{"id":4288,"date":"2022-03-11T18:34:42","date_gmt":"2022-03-11T18:34:42","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/03\/11\/wir-koennen-keine-weisse-weste-behalten-ekd\/"},"modified":"2022-03-11T18:34:49","modified_gmt":"2022-03-11T18:34:49","slug":"wir-koennen-keine-weisse-weste-behalten-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/03\/11\/wir-koennen-keine-weisse-weste-behalten-ekd\/","title":{"rendered":"Wir k\u00f6nnen keine wei\u00dfe Weste behalten \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><em>epd: Experten rechnen beim Krieg in der Ukraine mit wesentlich mehr Fl\u00fcchtlingen als im Jahr 2015. Aktuell ist die Hilfsbereitschaft gro\u00df. Bef\u00fcrchten Sie, dass die Stimmung auch wieder kippen kann wie bei der letzten Fluchtwelle?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Es ist sehr erfreulich, welch gro\u00dfe Hilfsbereitschaft im Moment zu sp\u00fcren ist. \u00dcberall sperren Menschen die T\u00fcren auf und helfen bereits jetzt ganz konkret. Es gibt auch immer wieder Demonstrationen als Zeichen der Solidarit\u00e4t mit den Menschen in der Ukraine. Das habe ich in Berlin vor zwei Wochen selbst erlebt. Dass sich die Stimmung gegen\u00fcber den vorherigen Gefl\u00fcchteten gedreht habe, sehe ich so pauschal nicht. In unseren Gemeinden erlebe ich ein ungebrochenes Engagement. Wir haben uns jetzt eben auf einen \u201eLangstreckenlauf\u201c einzurichten.<\/p>\n<p><em>Was hat das f\u00fcr Konsequenzen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus: <\/strong>Es werden noch sehr viele Menschen aus der Ukraine zu uns kommen. Auf Dauer wird es nicht ausreichen, Mitgef\u00fchl zu zeigen und humanit\u00e4re Hilfe zu leisten. Solidarit\u00e4t wird sehr konkret und sehr konsequent gelebt werden m\u00fcssen, und das wird auch uns selbst in unserem Alltag einiges abverlangen. Wir werden erhebliche Preissteigerungen in etlichen Bereichen hinnehmen m\u00fcssen. Jetzt gilt es, zusammenzuhalten &#8211; auch damit die teure Solidarit\u00e4t nicht auf die Knochen und auf Kosten derer geht, die jetzt schon zu wenig haben. Den entschlossenen Willen dazu sp\u00fcre ich in unserer Gesellschaft deutlich.<\/p>\n<p><em>In der Fl\u00fcchtlingsarbeit engagierte Menschen sind besorgt, dass Fl\u00fcchtlinge aus Afrika oder Syrien aus dem Blick geraten. Gibt es eine Unterscheidung von Fl\u00fcchtlingen erster und zweiter Klasse?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Die Regierung hat zum Gl\u00fcck entschieden, dass die Menschen, die aus der Ukraine fl\u00fcchten, m\u00f6glichst wenig H\u00fcrden \u00fcberwinden m\u00fcssen. Sie sollen unkompliziert aufgenommen werden. Das ist gro\u00dfartig. Gro\u00dfartig ist auch, dass die osteurop\u00e4ischen Staaten, die sich bisher abgeschottet haben, den Menschen gro\u00dfz\u00fcgig helfen, die aus der Ukraine fliehen. Durch diese Hilfsbereitschaft wird niemand, der auf dem bisher normalen Weg \u00fcber das Asylverfahren hierher kommt, zu einem Fl\u00fcchtling zweiter Klasse. Und das darf es auch nicht geben.<\/p>\n<p><em>Was tun die Kirchen dagegen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus<\/strong>: Die unkomplizierte Aufnahme der Menschen aus der Ukraine kann uns in Zukunft vielleicht Wege weisen, wie wir es auch mit denen, die aus anderen Staaten zu uns kommen, besser machen. Wir in den Kirchen werden alles daf\u00fcr tun, dass die Gefl\u00fcchteten, die schon bei uns sind, keine Nachteile dadurch haben, dass jetzt mehr und andere dazukommen. Hautfarbe oder Religion oder Kultur d\u00fcrfen bei der Einsch\u00e4tzung von Not jedenfalls keinen Unterschied machen.