{"id":3885,"date":"2021-10-31T14:29:27","date_gmt":"2021-10-31T14:29:27","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/10\/31\/vortrag-von-heinrich-bedford-strohm-am-30-oktober-2021-in-wittenberg-ekd\/"},"modified":"2021-10-31T14:29:30","modified_gmt":"2021-10-31T14:29:30","slug":"vortrag-von-heinrich-bedford-strohm-am-30-oktober-2021-in-wittenberg-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2021\/10\/31\/vortrag-von-heinrich-bedford-strohm-am-30-oktober-2021-in-wittenberg-ekd\/","title":{"rendered":"Vortrag von Heinrich Bedford-Strohm am 30. Oktober 2021 in Wittenberg \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><strong>1. Dem Volk aufs Maul schauen \u2013 dem Zeitgeist auf den Leim gehen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDem Volk aufs Maul schauen \u2013 dem Zeitgeist auf den Leim gehen?\u201c Dass das Thema, das Sie mir f\u00fcr den heutigen Vortrag gegeben haben, mit einem Fragezeichen versehen ist, hat gute Gr\u00fcnde. Denn es zeigt die ganze Ambivalenz des Versuchs, die alten Traditionsbest\u00e4nde unseres evangelischen \u2013 und nun noch umfassender \u2013 unseres christlichen Glaubens f\u00fcr die heutige moderne Welt neu aufzuschlie\u00dfen. Dass Martin Luther dem Volk \u201eaufs Maul schauen wollte\u201c, zitieren wir heute zu Recht als Mahnung zu einer Sprache des Glaubens, die nicht nur Akademiker oder mit kirchlichen Milieus Vertraute verstehen, sondern alle Menschen, die ja alle miteinander verdienen, \u201eeinen einfachen Zugang zur Liebe Gottes\u201c zu bekommen wie wir das in unserem bayerischen Zukunftsprozess \u201eProfil und Konzentration\u201c als oberstes Ziel formuliert haben.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist klar, dass es dabei nie um das Nachbeten g\u00e4ngiger Vorurteile gehen darf, die zwar breit im Volk verwurzelt sein m\u00f6gen, die aber nichts mit dem Evangelium zu tun haben oder ihm sogar diametral widersprechen. Martin Luthers Hetzreden gegen die Juden sind ein trauriges Beispiel daf\u00fcr, wie er selbst \u201edem Zeitgeist auf den Leim gegangen\u201c ist, wie Sie es in meinem Titel formuliert haben. Ich habe im Reformationsjahr 2017 in der Frankfurter Paulskirche vor den versammelten Vertretern des Judentums meine Scham dar\u00fcber zum Ausdruck gebracht und um Vergebung gebeten. Umso mehr war es mir eine Freude, am Mittwoch dieser Woche im Senatssaal der Humboldt-Universit\u00e4t die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Karma Ben Johanan h\u00f6ren zu d\u00fcrfen. Sie wurde als J\u00fcdin und Israelin auf die Stiftungsprofessur f\u00fcr j\u00fcdisch-christliches Gespr\u00e4ch berufen, deren Errichtung ich damals in der Paulskirche als Zeichen unserer im Reformationsjubil\u00e4um noch einmal in aller Klarheit zum Ausdruck gebrachten Neubesinnung f\u00fcr die EKD angek\u00fcndigt hatte.<\/p>\n<p>\u201eDem Volk aufs Maul schauen\u201c ist also damals wie heute eine Gratwanderung. Rechtspopulistische Bewegungen k\u00f6nnen sich jedenfalls niemals im christlichen Sinne darauf berufen, denn die darin propagierte pauschale Abwertung ganzer Menschengruppen, die die Soziologie \u201egruppenbezogene Menschenfeindlichkeit\u201c nennt, steht im tiefen Widerspruch zu den Grundorientierungen, f\u00fcr die das Christentum steht.\u00a0<\/p>\n<p>Immer wieder wird der evangelischen Kirche ein Nachlaufen hinter dem Zeitgeist vorgeworfen. Wie unsinnig ein solch pauschaler Vorwurf ist, zeigt schon der ber\u00fchmte Pr\u00fcfauftrag des Paulus aus 1.Thessalonicher 5,21: \u201ePr\u00fcft aber alles und das Gute behaltet.\u201c Es geht also um die Pr\u00fcfung der Geister einer Zeit. Die Schuld, die die Kirche in der Nazizeit auf sich geladen hat, ist ein trauriges Beispiel, wie die Kirche mit dem Eingehen auf den Zeitgeist das Evangelium verraten und schwere Schuld auf sich geladen hat. Aber es gibt eben auch traurige Beispiele daf\u00fcr, dass die Kirche genau dadurch Schuld auf sich geladen hat, dass sie sich viel zu lange gegen den Zeitgeist gestemmt hat. Ihr Verh\u00e4ltnis zu den Menschenrechten ist ein solches Beispiel.