{"id":3833,"date":"2021-10-25T11:27:01","date_gmt":"2021-10-25T11:27:01","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/10\/25\/grusswort-fuer-juergen-moltmann-zur-feier-des-95-geburtstags-am-24-10-21-in-bad-boll-ekd\/"},"modified":"2021-10-25T11:27:03","modified_gmt":"2021-10-25T11:27:03","slug":"grusswort-fuer-juergen-moltmann-zur-feier-des-95-geburtstags-am-24-10-21-in-bad-boll-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/10\/25\/grusswort-fuer-juergen-moltmann-zur-feier-des-95-geburtstags-am-24-10-21-in-bad-boll-ekd\/","title":{"rendered":"Gru\u00dfwort f\u00fcr J\u00fcrgen Moltmann zur Feier des 95. Geburtstags am 24.10.21 in Bad Boll \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, lieber J\u00fcrgen,<\/p>\n<p>Ich hatte gestern, bevor ich nach Bad Boll aufbrach, Gelegenheit, vormittags online an dieser Tagung teilzunehmen und habe dabei auch den Impuls von Prof. Idar Kjolsvik aus Norwegen geh\u00f6rt. Er hat mich sehr ber\u00fchrt. Er hat mich vor allem deswegen so ber\u00fchrt, weil er gezeigt hat, wie dein theologisches Lebenswerk mitten in Situationen des Leidens hinein, wie es die Situation nach dem schrecklichen Attentat in Kongsberg war, durch die Predigt von Bischof von Jan Otto Myrset zur Grundlage des Trostes f\u00fcr ein ganzes Volk werden konnte. So ist deine Theologie. Sie bleibt nicht in theologisch-philosophische H\u00f6hensph\u00e4ren gefangen \u2013 so sehr du auch da zu Hause bist \u2013 sondern sie spricht \u2013 getr\u00e4nkt durch Lebenserfahrung \u2013 mitten ins Leben hinein.<\/p>\n<p>Umso mehr bin ich dankbar f\u00fcr diese Tagung. Und daf\u00fcr, dass ich an ihr teilnehmen kann \u2013 und das nicht nur als Freund, sondern auch als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. In gro\u00dfer Dankbarkeit gratuliere ich Dir im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland von Herzen zu Deinem Geburtstag. Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg B\u00e4tzing hat mir ausdr\u00fccklich aufgetragen, auch von ihm einen herzlichen Gl\u00fcckwunsch auszurichten. Er hat mir gestern noch Folgendes geschrieben:<\/p>\n<p>\u201eIch habe sowohl bei meiner Diplomarbeit als auch bei der Dissertation zur Kreuzestheologie gearbeitet und dabei neben Hans Urs von Balthasar vor allem auch J\u00fcrgen Moltmanns \u201eDer gekreuzigte Gott\u201c wegen seines Perspektivwechsels der Fragestellung, n\u00e4mlich, was die Stellvertretung Jesu am Kreuz f\u00fcr Gott bedeutet, intensiv studiert. Und ich profitiere bis heute davon. Unsere Zeit ist ja mit weiten und tiefen Entw\u00fcrfen des Theologischen nicht gerade gesegnet, da ist es so gut, mit dem Jubilar bis heute einen tiefgr\u00fcndigen Zeitgenossen zu haben, der Generationen von Theologen und Theologinnen auch im katholischen Bereich gepr\u00e4gt hat. Ich gratuliere von ganzem Herzen und w\u00fcnsche Gottes reichen Segen f\u00fcr das neue Lebensjahr.\u201c<\/p>\n<p>Wie sehr Du am Wirken deiner Kirche Anteil nimmst, hast du im vergangenen Jahr nicht zuletzt dadurch gezeigt, dass Du mir immer wieder dringend eingesch\u00e4rft hast, dass wir doch endlich einmal einen Nationalen \u00d6kumenischen Gedenkgottesdienst f\u00fcr die Pandemieopfer halten sollten. Es hat eine Weile gedauert, um in Kirche und in der Staatsspitze dieses Anliegen in die Realit\u00e4t umzusetzen. Nach vielen kleineren Gedenkgottesdiensten hat im April in Berlin in Anwesenheit der gesamten Staatsspitze und vom Fernsehen live \u00fcbertragen der von dir so lange geforderte Nationale Gedenkgottesdienst stattgefunden.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist die Weggenossenschaft und dann immer mehr Freundschaft mit dir eng verbunden mit der Gesellschaft f\u00fcr Evangelische Theologie, bei der ich dir im Vorsitz bis zu meinem Amtsantritt als Bischof 2011 nach-nachfolgen durfte. Bei ihrer Tagung \u201eAnnahme und Widerstand\u201c zum Friedensthema 1981 in Arnoldshein hatte ich als Theologiestudent im 2. Semester erstmals an einer ihrer Tagungen teilgenommen. Und nach einem spontanen Redebeitrag fand ich mich nach den Wahlen pl\u00f6tzlich im Vorstand der Gesellschaft wieder. Dass es mir eine gro\u00dfe Ehre war, auf diese Weise den ber\u00fchmten J\u00fcrgen Moltmann kennenzulernen, kann man sich vorstellen. Und der ber\u00fchmte Theologe wurde f\u00fcr mich immer mehr zum Menschen J\u00fcrgen Moltmann. Als ich 1984\/85 in Berkeley studierte und Du gemeinsam mit Elisabeth eine Vortragsreise in die USA unternahmst, durfte ich nicht nur Eure USA-Vortr\u00e4ge vorab ins Englische \u00fcbersetzen, sondern traf Euch beide dann auch im Speisesaal der Pacific School of Religion zum Lunch. Auch Elisabeth Moltmann-Wendel war f\u00fcr mich zu diesem Zeitpunkt l\u00e4ngst ein gro\u00dfer Name als Nestorin der sich entwickelnden feministischen Theologie.