{"id":3697,"date":"2021-09-21T12:29:26","date_gmt":"2021-09-21T12:29:26","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/09\/21\/eroeffnungsrede-zur-ausstellung-seenotrettung-in-der-stadtkirche-offenburg-am-10-juli-2021-ekd\/"},"modified":"2021-09-21T12:29:26","modified_gmt":"2021-09-21T12:29:26","slug":"eroeffnungsrede-zur-ausstellung-seenotrettung-in-der-stadtkirche-offenburg-am-10-juli-2021-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/09\/21\/eroeffnungsrede-zur-ausstellung-seenotrettung-in-der-stadtkirche-offenburg-am-10-juli-2021-ekd\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede zur Ausstellung \u201eSeenotrettung\u201c in der Stadtkirche Offenburg am 10. Juli 2021 \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p>Sehr geehrter Herr Bundestagspr\u00e4sident, lieber Herr Sch\u00e4uble, liebe Br\u00fcder und Schwestern,<\/p>\n<p>jeder Mensch ist geschaffen zu Bilde Gottes. Nicht jede Deutsche, jeder Europ\u00e4er oder jeder Amerikaner, sondern: jeder Mensch. Das ist die \u00dcberzeugung unseres christlichen Glaubens und seiner j\u00fcdischen Wurzeln. Deswergen passt diese Ausstellung in eine Kirche. Denn die 16 Tafeln der Dokumentationsausstellung Grenzenlose Menschlichkeit, die wir hier in der Stadtkirche zu Offenburg ausgestellt sehen, sind ein unmissverst\u00e4ndlicher Appell. Die Forderungen an Politik und Gesellschaft lassen an Deutlichkeit nichts vermissen. Sie beunruhigen. Sie provozieren. Sie geben Stoff zum Nachdenken. \u201eMenschenleben sind unbezahlbar. Seenotrettung nicht\u201c ist ein Satz auf einem Plakat, dem man eigentlich gar nicht widersprechen kann. Auch der Titel dieser Ausstellung \u201eGrenzenlose Menschlichkeit. Man l\u00e4sst keine Menschen ertrinken. Punkt\u201c ber\u00fchrt Grundwerte, die nicht verhandelbar erscheinen. Und dennoch: w\u00e4re der Konsens dar\u00fcber so klar, s\u00e4\u00dfen wir heute nicht hier.<\/p>\n<p>Die Ausstellung bezieht in der \u00f6ffentlichen Diskussion um die zivile Seenotrettung und die europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik eindeutig Position. Zusammen mit dem von der EKD mitgegr\u00fcndeten Verein United4Rescue haben Sie als Albert-Schweitzer-Zentrum diese 16 eindr\u00fccklichen Mahntafeln erarbeitet und schlagen einen Bogen von den grundlegenden ethischen Verpflichtungen, \u00fcber die wir ja eigentlich einig sein m\u00fcssten, zur Seenotrettung. Von der Dramatik auf dem Mittelmeer und den vielen Toten ist die Rede, vom Scheitern der Europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik, aber auch vom Eintreten f\u00fcr gerechte Asylverfahren und f\u00fcr gelingende Integration von Gefl\u00fcchteten in Deutschland \u2013 und in Offenburg. Und die Ausstellung ordnet all das ein, in das Denken und Leben Albert Schweitzers. \u201eErst im Miterleben und Mitleiden sind wir wahrhaft Menschen\u201c \u2013 solche starken Aussagen Albert Schweitzers untermauern die Botschaft der Ausstellung. Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh wird dazu im Anschluss noch einiges Grunds\u00e4tzliche sagen.<\/p>\n<p>Was mich aber am meisten anzieht an diesen gro\u00dfen Dokumentarplakaten sind die Gesichter. Mich ber\u00fchrt es, in die Gesichter der Gefl\u00fcchteten und der Retter*innen zu schauen. Sie erz\u00e4hlen so viel \u00fcber das Schicksal dieser Menschen, ihre Augen sind wie Spiegel, die mir erz\u00e4hlen und spiegeln, was sie gesehen haben. Unfassbares Leid, unvorstellbare Angst, unendliche Ungewissheit \u2013 und Hoffnung. Es war f\u00fcr mich selbst zun\u00e4chst ein Besuch auf dem Marineboot Werra in Cagliari auf Sardinien 2016, das damals im Rahmen der Mission \u201eSophia\u201c viele Tausend Menschen im Mittelmeer gerettet hatte, der daf\u00fcr gesorgt hat, dass ich das Thema nicht mehr verdr\u00e4ngen konnte. Ich habe damals in einem Fl\u00fcchtlingsheim auch mit Menschen gesprochen, die nicht mehr leben w\u00fcrden, wenn die Werra sie nicht gerettet h\u00e4tte. Diese Mission wurde von der EU sp\u00e4ter ersatzlos eingestellt.