<\/p>\n<p>Die Kirche begegnete dem sich im 18. Jahrhundert allm\u00e4hlich herausbildenden Gedanken der Menschenrechte mit tiefem Misstrauen. Der Terror der Jakobi\u00acner in Frankreich und die Entmachtung der katholischen Kirche durch die Revolu\u00action war nur ein Grund f\u00fcr dieses Misstrauen. Die tiefere Ursache f\u00fcr die ableh\u00acnende Einstellung der Kirche gegen\u00fcber dem Gedanken der Menschenrechte lag in den S\u00e4kularisierungsimpulsen, die sie, nicht zu Unrecht, in diesem Gedanken sah. Eine Lehre, in der der Staat in der freien \u00dcbereinkunft der Menschen anstatt in Gott begr\u00fcndet wurde, eine Lehre, in der die Menschen als Tr\u00e4ger unver\u00e4u\u00dferlicher und qua natura gegebener Freiheitsrechte gesehen wurden, anstatt als der g\u00f6ttli\u00acchen und damit auch kirchlichen Autorit\u00e4t untertan, eine solche Lehre erschien der Kirche als atheistisches Gedankengut, das mit aller Entschiedenheit zu bek\u00e4mpfen war. Es dauerte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, bis diese ablehnende Haltung der Kirche gegen\u00fcber dem Gedanken der Menschenrechte endg\u00fcltig \u00fcberwunden wurde. Inzwischen sind die Menschenrechte zum nicht mehr wegzudenkenden Grundbe-standteil theologischer Ethik geworden und angesichts der au\u00dferordentlichen N\u00e4he zu zentralen biblischen Inhalten mag man kaum glauben, dass die Liebe zwischen Menschenw\u00fcrde bzw. Menschenrechten und der christlichen Ethik eine so sp\u00e4te Liebe war.<br \/>Ich wage die Prognose, dass wir in der Zukunft eine \u00e4hnliche Diagnose auch beim Thema Homosexualit\u00e4t sehen werden. Hier hat sich allein in den letzten zehn Jahren meiner Amtszeit als Landesbischof, in denen ich die Diskussionen in der Kirche aus der N\u00e4he erlebt habe, fast so etwas wie eine innerkirchliche Kulturrevolution ereignet. Sie geht durch alle Fr\u00f6mmigkeitsrichtungen. Dass wir die Meinung, Homosexualit\u00e4t sei S\u00fcnde, in einem Gro\u00dfteil unserer Kirche, \u00fcberwunden haben, ist aus meiner Sicht nicht Ausdruck eines Verrats am Evangelium und einem Nachlaufen hinter dem Zeitgeist, sondern Ausdruck einer Wiederentdeckung des Evangeliums. Denn dass Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung, die sie \u2013 wie das bei uns allen der Fall ist &#8211; als Teil ihrer Identit\u00e4t empfinden, diskriminiert werden, wiederspricht der radikalen Menschenliebe, f\u00fcr die Jesus Christus steht.<\/p>\n<p>Diese beiden Beispiele, das historische und das gegenwartsbezogene, zeigen, dass weder die pauschale Ablehnung des Zeitgeistes noch die habituelle Anpassung an den Zeitgeist die Grundlage f\u00fcr \u00f6ffentliche Verantwortung von Glaubensrede sein kann.<\/p>\n<p><strong>2. Die \u00d6ffentliche Verantwortung der Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Kirche eine \u00f6ffentliche Verantwortung hat, hat niemand eindrucksvoller deutlich gemacht als Dietrich Bonhoeffer. In einer Passage in seiner Ethik, die in modifizierter Form auch in sein ber\u00fchmtes Traktat \u201eNach zehn Jahren\u201c aufgenommen ist, schreibt Bonhoeffer:\u00a0\u201eAuf der Flucht vor der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kr\u00e4ften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf \u00d6ffentlichkeit wei\u00df er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschlie\u00dfen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterl\u00e4sst, nicht zur Ruhe kommen lassen.\u201c <em>(i)<\/em><\/p>\n<p>Dieses Bonhoeffer-Zitat zeigt in sehr eindrucksvoller Weise, warum f\u00fcr ihn Theologie immer auch \u00f6ffentliche Theologie sein muss. Der prinzipielle Verzicht auf \u00d6ffentlichkeit ist notwendigerweise mit einem Selbstbetrug verbunden. Der schlichte Hinweis auf das Doppelgebot der Liebe reicht aus, um die mit dem Verzicht auf \u00d6ffentlichkeit verbundene Hinnahme von Unrecht als solchen Selbstbetrug deutlich zu machen. <em>(ii)<\/em><\/p>\n<p>Bei Bonhoeffer ist die unverzichtbare Bedeutung der \u00d6ffentlichkeit wesentlich motiviert durch seine Vers\u00f6hnungstheologie, die ihm einen konstruktiven Zugang auch zur s\u00e4kularen Welt er\u00f6ffnet. Weil Christus die ganze Welt (2.Kor 5,19: \u201eton kosmon\u201c) vers\u00f6hnt hat, daher finden wir die Gotteswirklichkeit nur, wenn wir uns ganz auf die Weltwirklichkeit einlassen. Ausgehend von 2. Kor 5 sieht Bonhoeffer die ganze Wirklichkeit in Christus vers\u00f6hnt. \u201eDie Wirklichkeit Gottes\u201c \u2013 so lautet der zu Recht oft zitierte Schl\u00fcsselsatz \u2013 \u201eerschlie\u00dft sich nicht anders als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt, die Weltwirklichkeit aber finde ich immer schon getragen, angenommen, vers\u00f6hnt in der Wirklichkeit Gottes vor. Das ist das Geheimnis der Offenbarung Gottes in dem Menschen Jesus Christus\u201c (DBW 6,40).