<\/p>\n<p>Vorgestern habe ich sie noch einmal im Geiste sehr lebendig vor mir gesehen. Ich sa\u00df n\u00e4mlich bei einer Sitzung mit den kirchenleitenden Organen meiner Bayerischen Landeskirche in dem Saal in der Evangelischen Tagesst\u00e4tte Wildbad Rothenburg, in dem wir 1989 die Tagung \u00fcber \u201eProtestantismus in der Moderne\u201c abgehalten haben. Es hat mich einige \u00dcberzeugungsversuche gekostet, die GET endlich einmal nach Bayern einzuladen, dessen Image bei den Vorstandsmitgliedern der GET aus Zeiten des Kirchenkampfes immer noch ziemlich viel Luft nach oben hatte. Nun waren wir also in Rothenburg auf bayerischem Boden. Und Elisabeth hielt einen Vortrag \u00fcber den \u201eProtestantischen Dienstleib\u201c, in dem sie den patriarchalen Missbrauch des Dienstbegriffes und die damit verbundene K\u00f6rperfeindlichkeit aufs Korn nahm. Ihre mit zuweilen bei\u00dfender Kritik verbundene Lebendigkeit werde ich immer mit diesem Ort und dem dort gehaltenen Vortrag verbinden. Mir als dem Heidelberger Theologischen Gew\u00e4chs sagte sie: \u201eWerden se mir kein Homo Heidelbergensis.\u201c Wie ich im R\u00fcckblick in dieser Hinsicht in ihren Augen abschneide, das m\u00f6gest du sie in meinem Auftrag mal fragen, wenn du sie in der Ewigkeit wiedersiehst, sonst tue ich es zu gegebener Zeit selbst.<\/p>\n<p>Immer schon habe ich dich als jemanden erlebt, der Freude am Menschen und Freude an der Sch\u00f6pfung ausgestrahlt hat. Zu deinem 70. Geburtstag habe ich dir im Auftrag der GET deswegen ein Gem\u00e4lde von Joan Miro \u201eSingender Fisch\u201c ausgesucht und bei einer kleinen Feer in der Biesinger Stra\u00dfe \u00fcberreicht. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mir selbst einen Druck davon gekauft und gerahmt habe. Es h\u00e4ngt noch immer neben meinem Schreibtisch und erinnert mich an Dich.<\/p>\n<p>An zwei Beispielen will ich noch den biographischen Bogen beschreiben, der mir am heutigen Tage besonders vor Augen tritt.<\/p>\n<p>Das eine hat zu tun mit dem Afghanistan-Krieg. Am 1. November 2001 verabschiedete der Vorstand der GET eine Erkl\u00e4rung, die folgende Worte enthielt:<\/p>\n<p>\u201eDie Entwicklung der Ereignisse und insbesondere die wachsende Zahl der Opfer der milit\u00e4rischen Aktionen veranlassen den Vorstand der Gesellschaft f\u00fcr Evangelische Theologie, sich \u00f6ffentlich zu Wort zu melden und einen sofortigen Abbruch der Milit\u00e4raktionen zu fordern. \u2026<\/p>\n<p>Von den ethischen \u00dcberzeugungen der christlichen Tradition her sehen wir uns zu diesem Appell veranlasst,<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil sowohl vom Standpunkt eines christlichen Pazifismus her, als auch von dem Ma\u00dfstab der traditionellen Kriterien des \u201egerechten Krieges\u201c die gegenw\u00e4rtigen Ma\u00dfnahmen milit\u00e4rischer Gewaltanwendung nicht zu rechtfertigen sind<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil die zivilen Opfer in der Region schon jetzt jedes hinnehmbare Ma\u00df bei weitem \u00fcbersteigen<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil der Einsatz heimt\u00fcckischer Waffen wie Streubomben nicht nur jetzt unschuldiges Leben grausam t\u00f6tet, sondern auch in der Zukunft f\u00fcr lange Zeit unverantwortliche Risiken f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung mit sich bringt<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil in keiner Weise erkennbar ist, dass die v\u00f6lkerrechtlich legitimen Ziele, die angestrebt werden, durch die gegenw\u00e4rtigen Milit\u00e4rma\u00dfnahmen erreicht werden k\u00f6nnen<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil die Milit\u00e4rma\u00dfnahmen immer mehr Menschen einem gewaltbereiten Islamismus zutreiben und die Entwicklung eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen zunehmend erschweren<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil sie die Gefahr zuk\u00fcnftiger terroristischer Gewaltakte eher erh\u00f6hen als vermindern<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 weil sie nichts dazu beitragen, durch die Verminderung von Armut und Ungerechtigkeit den N\u00e4hrboden f\u00fcr Fanatismus und Gewaltbereitschaft auszutrocknen.