{"id":4616,"date":"2022-07-15T09:11:47","date_gmt":"2022-07-15T09:11:47","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/07\/15\/rede-beim-sommerempfang-des-ekd-bueros-in-bruessel-am-12-juli-2022-ekd\/"},"modified":"2022-07-15T09:11:48","modified_gmt":"2022-07-15T09:11:48","slug":"rede-beim-sommerempfang-des-ekd-bueros-in-bruessel-am-12-juli-2022-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/07\/15\/rede-beim-sommerempfang-des-ekd-bueros-in-bruessel-am-12-juli-2022-ekd\/","title":{"rendered":"Rede beim Sommerempfang des EKD-B\u00fcros in Br\u00fcssel am 12. Juli 2022 \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p>In einer solch schwierigen und hochkomplexen Gemengelage fragen viele Menschen nach ethischer und politischer Orientierung. Und viele m\u00f6chten \u2013 weil sie schwer aushalten k\u00f6nnen, dass alles so kompliziert ist \u2013 gern einfache und klare Antworten, am besten im Ja-Nein-Schema. Die\u00a0 Geschwindigkeit wird vom Newsticker bestimmt, also ist die Versuchung gro\u00df mitzutickern. Und weil die Meinungen am meisten geh\u00f6rt werden, die im Sirenenton verbreitet werden, ist die Versuchung gro\u00df mitzuheulen. Ich mache da nicht mit. Es stimmt: Entscheidungen m\u00fcssen getroffen und Fragen m\u00fcssen beantwortet werden. Aber ich weigere mich, die komplizierte Wirklichkeit simpel zu machen und meine Antworten auf komplizierte Fragen einzudampfen auf ein verk\u00fcrzendes Ja \u2013 Nein, Entweder \u2013 Oder.<\/p>\n<p>Ich spreche zu Ihnen als Theologin, als Frau der Kirche mi Leitungsverantwortung. Ja, auch wir m\u00fcssen Antworten geben, aber anders als Politiker und Politikerinnen. Menschen in den Parlamenten und Regierungen stehen, wenn ein Krieg ausbricht, unter dem unmittelbaren Druck, sofort zu entscheiden und blitzschnell zu handeln. Das ist die Macht und zugleich die Ohnmacht in einem politischen Amt, das ist seine W\u00fcrde und seine B\u00fcrde. Alle, die ein poliisches Amt bekleiden\u00a0 und verantworten, haben meinen gr\u00f6\u00dften Respekt. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, eine Perspektive jenseits und frei von Reiz-Reaktions-Zwang einzunehmen. Das hat eine andere W\u00fcrde und B\u00fcrde, ist auf andere Weise Macht und Ohnmacht zugleich. Wir k\u00f6nnen, wir m\u00fcssen aber auch nicht unsere Hand heben f\u00fcr oder gegen Waffenlieferungen, f\u00fcr oder gegen Sanktionen usw. Es ist eine andere Verantwortung, die wir kirchlicherseits haben, aber es ist auch: Verantwortung. Auch wir d\u00fcrfen nicht ohne Antwort lassen, was drohend auf uns zukommt. Wir k\u00f6nnen und wir m\u00fcssen es uns leisten, von dem zu reden, was Politiker und Politikerinnen nicht k\u00f6nnen: von den Zweifeln an vern\u00fcnftigen Ma\u00dfnahmen, von der Ambivalenz eindeutiger Entscheidungen, vom Frieden, der h\u00f6her ist als unsere Vernunft, von der Notwendigkeit der Vers\u00f6hnung auch und gerade da, wo sie nach menschlichem Ermessen keine Chance hat. Wir reden nicht im Modus des parteipolitischen Kalk\u00fcls, sondern im Bewusstsein der Kontingenz der Geschichte und der M\u00f6glichkeit der Umkehr. Und wir \u00e4u\u00dfern uns in dem Glauben, dass Christus uns in den Geringsten begegnet, die weder Macht noch Stimme haben.\u00a0 Wir haben als Christen nicht nur mit Gott zu reden, etwa im Gebet, wir haben aus dem Gespr\u00e4ch mit Gott heraus auch die klare Pflicht, in die Welt hinein zu sprechen. Klar und zur Sache soll sie sein, unsere \u00f6ffentliche Rede von Gott, erkennbar aus dem Glauben heraus. Nicht so, dass wir abkanzeln und moralisieren und d\u00e4monisieren, sondern so, dass uns abgenommen wird, wie sehr wir darum ringen, Gott zu h\u00f6ren, in der Spur Jesu gute Wege zu finden, verantwortliche eigene Worte zu wagen.