{"id":3043,"date":"2021-04-04T10:53:28","date_gmt":"2021-04-04T10:53:28","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/04\/04\/predigt-von-heinrich-bedford-strohm-zu-karfreitag-2021-ekd\/"},"modified":"2021-04-04T10:53:30","modified_gmt":"2021-04-04T10:53:30","slug":"predigt-von-heinrich-bedford-strohm-zu-karfreitag-2021-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/04\/04\/predigt-von-heinrich-bedford-strohm-zu-karfreitag-2021-ekd\/","title":{"rendered":"Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zu Karfreitag 2021 \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p><em>Es gilt das gesprochene Wort.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eich bin in Karfreitagsstimmung\u201c. Diesen Satz sagen wir nicht nur am Karfreitag, sondern wir sagen ihn in bestimmten Lebenssituationen auch an anderen Tagen im Jahr. Dann n\u00e4mlich, wenn wir niedergedr\u00fcckt sind, wenn wir kein Land mehr sehen, wenn uns die Zuversicht abhandengekommen ist.<\/p>\n<p>Es kommt selten vor, dass ein ganzes Land in Karfreitagsstimmung ist. Aber am Karfreitag 2021 ist es so &#8211; trotz sonnigen Fr\u00fchlingswetters. Wir hatten noch vor Monaten so sehr gehofft, dass wir das Osterfest in diesem Jahr wieder unbeschwert, \u00fcberall in unseren Kirchen, mit Gesang und ohne Masken w\u00fcrden feiern k\u00f6nnen. Ein Osterfest nach Corona als eine Art Neuaufbruch in eine neue Normalit\u00e4t w\u00fcrden feiern k\u00f6nnen. Es ist anders gekommen. Und wir sind ersch\u00f6pft, verwundet und empfinden vielleicht auch ein St\u00fcck Ohnmacht angesichts der Unkontrollierbarkeit der Situation und der immer wieder entt\u00e4uschten Hoffnungen. Ja, es ist nicht schwer, am Karfreitag 2021 Karfreitagsgef\u00fchle zu empfinden.<\/p>\n<p>Umso mehr tut es gut, damit nicht allein zu sein. Diese Gef\u00fchle mit Menschen in der Kirche hier und vielen anderen Kirchen, digital verbunden mit Menschen in den Wohnzimmern zu Hause und mit so vielen Menschen auf der ganzen Welt zu teilen. Und \u2013 vielleicht am wichtigsten: sie mit Gott teilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich der wichtigste Grund, warum ich gerade am Karfreitag, warum ich gerade am 2. Pandemie-Karfreitag 2021, den Gottesdienst brauche, warum ich nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit Gott zusammen sein m\u00f6chte. Dass Gott selbst meine Verwundung mit mir teilt, ist genauso sperrig und schwer zu glauben wie es tr\u00f6stlich ist. Wenn das stimmt, dass Gott gerade im Leiden an meiner Seite steht, dann ahne ich, was gemeint ist, wenn der Psalm 139 sagt: \u201eFinsternis ist nicht finster.\u201c Dann bin ich selbst in meiner gr\u00f6\u00dften Verlorenheit nicht mehr verloren.<\/p>\n<p>Schon vor tausenden Jahren, als das sogenannte \u201eGottesknechtslied\u201c, unser heutiger Predigtabschnitt, aufgeschrieben wurde, haben Menschen das so empfunden. Hunderte von Jahren, bevor Jesus gelebt hat, war das, lange also, bevor es den christlichen Glauben gab. Umso verbl\u00fcffender ist es, dass in den Worten aus Jesaja schon so lange vor Jesus, diesem Menschen, der so schmachvoll am Kreuz gestorben ist, ein Mann beschrieben wird, bei dem Schmach und Schande und Gottesn\u00e4he zusammenfallen. Bis heute wissen wir nicht, wer mit diesem Gottesknecht gemeint war, der da bei Jesaja beschrieben wird. Das geschundene Volk Israel k\u00f6nnte es sein, oder ein einzelner Prophet. So oder so: der Gottesknecht wird als geschunden und verachtet beschrieben:<\/p>\n<p><em>\u201eEr war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn f\u00fcr nichts geachtet.