\u00a0 Vor den Grenzen Europas ertranken Tausende von Menschen und Europa schaute zu \u2013 und das bis zum heutigen Tage.<\/p>\n<p>Die einzigen, die retten, sind die zivilen Seenotretter. Deswegen habe ich Anfang Juni 2019 im Hafen des sizilianischen Licata die Crew der damals festgesetzten SeaWatch 3 besucht. Im \u201ePalermo-Appel\u201c bin ich im Anschluss an den Besuchdort bei der Crew \u00a0im Rathaus von Palermo mit dem B\u00fcrgermeister von Palermo Leoluca Orlando mit Forderungen an die \u00d6ffentlichkeit getreten, die die den unertr\u00e4glichen Zustand beenden sollten. Dann kam wenige Wochen sp\u00e4ter der Evangelische Kirchentag. Eine spontan ins Programm genommene Veranstaltung zur Seenotrettung, zu der auch Leoluca Orlando anreiste, brachte Tausende von Menschen zusammen, die an die EKD die Forderung richteten, aktiv in die Seenotrettung einzusteigen. Sandra Bils sagte in ihrer Predigt im Schlussgottesdienst jenen vielzitierten Satz, der auch in den Titel der Ausstellung eingegangen ist: \u201eMan l\u00e4sst keine Menschen ertrinken. Punkt.\u201c Die Beratungen im Rat und in der Kirchenkonferenz der EKD haben dann dazu gef\u00fchrt, dass wir das B\u00fcndnis United4Rescue gr\u00fcndeten und innerhalb weniger Wochen so viel Geld gespendet wurde, dass die heutige Seawatch 4 gekauft werden konnte. 783 Organisationen und Institutionen aus Kirche und Zivilgesellschaft weit \u00fcber Deutschland hinaus geh\u00f6ren heute diesem B\u00fcndnis an.<\/p>\n<p>Auf den Tafeln der Ausstellung stehen eindringliche S\u00e4tze. Gerade in den Kirchen haben wir solche S\u00e4tze in den letzten Jahren immer wieder formuliert. Europa l\u00e4sst zu, dass Schiffe, die Menschen vor dem Ertrinken retten sollen, blockiert werden, w\u00e4hrend die europ\u00e4ischen Staaten gleichzeitig ablehnen, selbst die Seenotrettung im Mittelmeer wieder aufzunehmen. Das ist ein moralischer Skandal. Europa verr\u00e4t seine eigenen ethischen Traditionen. Aus der Sicht christlicher Grundorientierungen ist es f\u00fcr das Hilfshandeln nicht entscheidend, warum Menschen in Lebensgefahr geraten. Sondern nur, dass sie in Lebensgefahr sind. Und dann muss man schlicht retten. Niemand behauptet, dass es einfache L\u00f6sungen f\u00fcr den Umgang mit Flucht- und Migrationsbewegungen gib. Alle politischen Diskussionen um die Steuerung von Migration und um den Umgang mit Asylsuchenden k\u00f6nnen und m\u00fcssen gef\u00fchrt werden. Aber nicht anstatt des Rettens von Menschenleben. Die Rettung von Menschenleben hat immer Vorrang. Deswegen appelliere ich gerade an die europ\u00e4ischen Staaten, die sich besonders explizit auf das Christentum beziehen, die damit verbundenen ethischen Grundorientierungen endlich ernst zu nehmen und gemeinsam mit allen Staaten Europas eine Fl\u00fcchtlingspolitik zu entwickeln, die nicht von Abschottung, sondern von Humanit\u00e4t gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen war ich eingeladen zum 450. Jubil\u00e4um der Emder Synode, der reformierten Kirche in Deutschland. Sie, lieber Herr Bundestagspr\u00e4sident, haben uns per Video ein eindrucksvolles Gru\u00dfwort zukommen lassen und dabei die Barmer Theologische Erkl\u00e4rung ins Zentrum ger\u00fcckt. Vor Unterdr\u00fcckung und Verfolgung in den Niederlanden geflohen, machten sich die Evangelischen auf Richtung Deutschland \u2013 die meisten in Booten und per Schiff. Viele Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 1660, haben Gemeindeglieder an der