{"id":2237,"date":"2020-10-18T10:41:26","date_gmt":"2020-10-18T10:41:26","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/10\/18\/predigt-zu-75-jahre-stuttgarter-schuldbekenntnis-am-18-oktober-2020-in-der-markus-kirche-stuttgart-ekd\/"},"modified":"2020-10-18T10:41:28","modified_gmt":"2020-10-18T10:41:28","slug":"predigt-zu-75-jahre-stuttgarter-schuldbekenntnis-am-18-oktober-2020-in-der-markus-kirche-stuttgart-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/10\/18\/predigt-zu-75-jahre-stuttgarter-schuldbekenntnis-am-18-oktober-2020-in-der-markus-kirche-stuttgart-ekd\/","title":{"rendered":"Predigt zu 75 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis am 18. Oktober 2020 in der Markus-Kirche, Stuttgart \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p><em>Es gilt das gesprochene Wort.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>\u201ewir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fr\u00f6hlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben\u201c \u2013 es sind diese Worte, die es nach der furchtbaren Zeit der Evangelischen Kirche im Nationalsozialismus gebraucht hat. Es ist mehr als ein liturgisches \u201emea culpa\u201c, es ist Ausdruck der existenziellen Dunkelheit, die die Verfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses angesichts der Abgr\u00fcnde der Jahre des Dritten Reiches stellvertretend f\u00fcr viele vor nun 75 Jahren zum Ausdruck gebracht haben. Bekennen, Beten, Glauben und Lieben \u2013 darin, so erkl\u00e4rten sie, haben wir versagt. Wir haben in unserer gesamten christlichen Existenz gefehlt, umfassend, und nun steht alles auf dem Spiel. Kann es f\u00fcr diese Kirche weitergehen? Wie sieht eine Zukunft f\u00fcr diese Kirche aus? In Psalm 130 klingt diese ans Mark reichende Frage so: \u201eAus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir, Herr, h\u00f6re meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! Wenn du, Herr, S\u00fcnden anrechnen willst, Herr, wer wird bestehen?\u201c<\/p>\n<p>Die Frage ist rhetorisch, niemand kann vor Gott bestehen, wenn er die S\u00fcnden anrechnen wollte. Ein Neuanfang, wie ihn die Verfasser der Stuttgarter Schulderkl\u00e4rung erhofften, ist m\u00f6glich allein aus Gnade: \u201eWir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit,\u201c \u2013 so formulierten sie \u2013 \u201edass er unsere Kirchen als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verk\u00fcndigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.\u201c<\/p>\n<p>Ein Neuanfang in der Hoffnung, dass Gott die Kirche neu macht, dass Gott ihr vergibt, dass Gott ihr Vollmacht gibt. Woher nahmen die Bekennenden damals, und woher nehmen wir heute die K\u00fchnheit zu dieser Hoffnung? Woher diesen Mut zum Neuanfang? Wie kommen wir darauf, mit in die Worte des Psalmbeters einstimmen zu d\u00fcrfen: \u201eHoffe Israel auf den Herrn! Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erl\u00f6sung bei ihm\u201c?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich liegt die Antwort im heutigen Predigttext aus dem Epheserbrief, im 4. Kapitel: \u201eLegt von euch ab den alten Menschen mit seinem fr\u00fcheren Wandel, der sich durch tr\u00fcgerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die L\u00fcge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem N\u00e4chsten, weil wir untereinander Glieder sind. Z\u00fcrnt ihr, so s\u00fcndigt nicht; lasst die Sonne nicht \u00fcber eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen H\u00e4nden das n\u00f6tige Gut, damit er dem Bed\u00fcrftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschw\u00e4tz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es h\u00f6ren. Und betr\u00fcbt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid f\u00fcr den Tag der Erl\u00f6sung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und L\u00e4sterung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.