens ein Jahr und ich trainiere f\u00fcnf Tage in der Woche. Meine Familie habe ich von Anfang an eingebunden. Wir haben einen zweiw\u00f6chigen Trip nach Griechenland gemacht und haben die Fl\u00fcchtlingslager Moria und Kara Tepe besucht. Was wir auf Lesbos gesehen haben war Ungerechtigkeit, Gewalt und Verzweiflung. Nur wenige Menschen helfen, die meisten sind Griechen vor Ort, die einfach \u00fcberfordert sind. Und das alles in Europa! Nach dieser Erfahrung haben meine Familie und ich zusammen beschlossen, unser Leben zu \u00e4ndern. Meine Familie wei\u00df, warum ich hier bin und dass ich hier sein muss. Wenn wir nicht hier sind, ist es niemand. Ohne uns w\u00fcrden noch mehr Menschen sterben.<\/p>\n<p><em>Sind Sie gl\u00fccklich?<\/em><\/p>\n<p>Ja, das einzige, was ich bedauere, ist, nicht fr\u00fcher mein Leben ge\u00e4ndert zu haben. Aber ich f\u00fchle mich auch m\u00fcder, denn ich bin mittendrin, ich wei\u00df, was wirklich passiert und h\u00f6re nicht nur davon. Ich sehe, wenn die Menschen in Seenot leiden, ich sehe, dass sie Hilfe brauchen, ich sehe die institutionelle Gewalt, der sie ausgesetzt sind. Mein Leben heute ist herausfordernder, aber ich bin gl\u00fccklicher als zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align:right\">Gespr\u00e4ch: Constanze Broelemann und Thomas Lohnes (epd)<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Qualifikation bringen Sie mit f\u00fcr diese Aufgabe? Ich bin ausgebildeter Seenotretter in Frankreich und in Griechenland. 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