<\/p>\n<p><em>Wie bewerten Sie, dass Deutschland jetzt doch Waffen an die Ukraine liefert?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus<\/strong>: Es bleibt dabei: Waffen sind kein Mittel, um Frieden zu schaffen. Allenfalls k\u00f6nnen sie zur Abschreckung von Aggressoren dienen, die sich nicht um V\u00f6lkerrecht scheren und verbrecherische Angriffskriege anzetteln wollen. Oder sie dienen zur Selbstverteidigung als letztes Mittel in einem solchen Krieg. Die Ukraine ist von einem verbrecherischen Angriffskrieg \u00fcberzogen worden, die Bev\u00f6lkerung will sich dagegen wehren und ihre Freiheit verteidigen. Zivilisten werden dort auf offener Stra\u00dfe von der russischen Armee angegriffen.<\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr schwierig, die geforderten Waffenlieferungen abzulehnen, wenn die Menschen sich nicht allein aus eigenen Kr\u00e4ften verteidigen k\u00f6nnen. Aber Waffenlieferungen gew\u00e4hrleisten nicht das Ende der Gewalt, das wir uns w\u00fcnschen. Im Gegenteil: Sie k\u00f6nnen zu Kettenreaktionen f\u00fchren, in denen die Beteiligten die Kontrolle verlieren. Das ist das Fatale. Wie immer wir uns positionieren: Wir k\u00f6nnen in dieser Situation keine wei\u00dfe Weste behalten. Diese Lernerfahrung mache ich gerade.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet das f\u00fcr Sie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Ich halte es f\u00fcr zynisch zu sagen: Jetzt m\u00fcssen unsere Gebete und unser Mitgef\u00fchl ausreichen. Ich kann nachvollziehen, dass die Ukraine in ihrer Selbstverteidigung unterst\u00fctzt wird. Das ist ein echtes Dilemma. Aber wir d\u00fcrfen dem als Kirchen nicht ausweichen, indem wir schweigen und uns aus der Verantwortung ziehen.<\/p>\n<p><em>Einige Theologen halten ein Umdenken der evangelischen Friedensethik f\u00fcr n\u00f6tig. Muss sie angesichts der aktuellen Bedrohungslage reformiert werden?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Ich bin nicht der Meinung, wir m\u00fcssten jetzt unsere gesamte Friedensethik \u00fcber den Haufen werfen. Wir sollten sie aber einer kritischen Pr\u00fcfung unterziehen und neu diskutieren. Die schmerzlichen Lernprozesse, die wir gerade durchleben, m\u00fcssen sich in unserer Friedensethik niederschlagen. Es ist ein Kennzeichen protestantischer Ethik, dass dort nichts f\u00fcr alle Zeiten festgeschrieben ist, sondern dass wir sie weiterentwickeln k\u00f6nnen, wenn sich Situationen einschneidend ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnen Kirchen zur Vermittlung in diesem Konflikt beitragen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Unsere gro\u00dfe St\u00e4rke ist, dass wir in ganz Europa, auch mit den Kirchen in den Konfliktgebieten, miteinander verbunden sind. Trotz aller Schwierigkeiten lassen wir die Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche sowohl in Russland als auch in der Ukraine nicht abbrechen, sondern versuchen, gemeinsam mit ihnen intensiv um Frieden zu ringen. Wir haben den \u00d6kumenischen Rat der Kirchen und die Konferenz Europ\u00e4ischer Kirchen, die uns gute M\u00f6glichkeiten bereitstellen, um miteinander zu reden und auch miteinander zu streiten.