\u201c<\/p>\n<p>Den alten Menschen ablegen, das bedeutet einen Neuanfang. Aber ganz bestimmt nicht einen Neuanfang, der einfach \u201ehinter sich lassen\u201c bedeutet. Es gab 1945 viele \u2013 und es gibt sie bis heute \u2013 die das Vergangene einfach abhaken, endg\u00fcltig hinter sich lassen wollten. \u201eEs gibt keine deutsche Kollektivschuld\u201c \u2013 hie\u00df es abwehrend damals. \u201eEinmal muss doch Schluss sein, nach 75 Jahren muss es ein Ende haben mit der Rede von der Schuld.\u201c \u2013 hei\u00dft es heute.<\/p>\n<p>Ich habe Anfang August dieses Jahres trotz der Corona-Krise eine Reise nach Auschwitz\/Birkenau unternehmen d\u00fcrfen. Gemeinsam mit Irmgard Schwaetzer, Josef Schuster und Romani Rose. Mir war diese Reise schon lange ein Bed\u00fcrfnis. Ich wollte diesen Ort sehen, der allein schon mit seinem Namen zum Symbol des nationalsozialistischen Schreckens und Grauens geworden ist. Es waren tiefe Eindr\u00fccke, die uns allen zugesetzt haben. Denn dort, an diesem Ort des millionenfachen Leidens und Sterbens, scheinen die 75 Jahre erst gestern gewesen. Der Ort \u00fcbertr\u00e4gt das Unfassbare, was dort geschehen ist &#8211; die Tr\u00e4nen, das Flehen, das Rufen, die Verzweiflung, das Blut, das zum Himmel schreit &#8211; bis ins Heute. Und zugleich zeugt der ganze Ort von der Unmenschlichkeit der T\u00e4ter und T\u00e4terinnen. Es war eine Geste der Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Freundschaft, dass Josef Schuster und seine Frau und Romani Rose uns begleiteten. Gemeinsam mit uns an diesem Ort waren, gemeinsam mit uns trauerten und beteten.<\/p>\n<p>Und wir haben alle gesp\u00fcrt: 75 Jahre sind angesichts dieser Vergangenheit, dieser Taten, gar nichts, ein Windhauch nur. Die Frage, ob es noch immer an der Zeit ist, dieses Gedenken aufrechtzuerhalten, stellt sich nicht. Die Erinnerung an die Schuld, die Einsicht in die gro\u00dfe Verantwortung, geh\u00f6rt seit 1945 in die DNA der Evangelischen Kirche. Eine Evangelische Kirche ohne Stuttgart 1945 kann es in Deutschland nicht geben. Und eine Erinnerung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis kann es nicht geben, ohne seine Defizite zu benennen, allen voran das Fehlen einer expliziten Benennung der Schuld an den Juden.<\/p>\n<p>Dass schon die ma\u00dfvollen \u00c4u\u00dferungen des Stuttgarter Schuldbekenntnisses einen Proteststurm in Deutschland, auch in den Kirchen, hervorriefen, zeigt, wie schwer es den Deutschen fiel, die Schuld wirklich anzuerkennen. Oft genug mit dem Hinweis, auch die anderen m\u00fcssten ihren Schuldanteil benennen. \u201eEin Tropfen Schuldbekenntnis von der anderen Seite ist uns lieber als ein Ozean Sympathie.\u201c Diesen Satz konnte ein hoch respektierter Mann wie der Theologe Helmut Thielicke in seiner kritischen Reaktion auf das Stuttgarter Schuldbekenntnis damals sagen.<\/p>\n<p>\u201eLegt von euch ab den alten Menschen mit seinem fr\u00fcheren Wandel&#8230; Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.\u201c \u2013 sagt der Epheserbrief. Der Weg vom alten Menschen weg f\u00fchrt vom Anerkennen der Schuld \u00fcber die Erfahrung der Vergebung hin zu einem Neuwerden.<\/p>\n<p>Von den 5 Gegen\u00fcberstellungen, die Paulus in seiner Ermahnung nutzt, das finde ich bemerkenswert und so aktuell, geht es in mindestens dreien um Worte, die wir miteinander wechseln. Worte, mit denen wir diffamieren, beleidigen, drohen, unseren Zorn zum Ausdruck bringen, l\u00e4stern, klein machen, b\u00f6se Ger\u00fcchte in die Welt setzen, Fake News verbreiten, qu\u00e4len, uns anschreien.<\/p>\n<p>Worte k\u00f6nnen dem Teufel die T\u00fcr \u00f6ffnen!<\/p>\n<p>\u201eSprache dichtet und denkt nicht nur f\u00fcr mich, sie lenkt auch mein Gef\u00fchl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen [\u2026]. Worte k\u00f6nnen sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.