<\/p>\n<p>Von dem damit angedeuteten Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis her kann Bonhoeffer gar nicht anders als sich kritisch mit den Dualismen einer bestimmten \u00fcberlieferten Gestalt der Zweireichelehre auseinanderzusetzen. Bonhoeffer wendet sich gegen diese Auffassung, nach der im pers\u00f6nlichen Leben andere Gesetze gelten als im politischen Leben. Das Denken in zwei R\u00e4umen \u2013 so Bonhoeffer &#8211; widerspricht zutiefst dem biblischen wie dem reformatorischen Denken und geht an der Wirklichkeit vorbei: \u201eEs gibt nicht zwei Wirklichkeiten, sondern nur eine Wirklichkeit, und das ist die in Christus offenbar gewordene Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit\u201c (DBW 6, 43).<\/p>\n<p>Der mit diesem Ansatz verbundene und von Bonhoeffer in der Ethik breit entfaltete Gedanke ist deswegen so zentral f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Theologie und \u00d6ffentlichkeit, weil nach Bonhoeffer damit alle Kr\u00e4fte, die die Dynamik moderner \u00d6ffentlichkeiten pr\u00e4gen, in den Reflexionsbereich der Theologie hineingenommen sind. \u00a0\u201eEs gibt kein St\u00fcck Welt und sei es noch so verloren, noch so gottlos, das nicht in Jesus Christus von Gott angenommen, mit Gott vers\u00f6hnt w\u00e4re\u201c (DBW 6,52).<\/p>\n<p>Das radikale theologische Durchdenken der Vers\u00f6hnung der ganzen Welt in Jesus Christus f\u00fchrt dazu, dass die Theologie Dietrich Bonhoeffers, gerade in ihrer Gegr\u00fcndetheit in der Erfahrung von Leid, eine von tiefer Zuversicht gepr\u00e4gte Theologie, ja, man darf sagen, eine Theologie der Hoffnung ist. Denn in dem Christusereignis kommt in un\u00fcberbietbar verdichteter Weise zum Ausdruck, dass die Welt nicht verloren ist. Die Freiheit eines Christenmenschen besteht genau darin, in der eigenen Existenz, in Politik und Wirtschaft, in allen Bereichen des Lebens zu bezeugen, dass auch hinter den vielen Neins, die wir t\u00e4glich vor uns sehen oder selbst erfahren, am Ende Gottes gro\u00dfes Ja steht.<\/p>\n<p><strong>3. Reformatorische Wirtschaftsethik als Beispiel \u00d6ffentlicher Glaubensrede<\/strong><\/p>\n<p>Entgegen dem schon von Bonhoeffer widerlegten Missverst\u00e4ndnis der Zweiregimentelehre Martin Luthers hat Luther selbst die Gestaltungskraft des christlichen Glaubens f\u00fcr Politik und Wirtschaft klar im Blick gehabt. Das wird besonders eindrucksvoll deutlich an seinen profilierten Aussagen zur Wirtschaftsethik. Luther w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, wirtschaftliche Praktiken, die dem Glauben widersprechen, widerspruchslos hinzunehmen. Auch wenn die Triebkraft seines Denkens nicht das Vision\u00e4re ist, sondern der Versuch, die Bedingungen zu beschreiben, unter denen der Glaube in der unerl\u00f6sten Welt gelebt werden kann, so ist f\u00fcr ihn v\u00f6llig klar, dass zu den dabei leitenden Voraussetzungen das geh\u00f6rt, was wir heute die vorrangige Option f\u00fcr die Armen nennen. Die Verquickung von Wirtschaft und Politik sowie die Verletzung der Mindeststandards von Verteilungsgerechtigkeit, die mit guten Gr\u00fcnden heute zu den immer wieder intonierten Themen \u00f6ffentlicher Theologie geh\u00f6ren, waren schon f\u00fcr Luther Themen, zu denen er sich \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert hat. Luther sagt \u00fcber die Macht der multinationalen Konzerne damals wie der Fugger:<\/p>\n<p>\u201eWie sollt das immer m\u00f6gen g\u00f6ttlich und recht zugehen, da\u00df ein Mann in so kurzer Zeit so reich werde, da\u00df er K\u00f6nige und Kaiser aufkaufen m\u00f6chte? Aber weil sie es dahingebracht haben, da\u00df alle Welt in Gefahr und Verlust mu\u00df handeln, heuer gewinnen, \u00fcber ein Jahr verlieren, aber sie immer und ewiglich gewinnen und ihre Verluste mit ersteigertem Gewinn b\u00fc\u00dfen k\u00f6nnen: ists nicht wunder, dass sie bald aller Welt Gut zu sich rei\u00dfen. Nun kaufschlagen je solche Gesellschaften mit eitel ewigen gewissen Gulden um unsere zeitlichen ungewissen Pfennige. Und sollte noch wunder sein, dass sie zu K\u00f6nigen und wir zu Bettlern werden?