<\/p>\n<p>Zu den Fragen, die wir auch als Evangelische Kirche diskutieren und in den europ\u00e4ischen Kontext einbetten m\u00fcssen, z\u00e4hlen die nach der Verwendung \u00f6ffentlicher Gelder f\u00fcr milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung und nach der Legitimit\u00e4t von Waffenlieferungen an die Ukraine. Wir fragen danach, wie wir unsere Haltung zur Bundeswehr (neu) verorten und die Rolle des Milit\u00e4rischen in einer neuen europ\u00e4ischen Sicherheitsarchitektur offener und differenzierter bewerten k\u00f6nnen. Ebenso setzen wir uns damit auseinander, wie die notwendige \u00f6kologische Transformation sozial gestaltet werden kann, so dass der notwendige Verzicht nicht zu Lasten der \u00c4rmsten in der Gesellschaft geht.<\/p>\n<p>Und ich frage dar\u00fcber hinaus: K\u00f6nnte es im gegenw\u00e4rtigen Streit um Krieg und Frieden die Aufgabe von Christinnen und Christen sein, sich als Anw\u00e4lte und Anw\u00e4ltinnen der Unverf\u00fcgbarkeit zu verstehen? Also ausdr\u00fccklich dem Nichtwissen das Wort zu geben, der Skepsis ihr Recht einzur\u00e4umen, und, wie schon angedeutet, dem Zweifel den Platz freizuhalten?<\/p>\n<p>Es geht um Hoffnung. Und zwar um eine Hoffnung, die realistisch mit den menschlichen M\u00f6glichkeiten und Grenzen umgeht. Dies ist mein Zugang, um eine christlich verantwortete Haltung zu gewinnen zu den ethischen Fragen rund um den Krieg in der Ukraine. Aporien und Dilemmata m\u00fcssen akribisch benannt werden. Gerade das macht ja die Bibel so stark: Sie l\u00f6scht die offensichtlichen Widerspr\u00fcche nicht aus ihren Texten. Im Gegenteil: Die Bibel l\u00e4sst Widerspr\u00fcche bewusst nebeneinanderstehen, bringt sie in Dialog miteinander und hebt sie auf in einer gr\u00f6\u00dferen Wahrheit. Ebenso die christliche Theologie: Sie beansprucht die Wahrheit nicht in einem Entweder-Oder, sondern n\u00e4hert sich ihr dialektisch. Sie bekennt, Jesus sei wahrer Gott und wahrer Mensch. Sie nennt das Kreuz Erniedrigung und Erh\u00f6hung. Sie spricht vom Schon und Noch-nicht des Reiches Gottes. Sie wei\u00df vom Menschen, dass er gerecht und der S\u00fcnde verhaftet ist. Gerade im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine zeigt sich das in besonderer Sch\u00e4rfe, und so lassen sie mich heute in Anbetracht der begrenzten Zeit bei dieser einen Krise bleiben.<\/p>\n<p><strong>III.<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Krieg hat das sicherheitspolitische und friedensethische Denken in Deutschland ver\u00e4ndert. Er n\u00f6tigt uns zu fragen, ob und wie einem Aggressor Einhalt zu gebieten ist, der das Recht mit F\u00fc\u00dfen tritt, sowohl die internationale Ordnung als auch die Rechte der Einzelnen. Die Berichte von den russischen Kriegsverbrechen sind ersch\u00fctternd. Zum Entsetzen dar\u00fcber tritt die Sorge, dieser Krieg, der trotz aller weltweiten Ersch\u00fctterungen bislang ein regionaler Krieg ist, k\u00f6nnte zu einer weltweiten Auseinandersetzung eskalieren, wom\u00f6glich unter Einbeziehung nuklearer Waffen. Im Moment ist diese Angst leiser ist als zu Beginn des Krieges. Das hei\u00dft aber nicht, dass sie weniger begr\u00fcndet ist. Sie kann sehr schnell wieder lauter werden, wenn es Europa nicht gelingt, die Kaliningrad-Krise zu entsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Die christlichen Kirchen haben sich nach den Erfahrungen der Gr\u00e4ueltaten des Nationalsozialismus und der Exzesse des Zweiten Weltkriegs um weltweite Verst\u00e4ndigung untereinander bem\u00fcht. \u201eKrieg soll nach Gottes Willen nicht sein\u201c, lautete die immer wieder zitierte Botschaft der Gr\u00fcndungsversammlung des \u00d6kumenischen Rats der Kirchen 1948 in Amsterdam. Der G\u00f6ttinger Jurist und Kirchenrechtler Hans Michael Heinig hat j\u00fcngst in einem instruktiven FAZ-Beitrag deutlich gemacht, dass in dieser Aussage keineswegs einem radikalen Pazifismus das Wort geredet oder gar nachtr\u00e4glich dem Kriegseintritt der Alliierten im Zweiten Weltkrieg die Legitimation abgesprochen wurde.