\u201c<\/em> So wird er beschrieben. Und auch die Reaktion der Menschen darauf wird sehr direkt beschrieben:<em> \u201eWir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen h\u00e4tte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Was Jesaja da \u00fcber den Gottesknecht sagt, w\u00fcrden wir wahrscheinlich auch \u00fcber den Karfreitag sagen. Dass der Karfreitag der Lieblingsfeiertag ist, w\u00fcrde wohl kaum jemand sagen. \u00dcber Weihnachten mit seinen Lichtern und den Geschenken oder \u00fcber Ostern mit den Ostereiern und Fr\u00fchlingsgef\u00fchlen wahrscheinlich schon. Und dass der Karfreitag der h\u00f6chste Feiertag der Protestanten sei, stimmt auch nicht. Das Leiden ist kein Selbstzweck, sondern es ist eine Realit\u00e4t, der man ins Auge sehen muss, um im Herzen wieder Platz f\u00fcr Freude und Zuversicht zu bekommen. Deswegen ist der Karfreitag wichtig!<\/p>\n<p>Nicht weil der Karfreitag ein so sch\u00f6ner Feiertag oder gar mein Lieblingsfeiertag w\u00e4re, will ich ihn feiern, sondern weil er dem Raum gibt, was da ist, in mir, in den Herzen so vieler, im Herzen der Welt.<\/p>\n<p>Gerade weil sie da sind, diese Gef\u00fchle der Verwundung, der Ersch\u00f6pfung, der Fehlbarkeit, der eigenen Grenzerfahrungen gerade deswegen sehnen wir uns doch danach, dass uns jemand begleitet auf unserem Weg, dass uns jemand mitnimmt in dieser Situation und aus dieser Situation heraus.<\/p>\n<p>An dem Weg heraus aus dieser Situation arbeiten viele Menschen jeden Tag und sehr konkret mit ihrer je unterschiedlichen Professionalit\u00e4t. Sie retten in den Kliniken und Krankenh\u00e4usern Leben. Sie pflegen aufopferungsvoll Alte und Kranke Sie erkl\u00e4ren uns, wie das Virus sich verh\u00e4lt und wie wir uns davor am besten sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Sie entwickeln und verfeinern Impfstoffe. Sie produzieren und vertreiben Schnelltests. Sie erdenken politische L\u00f6sungen f\u00fcr die Krisensituation oder setzen sie um. Sie f\u00fchren internationale Verhandlungen um die Verteilung der Impfstoffe. Sie versuchen, Unternehmen, Gesch\u00e4fte und Restaurants zu st\u00fctzen und Arbeitspl\u00e4tze zu retten, bis wieder wirtschaftlich bessere Zeiten kommen. So viele Menschen arbeiten jeden Tag daran, dass wir so gut wie m\u00f6glich durch die Krise und wieder herauskommen.<\/p>\n<p>Aber wer hilft unserer Seele? Wer rei\u00dft uns aus der inneren Dunkelheit, die sich auszubreiten droht? Wer steht uns bei in unserer Angst? Wer vers\u00f6hnt uns in unserer inneren Zerrissenheit mit uns selbst und mit anderen?<\/p>\n<p>Im letzten Jahr ist in den \u00f6ffentlichen Diskussionen und in den Talkshows und Sondersendungen viel geredet worden \u00fcber Virologie, \u00fcber Kontaktbeschr\u00e4nkungen und \u00fcber noch m\u00f6gliche Tourismusziele. Und das mit guten Gr\u00fcnden. Aber dar\u00fcber, was das Virus mit der Seele macht, ist kaum gesprochen worden. Obwohl es doch f\u00fcr jeden und jede von uns das vielleicht zentralste Thema ist. Woher kommt unsere Hoffnung? Woher kommt unsere Widerstandskraft in dieser Notlage? Woher kommt die soziale Energie, die wir doch gerade jetzt so dringend brachen, damit wir einander nicht zerfleischen, sondern einander beistehen!? Diese f\u00fcr unser Leben so wichtigen Fragen m\u00fcssen endlich heraus aus einer verborgenen Kammer unseres Herzen hinein in die Gespr\u00e4che mit Familie und Freunden, aber auch in die \u00f6ffentliche Verarbeitung der Pandemie!