\u201c<\/p>\n<p>Man kann bei diesem Zitat durchaus die Sorge entwickeln, dass anti-kapitalistischer Populismus hier zum leitenden Motiv werde. Mangelnde Klarheit in der \u00f6ffentlichen \u00a0Stellungnahme wird man Luther aber sicher nicht vorwerfen k\u00f6nnen. <em>(iii)<\/em>\u00a0Mit guten Gr\u00fcnden sind Worte aus diesem Luther-Zitat in ein vieldiskutiertes Dokument \u00f6ffentlicher Theologie eingeflossen: die Unternehmerdenkschrift der EKD von 2008, in der in Ziffer 90 auf die Diskussion um die angemessene H\u00f6he von Managergeh\u00e4ltern eingegangen wird. <em>(iv)<\/em><\/p>\n<p>Ich gebe ein anderes Beispiel, wie schon die Reformatoren Themen \u00f6ffentlicher Theologie angesprochen haben, deren Aktualit\u00e4t erstaunlich ist. Philipp Melanchthon \u00e4u\u00dfert sich ebenfalls zu wirtschaftsethischen Fragen, bezieht sie aber gleichzeitig auf die Frage nach dem sozialen Zusammenhalt. Zinsgesch\u00e4fte &#8211; so Melanchthon \u2013 gef\u00e4hrden den sozialen Zusammenhalt:\u00a0\u201eDer Schriftbefund ist eindeutig: Gott hat an Zinsgesch\u00e4ften kein Gefallen. Das sollen wir wissen und nicht, wie so manche tun, irgendwelche Kl\u00fcgeleien anstellen, um das offenkundige Zinsunwesen zu entschuldigen.\u201c<\/p>\n<p>Neben der Bezugnahme auf die Schrift erl\u00e4utert Melanchthon dann, warum seine Kritik f\u00fcr alle Menschen guten Willens plausibel ist, ganz in dem Sinne dessen, was ich \u201eZweisprachigkeit\u201c nenne:\u00a0\u201eNebst dem [sc. Schriftbefund] sind auch die jedem nat\u00fcrlichen Urteilsverm\u00f6gen zug\u00e4nglichen Gr\u00fcnde zu er\u00f6rtern, warum Zinsen nicht der Norm der Gerechtigkeit entsprechen. Der vorz\u00fcglichste davon ist: Die Zivilgesellschaft (sic!) hat keinen Bestand, wenn es in Fragen des gesellschaftlichen Austauschs keinen gerechten Ausgleich gibt. Ist n\u00e4mlich einer der am gesellschaftlichen Austausch beteiligten Partner ersch\u00f6pft, muss die Gesellschaft zusammenbrechen. <em>(v)<\/em><\/p>\n<p>Nun herrscht in der Tat in Zinsgesch\u00e4ften keine Gerechtigkeit, wenn derjenige, der von seinem Eigentum etwas ausgeliehen hat, mehr als das Seine zur\u00fcckerh\u00e4lt. Sein Gegen\u00fcber, also der Leihnehmer, wird dadurch belastet bis zur Ersch\u00f6pfung. Das besch\u00e4digt und schw\u00e4cht, wie die Erfahrung zeigt, die Gerechtigkeit und gesellschaftliche Stabilit\u00e4t. Wo man ma\u00dflose Zinsgewinne zugelassen hat, sind ganze V\u00f6lker in Armut geraten, ja, sie waren gezwungen, ihre T\u00f6chter und S\u00f6hne zu verkaufen. Nicht selten mussten ganze Herrschaften verpf\u00e4ndet werden. <em>(vi)<\/em><\/p>\n<p>Wie immer man den Inhalt dieser Worte beurteilen mag, die N\u00e4he zu unseren Diskussionen heute \u2013 etwa um einen m\u00f6glichen Lastenausgleich zwischen Pandemiegewinnern und Pandemieverlierern &#8211; ist erstaunlich.\u00a0<br \/>Als Ergebnis halte ich fest: \u00d6ffentliche Glaubensrede, will sie \u2013 mit der 2. These der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung gesprochen &#8211; Jesus Christus als Zuspruch und Anspruch f\u00fcr unser ganzes Leben bezeugen, kann den Horizont von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nie auslassen. Auf das Zeugnis der Reformatoren k\u00f6nnte sie sich jedenfalls damit nicht berufen.<\/p>\n<p>Aber wie kann die Kirche heute \u00f6ffentlich reden? Und wie kann sie in den ganz unterschiedlichen Dimensionen ihres Auftrags \u00f6ffentlich reden? Vier Dimensionen sind zu unterscheiden.