Gro\u00dfen Kirche zu Emden ein Wappen mit der Aufschrift: \u201eGottes Kirche verfolgt, vertrieben. Gott hat hier Trost gegeben\u201c angebracht. Seit 1951 bildet es das Logo der Reformierten Kirche. Bis heute hat diese Kirche diese tiefe, ersch\u00fctternde Erinnerung an die eigene Flucht in sich lebendig gehalten \u2013 und handelt danach. Die Reformierte Kirche geh\u00f6rte deswegen zu einem der ersten Mitglieder von United4Rescue und hat in all den Diskussionen um das F\u00fcr und Wider auf die eigenen Urspr\u00fcnge in der Erfahrung der Flucht und der freundlichen Aufnahme in Deutschland hingewiesen. Aus solchen eigenen Ursprungserfahrungen zu leben und zu handeln, das ist uns auch durch unsere j\u00fcdisch-christliche Tradition aufgegeben: Die Zehn Gebote gehen auf die Erfahrung des Exodus zur\u00fcck, auf die Befreiung aus der Sklaverei in \u00c4gypten. Genauso ist es mit dem Gebot, die Fremdlinge zu sch\u00fctzen: \u201eDie Fremdlinge sollt ihr nicht unterdr\u00fccken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in \u00c4gyptenland gewesen seid\u201c (Ex 23,9).<\/p>\n<p>Dass Fremde mit Achtung und Respekt behandelt werden sollen, gewinnt seine Plausibilit\u00e4t durch die Einsehbarkeit und die Einf\u00fchlbarkeit ihrer besonderen Situation der Verletzlichkeit. Erinnere Dich daran, was Gott dir geschenkt hat und immer noch schenkt. Und handle am anderen genauso. Das genau ist auch der Kern der Goldenen Regel Jesu, die er uns in der Bergpredigt als inhaltliche Summe seiner Ethik vorstellt: \u201eAlles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten\u201c (Mt 7,12).<\/p>\n<p>Gr\u00fcnde f\u00fcr Fremdenfeindlichkeit gibt es viele: Verunsicherung, Angst vor dem Fremden, vielleicht sogar die Sorge um das eigene Leben. Das Gef\u00fchl, zu kurz zu kommen, nicht wahrgenommen zu werden, mit den Sorgen nicht geh\u00f6rt zu werden. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir ins Gespr\u00e4ch kommen anstatt Menschen vorschnell einen rechtsradikalen Hut aufzusetzen. Ich habe jedenfalls gute Erfahrungen mit solchen Gespr\u00e4chen gemacht.<\/p>\n<p>Die kraftvollste Grundlage f\u00fcr solche Gespr\u00e4che ist und bleibt das H\u00f6ren auf unsere biblische Tradition und die damit verbundenen Glaubensquellen. Das Faszinierende daran ist ja, dass die Liebe darin nicht einfach moralischer Appell bleibt, sondern dass die Kraft, in dieser Liebe zu leben, gleich mitausgeteilt wird: Ich bin geschaffen, zum Bilde Gottes, unendlich kostbar. Und mein Mitmensch, ob er neben mir wohnt oder sich aus Verzweiflung auf ein lebensgef\u00e4hrliches Schlauchboot im Mittelmeer begeben hat, ist es auch.<\/p>\n<p>Um ihn zu sehen, m\u00fcssen wir in sein Gesicht schauen. Dazu hilft diese Ausstellung. Ich w\u00fcnsche daher dieser Dokumentarausstellung, dass ihr viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Ich w\u00fcnsche ihr viele Menschen, die sehr genau in die Gesichter und Augen der Menschen schauen, die hier gezeigt werden. Ich w\u00fcnsche allen Besucherinnen und Besuchern, dass sie sich anr\u00fchren lassen, dass ihr Mitgef\u00fchl geweckt wird. Und damit etwas gest\u00e4rkt wird, was tief im christlichen Glauben verwurzelt ist und f\u00fcr die Ethik Albert Schweitzers zentral war: die Ehrfurcht vor dem Leben.<\/p>\n<p>Vielen Dank und Gottes Segen Ihnen allen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Bundestagspr\u00e4sident, lieber Herr Sch\u00e4uble, liebe Br\u00fcder und Schwestern, jeder Mensch ist geschaffen zu Bilde Gottes. Nicht jede<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3697"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3697"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3697\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}