<\/p>\n<p>Die Menschen in unserer pluralistischen Gesellschaft haben ganz unterschiedliche Quellen f\u00fcr ihre je eigenen Antworten. Wir als Christinnen und Christen haben eine klare, eine tr\u00f6stliche, eine kraftvolle Antwort: Der Gott, der diese Welt geschaffen hat, der uns unser Leben geschenkt hat und der uns jeden Tag begleitet, der f\u00fchrt uns auch durch das finstere Tal dieser Zeit. Er f\u00fchrt uns immer wieder von Neuem auf die gr\u00fcne Aue und zum frischen Wasser. Dieser Gott ist nicht nur ein Gott f\u00fcr sch\u00f6ne Zeiten, sondern er bleibt bei uns und st\u00e4rkt uns auch in den schweren Zeiten. Weil er die schweren Zeiten kennt. Weil die Erfahrung des Leidens in das Wesen Gottes selbst eingegangen ist. Weil er unser Leiden auf sich selbst nimmt, wir es auf ihn legen d\u00fcrfen und so Heilung erfahren.<\/p>\n<p><em>\u201eEr ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer S\u00fcnde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden h\u00e4tten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Jesus, der Sohn Gottes, der ganz eins ist mit Gott, stirbt am Kreuz mit einem Schrei der Verzweiflung. Nie mehr bleibt Gott das Leiden der Menschen fremd. Nie mehr kann Gott Gott sein, ohne das Leiden von uns Menschen mit uns zu teilen. Nie mehr kann Gott zuschauen und die Welt Welt sein lassen.<\/p>\n<p>Nein, Gott hat die Kraft, unsere Tr\u00fcbnis durch seinen lebensschaffenden Geist zu verwandeln. Diesen Geist in unserer Seele wirken zu lasse und uns aufzurichten, neuen Mut zu schaffen. Es ist vielleicht nur ein Licht am Horizont, das wir sehen. Ostern ist noch nicht da. Aber in der Gegenwart Gottes, indem er unsere Not teilt, ahnen wir schon etwas davon, dass diese Not nicht das letzte Wort ist.<\/p>\n<p>Es gibt eine Stelle im Neuen Testament, in der ein Satz aus unserem Predigtwort aus Jesaja zitiert wird. Es ist ein dunkler und schwer verst\u00e4ndlicher Satz: \u201eWie ein Schaf, das zur Schlachtung gef\u00fchrt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf\u201c (Apg 8,32). Ein hoher Finanzverantwortlicher der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien \u2013 so berichtet die Apostelgeschichte &#8211; ist nach Jerusalem gereist, um eine Antwort auf seine religi\u00f6sen Fragen zu finden. Auf dem R\u00fcckweg liest er laut diesen Satz. Philippus, ein J\u00fcnger Jesu, h\u00f6rt es, erkl\u00e4rt ihm den Satz und erz\u00e4hlt ihm von Jesus. Erz\u00e4hlt ihm davon, wie die in diesem so dunklen Satz verborgene Hingabe Jesu am Kreuz am Ende zum Beginn des neuen Lebens geworden ist. Und der K\u00e4mmerer aus \u00c4thiopien l\u00e4sst sich spontan taufen.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrt, welche Kraft dieser Glaube an einen Gott hat, der ganz f\u00fcr die Menschen da ist, der ihre tiefste Not mit ihnen teilt, sie auf sich nimmt und ihnen damit die T\u00fcr in die Zukunft \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Rechnen wir mit diesem Gott?! Lassen wir uns herausholen aus der Verkr\u00fcmmung in unsere Not und in unser Leid? Wagen wir, diese Not und dieses Leid einfach in Gottes Hand zu legen? Kann dieser Gott uns helfen?<\/p>\n<p>Das sind die Karfreitagsfragen, die sich uns heute stellen. Das sind Fragen, die an diesem Karfreitag im Raum stehen. Und stehen <strong>bleiben<\/strong>. Stehenbleiben <strong>m\u00fcssen<\/strong>. Denn es ist noch kein Ostern. Wir m\u00fcssen das Leiden aushalten. Zusammen mit Gott.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nur vertrauen\u2026<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gilt das gesprochene Wort. Liebe Gemeinde, \u201eich bin in Karfreitagsstimmung\u201c. 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