<\/p>\n<p><strong>4. Vier Dimensionen \u00f6ffentlicher Rede der Kirche<\/strong><\/p>\n<p><em>4.1. Die pastorale Dimension \u00f6ffentlicher Rede der Kirche<\/em><\/p>\n<p>Die pastorale Dimension \u00f6ffentlicher Rede der Kirche wird besonders augenscheinlich deutlich, wenn eine Gesellschaft vor der Aufgabe steht, mit \u00f6ffentlichen Katastrophen umzugehen. Dass die Gottesdienste, in denen der Versuch gemacht wird, nach solchen Katastrophen wieder eine Sprache zu finden, gro\u00dfe Aufmerksamkeit finden, hat sich gerade in j\u00fcngster Zeit wieder gezeigt. Zuerst war es der \u00f6kumenische Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der Pandemie in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtnis-Kirche am 18. April dieses Jahres. Und dann war es der ebenfalls \u00f6kumenische Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe am 28. August im Aachener Dom. In beiden F\u00e4llen nahm die gesamte Staatsspitze am Gottesdienst teil.<\/p>\n<p>Solche Gottesdienste \u2013 das gilt offensichtlich auch unter zunehmend religi\u00f6s und weltanschaulich pluralen Bedingungen &#8211; haben eine wichtige Funktion bei der Bew\u00e4ltigung von Trauer und Fassungslosigkeit in Grenzsituationen, die weit \u00fcber den Raum des Privaten hinaus und in die \u00d6ffentlichkeit hinein reichen. Neben dem Reden spielt dabei auch das \u00f6ffentliche Schweigen oder das \u00f6ffentlichen Entz\u00fcnden von Kerzen eine wichtige Rolle. Es erinnert uns daran, dass das \u00f6ffentliche Handeln der Kirche viel weiterreicht als es das Mittel der Rede zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Die pastorale Dimension \u00f6ffentlicher Glaubensrede umfasst aber mehr als die Hilfe in der Bew\u00e4ltigung von Grenzsituationen. Sie kann &#8211; etwa bei Betriebsschlie\u00dfungen auch die pers\u00f6nliche Not derer in die \u00d6ffentlichkeit bringen, die von sozialen Notlagen betroffen sind. Sie kann in einer \u00f6ffentlichen Totenklage zum Ausdruck kommen, wie das in dem Gedenkgottesdienst f\u00fcr die im Mittelmeer ertrunkenen Fl\u00fcchtlinge der Fall war, den ich am 14. Dezember 2019 zusammen mit Kardinal Marx im M\u00fcnchner Dom gehalten habe. Alle bekannten Namen der Ertrunkenen wurden \u2013 z. T. mit erstickter Stimme und unter Tr\u00e4nen, von Angeh\u00f6rigen &#8211; \u00a0vorgelesen.\u00a0<\/p>\n<p>Die pastorale Dimension \u00f6ffentlicher Glaubensrede kommt aber auch zum Ausdruck, wenn Geistliche diejenigen st\u00e4rken, die politische Verantwortung tragen und sich t\u00e4glich mit Dilemmasituationen konfrontiert sehen, die auch pers\u00f6nlich belastende Formen annehmen k\u00f6nnen. Sie st\u00e4rkt ihnen den R\u00fccken, wenn sie sich mit einer dumpfen Aversion gegen die politische Welt konfrontiert sehen, bei der die Lehnstuhlkritik den Vorrang hat gegen\u00fcber kritisch-konstruktiver Mitgestaltung.<\/p>\n<p>All das sind Formen \u00f6ffentlicher Seelsorge als wichtiger pastoraler Dimension \u00f6ffentlicher Glaubensrede.<br \/>Es gibt Zeiten, in denen diese pastorale Dimension \u00f6ffentlichen Redens der Kirche im Mittelpunkt stehen muss und in denen der Streit um den rechten Weg hintansteht.<\/p>\n<p><em>4.2. Die diskursive Dimension \u00f6ffentlicher Rede der Kirche<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Streit ist nun aber die diskursive Dimension \u00f6ffentlichen Redens der Kirche von besonderer Bedeutung. spielt bei diesem Streit um den rechten Weg indessen eine zentrale Rolle. Sie steht im Zentrum, wenn Repr\u00e4sentant*innen der Kirche bei Talkshows oder \u00f6ffentlichen Podien des Kirchentages \u00fcber Migrationspolitik mitdiskutieren. Sie wird wirksam, wenn Synodale bei ihrer Synodaltagung auf einem Podium mit Expertinnen und Experten von au\u00dfen \u00fcber Klimawandel oder Wirtschaftsethik debattieren. \u00d6ffentliches Reden der Kirche liegt nicht nur dann vor, wenn Bisch\u00f6fe, Oberkirchenr\u00e4te oder Synodalpr\u00e4sidentinnen sprechen, sondern auch dann, wenn Christenmenschen sich bewusst als Glieder der Kirche \u00e4u\u00dfern, unabh\u00e4ngig von ihrer Stellung in der Kirche. Dass diejenigen, die zur \u00f6ffentlichen Repr\u00e4sentanz der Kirche beauftragt worden sind, mit mehr Verbindlichkeit f\u00fcr die Kirche sprechen, ist allerdings ebenso klar.