<\/p>\n<p><em>Was k\u00f6nnen Kirchen in diesem Konflikt einbringen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Jeder Aggressor, das sehen wir auch bei Putin, rechtfertigt seine Aktionen mit \u00fcbergeordneten \u201eWerten\u201c. Dagegen k\u00f6nnen die Kirchen starke Worte und Bilder der Bibel setzen. Worte und Bilder des Friedens. Sie st\u00e4rken Menschen, sich weiterhin f\u00fcr den Frieden einzusetzen, auch wenn es m\u00f6glicherweise lange dauert.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet der Krieg in der Ukraine f\u00fcr die Kirche hierzulande?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus: <\/strong>Unsere Kirchengemeinden bew\u00e4hren sich als Hoffnungsgemeinschaften, sie bieten Unterk\u00fcnfte, sammeln Spenden und stellen Hilfstransporte auf die Beine. Das ist gro\u00dfartig. Und es macht deutlich, welch ein starkes und buchst\u00e4blich handfestes Potenzial der Glaube hat. Wir setzen viel Vertrauen in unabl\u00e4ssige Gebete um Frieden, und aus solchen Gebeten wachsen mutige Taten.<\/p>\n<p><em>Was antworten Sie Menschen, die sich fragen, wo in all dem Leid in der Ukraine Gott sei?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Ich kann solche Fragen gut nachvollziehen. Ich bin selber nicht frei davon. \u00dcberall auf der Welt wird daf\u00fcr gebetet, Gott m\u00f6ge die Herzen der Kriegstreiber zum Frieden wenden. Unser christlicher Glaube ist aus der Erfahrung entstanden, dass ein Unschuldiger und Wehrloser umgebracht wurde und kein Gott eingegriffen hat und die Leute fragten: \u201eWo ist nun dein Gott?\u201c. Wir benennen uns nach Christus, der als Gewaltopfer ans Kreuz genagelt wurde. Das war aber nicht das Ende. Sondern Christus wurde auferweckt zu neuem Leben und von Gott ins Recht gesetzt. Seitdem ist das Kreuz ein Protest gegen Gewalt und ein Zeichen daf\u00fcr, dass Gott an der Seite der Opfer ist und sich mit ihnen identifiziert.<\/p>\n<p>In dieser Passionszeit sehen wir Christus in denen, die in der Ukraine der Gewalt ausgeliefert sind, und in denen, die in Russland inhaftiert werden. Und in alledem glauben wir und halten trotzig an der Gewissheit fest, dass die Gewaltt\u00e4ter nicht das letzte Wort in der Geschichte haben werden.<\/p>\n<p><em>Sehen Sie die Gefahr, dass angesichts des Kriegs in der Ukraine andere Themen wie der Klimaschutz aus dem Blick geraten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kurschus:<\/strong> Tats\u00e4chlich dr\u00e4ngt der Krieg in der Ukraine derzeit alles andere in den Hintergrund. Angesichts einer unsicherer werdenden Versorgung mit Gas und \u00d6l wird jetzt beispielsweise wieder \u00fcber eine verst\u00e4rkte Nutzung von Atomstrom debattiert. Vieles, was wir im Blick auf \u00d6kologie, Sch\u00f6pfung und Klimapolitik \u00fcber Jahre m\u00fchsam errungen haben, droht gerade wieder r\u00fcckw\u00e4rts zu gehen. Zugleich zeigt sich, dass es durchaus von Vorteil ist, sich durch den Ausbau erneuerbarer Energien von russischem Gas unabh\u00e4ngig zu machen &#8211; das kann auch motivierend wirken. Wir werden jedenfalls sehr genau aufpassen, dass der Schutz des Klimas auf der Tagesordnung bleibt, auch wenn er aktuell nicht die Schlagzeilen f\u00fcllt.<\/p>\n<p class=\"md-authorline\" style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:right\"><em>epd-Gespr\u00e4ch: Holger Spierig<\/em><\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>epd: Experten rechnen beim Krieg in der Ukraine mit wesentlich mehr Fl\u00fcchtlingen als im Jahr 2015. 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