\u201c Das hat Victor Klemperer formuliert, als er die Sprache des \u201eDritten Reiches\u201c analysierte.<\/p>\n<p>Vom Wort zur Tat ist es oft nur noch ein kleiner Schritt. \u201eAuschwitz ist nicht vom Himmel gefallen\u201c, so hat es der Auschwitz-\u00dcberlebende Marian Turski, dem wir in der Internationalen Jugendbegegnungsst\u00e4tte in Auschwitz digital begegnet sind, gesagt. Es f\u00e4ngt mit Worten an. Mit der Art, wie wir miteinander, \u00fcbereinander, gegeneinander reden! Deswegen ist es so wichtig, sich heute mit Entschiedenheit denjenigen entgegenzustellen, die Worte wieder salonf\u00e4hig zu machen versuchen, die vor 75 Jahren in millionenfachen Mord gem\u00fcndet haben.<\/p>\n<p>An ihren Fr\u00fcchten werdet ihr sie erkennen, sagt Jesus. An unseren Worten wird man uns erkennen. Dazu geh\u00f6rt zum einen, wie wir selbst untereinander kommunizieren und in Beziehung stehen. Ist die Anrede Schwestern und Br\u00fcder, die ich f\u00fcr diese Predigt bewusst gew\u00e4hlt habe, nur eine Formsache, oder steht f\u00fcr uns mehr dahinter? Einander als Schwestern und Br\u00fcder zu erkennen und auch so miteinander umzugehen, macht einen Unterschied weit \u00fcber uns selbst hinaus. \u201e\u00c4ndert euren Geist und Sinn\u201c, sagt der Epheserbrief. Es sind nicht nur Verhaltens\u00e4nderungen. Es ist eine tief in der Seele verwurzelte Haltung. Eine Haltung, die aus der Liebe lebt, die Gott in unsere Seele legt. \u201eSeid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.\u201c<\/p>\n<p>So miteinander umzugehen, ist nicht nur etwas Pers\u00f6nliches. Es ist in hohem Ma\u00dfe auch etwas Politisches. Wann k\u00f6nnte das deutlicher sein als in Zeiten unw\u00fcrdiger TV-Duelle, in denen die Beleidigung und Herabsetzung zur bewussten Strategie wird. In Zeiten von Kommunikation in den sozialen Medien, in denen man sich an das Aussch\u00fctten von K\u00fcbeln von Hass fast schon zu gew\u00f6hnen droht.<\/p>\n<p>Menschenfreundlichkeit kommunizieren, aufbauen, wahrhaftig sein und gerecht. Vers\u00f6hnung und Vergebung predigen, die Zivilgesellschaft zusammenbringen, und nicht trennen. Wir brauchen heute so dringend Orte und Gemeinschaften. In denen es zur DNA geh\u00f6rt, anders miteinander umzugehen. \u201eSeid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.\u201c<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, lasst uns der Welt dieses Zeugnis geben und darin Salz der Erde und Licht der Welt sein! Lasst uns Raum geben f\u00fcr Gottes Geist. Lasst uns dankbar antworten auf die Gnade und Barmherzigkeit, die Gott uns und unserem Volk nach der Kumpanei mit der Barbarei hat widerfahren lassen.<\/p>\n<p>Gott hat sich nicht zur\u00fcckgezogen. Auschwitz ist das Sinnbild f\u00fcr Barbarei und Unmenschlichkeit, die uns vor Augen stellt, dass es auch heute noachitische Situationen auf der Welt geben kann, die die Sintflut verdient h\u00e4tten. Doch Gott hat sich festgelegt und den Regenbogen als Zeichen daf\u00fcr in den Himmel gesetzt. Dem millionenfachen Mord, all dem Schweigen und der Mutlosigkeit, all der Bequemlichkeit und der Ohnmacht zum Trotz, hat er seinen Bund mit der Welt und der Menschheit gehalten. Er hat uns nicht den R\u00fccken gekehrt, er hat seinen Geist nicht von uns genommen \u2013 nach 1945 und auch heute nicht. Aus seiner Vers\u00f6hnung leben wir. 75 Jahre nach der Stuttgarter Schulderkl\u00e4rung ist die Schuld nicht vergessen. Doch es ist etwas Neues geworden. Durch Gottes Gnade. Und durch menschliche Vers\u00f6hnungsbereitschaft.<\/p>\n<p>\u201eErneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.\u201c<\/p>\n<p>Gott gebe uns die Kraft dazu!<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gilt das gesprochene Wort. 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