<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei eine Zweistufigkeit im \u00f6ffentlichen Reden der Kirche zu beachten. Es gibt Grundorientierungen, \u00fcber die auf der Basis der gemeinsamen biblischen Grundlagen breiter Konsens besteht. Dazu geh\u00f6rt der Respekt vor der Natur als Mitkreatur, aber auch die biblische Option f\u00fcr die Armen, die Grundlage des diakonischen Handelns der Kirche ist, seit es sie gibt. Wie sich diese Grundorientierungen in praktische Politik \u00fcbersetzen lassen, dar\u00fcber muss es aber auch innerhalb der Kirche einen ergebnisoffenen Diskurs geben.\u00a0<br \/>Die diskursive Dimension \u00f6ffentlichen Redens der Kirche ist so wichtig, weil sie auch \u00f6ffentlich deutlich macht, dass in einer pluralistischen Gesellschaft nicht dogmatische Geltungsanspr\u00fcche die Grundlage f\u00fcr das \u00f6ffentliche Wirken der Kirche sein k\u00f6nnen, sondern argumentative Plausibilisierung und Inspiration. Ich nenne bewusst auch die Inspiration, weil auch in einer solchen pluralistischen Gesellschaft nicht nur das Argument \u00fcberzeugt, sondern auch Leidenschaft, Begeisterung und Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>4.3. Die politikberatende Dimension \u00f6ffentlicher Rede der Kirche<\/em><\/p>\n<p>N\u00fcchterner geht es zu, wenn die politikberatende Dimension im Zentrum steht. Sie findet etwa in der Arbeit der Kammern der EKD ihren Ausdruck, in denen wichtige \u00f6ffentliche Stellungnahmen vorbereitet werden. Hier geht es darum, gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Sachkompetenz und die Orientierungskompetenz, die sich aus dem H\u00f6ren auf das Evangelium ergibt, m\u00f6glichst sinnvoll aufeinander zu beziehen. \u00a0Die Vorsitzenden der Kammer sind mit guten Gr\u00fcnden oft kein Theolog*innen, sondern f\u00fchrende Vertreter*innen der jeweiligen Fachwelt. Solche Besetzungen zeigen, wie unsinnig das Argument ist, die Kirche solle sich aus Fragen von Wirtschaft und Politik heraushalten und sich auf die Dinge konzentrieren, von denen sie etwas verstehe. Die Kirche sind eben nicht nur die Theolog*innen, sondern alle Christenmenschen. Unter ihnen findet sich so viel Kompetenz, dass gut vorbereitete und begr\u00fcndete \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen der Kirche, wie sie etwa in den Denkschriften vorliegen, in der Politik sehr aufmerksam wahrgenommen werden und immer wieder auch konkrete Konsequenzen haben.\u00a0<\/p>\n<p>In dem Ma\u00dfe, in dem die politikberatende Funktion kirchlichen Redens durch Sachkompetenz gedeckt ist, kann sie auch zur Dimension \u00f6ffentlichen Redens der Kirche werden. Wie weit sich ein Bischof oder eine Bisch\u00f6fin auf diese Dimension der Politikberatung einl\u00e4sst, h\u00e4ngt deswegen vor allem davon ab, wie viel Sachkompetenz er oder sie sich auf den jeweiligen Feldern zutraut. Wo diese nicht gegeben ist, kann Zur\u00fcckhaltung oder auch Schweigen der bessere Weg sein.<\/p>\n<p><em>4.4. Die prophetische Dimension \u00f6ffentlicher Rede der Kirche<\/em><\/p>\n<p>Das gilt nicht in gleicher Weise f\u00fcr die prophetische Dimension, die ich nun abschlie\u00dfend etwas ausf\u00fchrlicher behandeln m\u00f6chte. Die prophetische Dimension \u00f6ffentlichen Redens der Kirche ist schon allein deswegen unverzichtbar, weil es eine zutiefst biblische Dimension ist. F\u00fcr die Propheten Amos, Jesaja oder Jeremia war nicht die Ausgewogenheit das vorrangige Ziel, sie kamen auch nicht auf die Idee eine m\u00f6glichst verl\u00e4ssliche wissenschaftliche Expertise einzuholen, bevor sie sprachen. Sie brachten da eine leidenschaftliche moralische Emp\u00f6rung zum Ausdruck, wo ganz offensichtliches Unrecht vor ihren Augen passierte, wo menschliche Verhaltensweisen in offensichtlicher Weise den Geboten Gottes widersprachen, wo etwa die Armen ausgebeutet wurden und schreiende Ungerechtigkeit mit Spiritualit\u00e4t und Kult \u00fcbert\u00fcncht wurde. Dagegen erhoben sie Einspruch, indem sie die Stimme Gottes h\u00f6rbar zu machen versuchten: \u201cIch bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Gepl\u00e4rr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht h\u00f6ren! Es str\u00f6me aber Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Strom\u201c (Amos 5, 21-24).