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe bei der kurz danach stattfinden EKD-Synode im Amberg, zu der ich als theologischer Berater eingeladen war, diese Erkl\u00e4rung verbreitet, ohne aber eine nennenswerte Wirkung damit erzielen zu k\u00f6nnen. Genau 20 Jahre sp\u00e4ter m\u00fcssen wir feststellen, dass sich die Bef\u00fcrchtungen unserer damaligen Erkl\u00e4rung best\u00e4tigt haben.<\/p>\n<p>Mit einer erfreulicheren Entwicklung ist das zweite Beispiel verbunden. \u00a0Als wir im Vorstand der GET zum 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung 1984 in Wuppertal eine gro\u00dfe Tagung veranstalteten, brachen bei der Vorbereitung im Vorstand noch einmal die Wunden, die mit der Rolle der Lutheraner und insbesondere meines Amtsvorg\u00e4ngers als Landesbischof Hans Meiser bei den illegalen Landeskirchen entstanden waren, noch einmal richtig auf. Mit Bayern assoziierte man, was die Bekennende Kirche betrifft, Verrat. Der bayerische Theologiestudent hatte es schwer, durchzusetzen, dass auch die Bayerische Pfarrerbruderschaft eingeladen wurde. Als die Tagung stattfand, beeindruckte dann allerdings der bayerische Pfarrer Karl Steinbauer, der wegen seines Widerstands gegen die Nazis im Gef\u00e4ngnis gesessen hatte, die Versammlung nachhaltig.<\/p>\n<p>30 Jahre sp\u00e4ter war meine Rolle eine andere. Als Bayerischer Landesbischof durfte ich J\u00fcrgen Moltmann zu einem Studientag der vier kirchenleitenden Organe nach N\u00fcrnberg einladen, bei dem wir \u00fcber die Frage diskutierten, ob wir die BTE in die Kirchenordnung der ELKB aufnehmen wollen w\u00fcrden. J\u00fcrgen Moltmann hielt einen starken \u00f6ffentlichen Festvortrag zum Auftakt mit dem Titel \u201eDie Barmer Theologische Erkl\u00e4rung \u2013 Ein Bekenntnis?\u201c \u2013 und zwar am 31. Mai 2014 genau am 80. Jahrestag der Verabschiedung der Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die weitere Entwicklung hat J\u00fcrgen Moltmann gestern auf dem Podium schon erw\u00e4hnt: Die ELKB nahm nach einem mehrj\u00e4hrigen Diskussionsprozess bei ihrer Synodentagung in meiner Heimatstadt Coburg 2017 die BTE in ihre Kirchenverfassung auf. So hat sich f\u00fcr mich der biographische Bogen zu diesem Thema in wunderbarer Weise geschlossen.<\/p>\n<p>Als Freund sage ich: Lieber J\u00fcrgen, du hast einen gro\u00dfen Unterschied in meinem Leben gemacht!<\/p>\n<p>Und als EKD-Ratsvorsitzender sage ich: ich danke Gott daf\u00fcr, dass er dich uns als gro\u00dfen Lehrer der Kirche geschenkt hat und damit so viel Segen in so vielen Herzen, in der weltweiten Kirche und im Gemeinwesen insgesamt gewirkt hat.<\/p>\n<p>Gottes m\u00f6ge dich mit seinem Segen auf allen deinen Wegen in der Zukunft begleiten und es Dich sp\u00fcren lassen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, lieber J\u00fcrgen, Ich hatte gestern, bevor ich nach Bad Boll aufbrach, Gelegenheit, vormittags online an dieser<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3834,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3833"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3833"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3833\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3835,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3833\/revisions\/3835"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3834"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3833"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3833"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3833"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}