<\/p>\n<p>In mehrfacher Hinsicht sind die Bedingungen, unter denen heute das Reden der Kirche prophetisch sein kann, ja vielleicht muss, besondere:\u00a0<\/p>\n<p>Erstens muss die Situation so sein, dass das moralische Problem offensichtlich ist, auch wenn die genauen Gr\u00fcnde oder die L\u00f6sungswege schwierig zu beurteilen sind. \u00a0Prophetisches Reden hat dann die Funktion, jedenfalls auf den moralischen Skandal hinzuweisen, ihm Aufmerksamkeit zu verschaffen und so auch mitzuhelfen, dass intensivere Anstrengungen zu seiner \u00dcberwindung unternommen werden.<\/p>\n<p>Zweitens ist es von Bedeutung, wer redet. Prophetisches Reden bedarf einer besonderen Autorit\u00e4t, da ihm \u00fcberhaupt nur dann die Vollmacht zugebilligt wird, auf die es angewiesen ist. Das kann die Vollmacht sein, die der Pfarrerin mit der Ordination ins Amt von der Gemeinde zuerkannt worden ist und die in einer prophetischen Sonntagspredigt Ausdruck findet. Das kann die Wahl einer Synodenpr\u00e4ses sein, die von der Synode gew\u00e4hlt, nicht nur f\u00fcr sich selbst steht, sondern f\u00fcr alle in die Synode entsandten Vertreter*innen der Gemeinden. Das kann aber auch die Autorit\u00e4t sein, die dem Bischofsamt aufgrund der Wahl durch die Synode zukommt und im besten Fall von dem jeweiligen Amtstr\u00e4ger auch ausgestrahlt wird.\u00a0<\/p>\n<p>In jedem Falle ist die prophetische Dimension des \u00f6ffentlichen Redens der Kirche eher an die Person als an die Institution gebunden. Kirchliche Gremien sind \u2013 jedenfalls in einer Volkskirche &#8211; in der Regel so plural zusammengesetzt, dass es eines besonderen geisterf\u00fcllten Momentes, eines kairos, bedarf, um gemeinsam zu prophetischer Klarheit zu kommen. \u00a0Die plural zusammengesetzten Gemeinden oder kirchlichen Gremien sind deswegen umso mehr darauf angewiesen, dass die von ihnen mit einem Amt betrauten Personen zuweilen auch prophetisch reden und damit jenseits aller Kompromisse und Klugheitserw\u00e4gungen in der Tradition der biblischen Propheten ein klares Wort sprechen.\u00a0<\/p>\n<p>Drittens muss sich prophetisches Reden der Kirche auf besondere Situationen beschr\u00e4nken. Das Prophetische kann man schwerlich planen. Eine \u00c4u\u00dferung, die nicht mit einem prophetischen Gestus auftritt und vielleicht sogar von einem plural zusammengesetzten Gremium verantwortet wird, wird gleichwohl von Rezipienten als prophetisch wahrgenommen \u2013 so etwa das Wort des Rats der EKD zur Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 &#8222;Wie ein Riss in einer hohen Mauer&#8220;. Prophetisches Reden verliert seine Kraft, wenn es vorhersehbar wird. Das aber ist der Fall, wenn es inflation\u00e4r gebraucht wird. F\u00fcr die H\u00f6renden muss sp\u00fcrbar bleiben, dass hier nicht nur bestimmte politische Pr\u00e4ferenzen moralisch laut intoniert werden, um die mediale Durchschlagskraft zu erh\u00f6hen, sondern, dass es hier um etwas geistlich Bedr\u00e4ngendes geht. Und sie m\u00fcssen verstehen k\u00f6nnen, warum es um etwas geistlich Bedr\u00e4ngendes geht.<\/p>\n<p>Viertens darf das prophetische Reden der Kirche den Diskurs nicht verschlie\u00dfen, sondern es muss ihn \u00f6ffnen, vielleicht auch neu \u00f6ffnen. Prophetisches Reden kann vor den Kopf sto\u00dfen. Aber es unterscheidet sich dadurch von der Beleidigung, dass die Angesprochenen \u2013 jedenfalls grunds\u00e4tzlich &#8211; die tiefe Wahrheit des Gesagten sp\u00fcren k\u00f6nnen. \u00c4rger \u00fcber den Propheten kann dann in Nachdenklichkeit und l\u00e4ngerfristig in neue Gespr\u00e4chsbereitschaft m\u00fcnden. Prophetisches Reden ist kein Ablassen von Frustration. Es kann in der jeweiligen Situation zun\u00e4chst fundamentalkritisch sein, zielt aber auf einen konstruktiven Neuentwurf.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens schlie\u00dflich ist prophetisches Reden der Kirche auf Demut angewiesen. Die Gefahr ist gro\u00df, dass die moralische Intensit\u00e4t prophetischen Redens zur Selbst\u00fcberh\u00f6hung f\u00fchrt, nach der der prophetisch Redende auf der moralisch richtigen und diejenigen, die er kritisiert, auf der moralisch falschen Seite sind. So sehr das in der konkreten Situation und an dem konkreten inhaltlichen Punkt richtig sein kann, so wenig gilt es generell. Der Prophet muss sich immer im Klaren dar\u00fcber sein, dass er nicht den Platz des K\u00f6nigs einnehmen kann, der aber genauso n\u00f6tig ist. \u00a0Aus der Sprache des Alten Testaments f\u00fcr heute \u00fcbersetzt, hei\u00dft das, dass das Anprangern moralischer Defizite durch die Kirche zuweilen notwendig ist, dass es aber das geduldige Bohren dicker Bretter im politischen Alltagshandeln nicht ersetzt. Die klare Kritik moralischer Defizite kann keinen h\u00f6heren moralischen Status f\u00fcr sich in Anspruch nehmen als das kontinuierliche Arbeiten an konkreten L\u00f6sungen, die tats\u00e4chlich die erhofften Ver\u00e4nderungen bringen. Deswegen ist es auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Wirken der Kirche in die \u00d6ffentlichkeit hinein nat\u00fcrlich nicht nur aus Reden besteht, sondern auch aus Handeln, insbesondere aus gottesdienstlicher, diakonischer, bildungsm\u00e4\u00dfiger und im weiteren Sinn kultureller Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p><em>5. \u00d6ffentliche Glaubensrede als Ermutigung zur Zukunft<\/em><\/p>\n<p>Was ist der Kern \u00f6ffentlicher Glaubensrede? Sie l\u00e4sst sich weder auf sozialethische oder politische-ethische Inhalte reduzieren, noch auf die Regeneration von Fr\u00f6mmigkeit oder missionarische Weitergabe des Glaubens. All das hat seinen Platz. Der Kern von alledem aber ist die Weitergabe von Hoffnung.<\/p>\n<p>Es bleibt das einzigartige Merkmal des christlichen Glaubens, dass sowohl die Wahrnehmung abgrundtiefen Leids, die gegen jede Besch\u00f6nigung der Zust\u00e4nde immunisiert, als auch die tiefe Hoffnung auf neues Leben nicht nur wichtige Themen sind, sondern integraler Teil seines Gottesverst\u00e4ndnisses. Der Gott, an den wir glauben, begegnet uns in einem Menschen, der mit einem Schrei der Gottverlassenheit als Folteropfer am Kreuz gestorben ist und der auferstanden ist und seine leibliche irdische Existenz mit der Zusage verl\u00e4sst, bei uns zu sein alle Tage bis an der Welt Ende. Mehr Hoffnung geht nicht.<\/p>\n<p>Mit billigem Optimismus hat das nichts zu tun. Dietrich Bonhoeffer hat an der Wende zum Jahr 1943, kurz vor seiner Verhaftung durch die Gestapo, Optimismus als Willen zur Zukunft so beschrieben: \u201eOptimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, R\u00fcckschl\u00e4ge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner l\u00e4\u00dft, sondern sie f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewi\u00df auch einen dummen, feigen Optimismus, der verp\u00f6nt werden mu\u00df. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand ver\u00e4chtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt.\u201c<\/p>\n<p>Diesen Willen zur Zukunft und die damit verbundene Hoffnung selbst auszustrahlen und so weiterzugeben, das ist der wichtigste Dienst, den wir der Gesellschaft insgesamt als Kirche leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li>(i) Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW, 66. Vgl. ders., Widerstand und Ergebung, DBW 8, 22.<\/li>\n<li>(ii) Dietrich Bonhoeffer als \u00f6ffentlicher Theologie, in: EvTh 69 (2009), 329-341<\/li>\n<li>(iii) Zu Luther als \u00f6ffentlichem Theologen vgl. auch H. Bedford-Strohm, Vorrang f\u00fcr die Armen. \u00d6ffentliche Theologie als Befreiungstheologie f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft, in: F. N\u00fcssel (Hg.), Theologische Ethik der Gegenwart. Ein \u00dcberblick \u00fcber zentrale Ans\u00e4tze und Themen, T\u00fcbingen 2009, 167-182.<\/li>\n<li>(iv) Rat der EKD, Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive, G\u00fctersloh 2008, Ziffer 90.<\/li>\n<li>(v)\u00a0\u201cSocietas civilis non potest esse perpetua, cum non servatur aequalitas in rerum communicatione, nam altera parte exhausta, dissipari societatem necesse est.\u201d<\/li>\n<li>(vi) Ph. Melanchthon, CR 16, 497 (Diss. de contractibus; 1545\/1546). Ich danke Konrad Fischer f\u00fcr den Hinweis auf diese Passage.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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