<\/p>\n<p>Die Barmer Theologische Erkl\u00e4rung von 1934, das prominenteste Dokument des protestantischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und einer Neuorientierung evangelischer Ethik im 20. Jahrhundert, stellt fest: Der Staat hat nach Gottes Anordnung die Aufgabe, <em>\u201ein der noch nicht erl\u00f6sten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Ma\u00df menschlicher Einsicht und menschlichen Verm\u00f6gens unter Androhung und Aus\u00fcbung von Gewalt f\u00fcr Recht und Frieden zu sorgen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Androhung und Aus\u00fcbung von Gewalt sind aus Sicht des christlichen Glaubens strikt an die Aufgabe gebunden, f\u00fcr Recht und Frieden zu sorgen. In den 70er Jahren konzentrierte sich die friedensethische Diskussion darauf, ob es angesichts der M\u00f6glichkeit eines Atomkrieges \u00fcberhaupt noch eine ethische Rechtfertigung milit\u00e4rischer Gewalt geben k\u00f6nne, oder ob konsequente Gewaltlosigkeit und die Ablehnung jedweder Form von Bewaffnung die gebotene Option f\u00fcr Christinnen und Christen sei. Diese leidenschaftlich gef\u00fchrte Auseinandersetzung wirkt bis in die heutigen innerkirchlichen Suchbewegungen nach. Sie m\u00fcndet ein in die Einsicht: F\u00fcr beide Optionen gibt es jeweils gute Gr\u00fcnde. Mitarbeit in der Bundeswehr und Verweigerung des Kriegsdienstes, R\u00fcstung <em>und<\/em> zivile Friedensarbeit kamen als gleichberechtigte, komplement\u00e4re Handlungsweisen in den Blick. Auch die kirchliche Debatte zum Ukrainekrieg, zu Fragen der Waffenlieferungen ist gepr\u00e4gt von diesem \u00a0Spannungsverh\u00e4ltnis. Es rechnet realistisch mit dem B\u00f6sen im Menschen \u2013 und es gibt zugleich die Hoffnung auf Frieden im Horizont des Reiches Gottes nicht auf.<\/p>\n<p>Wenn wir Christen von menschlicher Verstrickung in S\u00fcnde sprechen, gestehen wir ein, dass Menschen zu Gewalt und Unrecht neigen \u2013 und umgekehrt vor Gewalt und Unrecht gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Leben, Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden sind hohe G\u00fcter. Sie zu sch\u00fctzen ist die Aufgabe des Staates. Notfalls auch mit Gewalt. Dabei sehen wir aber sehr n\u00fcchtern, bisweilen ern\u00fcchtert: Solcher Schutz und alle Hilfe zur Verteidigung sind ihrerseits mit Gewalt verbunden und stehen in Gefahr, neues Leid zu verursachen und sich schuldig zu machen. Dabei muss sich christlich gegr\u00fcndetes Handeln zugleich an Jesu Rede vom Reich Gottes und seiner Vision einer besseren Gerechtigkeit messen lassen.<\/p>\n<p>Dieser doppelte Ma\u00dfstab ist unser Kompass. Wir verf\u00fcgen keineswegs \u00fcber ein Wissen, das es uns erlauben w\u00fcrde, einzelne politische Optionen direkt aus der Bibel abzuleiten oder gar zum Willen Gottes zu erkl\u00e4ren. Jedoch gibt der Kompass Orientierung und weist den Weg, indem er uns zumutet, stets aufs Neue abzuw\u00e4gen. Er verlangt, immer neu auszuloten, wie tatkr\u00e4ftiges Eintreten f\u00fcr das Recht und die W\u00fcrde von Menschen in Not balanciert werden kann mit dem nachhaltigen Einsatz f\u00fcr Frieden. Das ist m\u00fchsam! Denn in dieser unaufl\u00f6sbaren Spannung gibt es oft kein eindeutiges \u201eRichtig\u201c oder \u201eFalsch\u201c. \u00a0Waffen verteidigen Leben und Recht, Waffen zerst\u00f6ren Leben und Recht: Dieses Dilemma l\u00e4sst sich nicht einseitig aufl\u00f6sen. \u00a0<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann Krieg nicht grunds\u00e4tzlich guthei\u00dfen oder begr\u00fc\u00dfen, auch keinen Verteidigungskrieg, auch keine Waffenlieferungen. Das habe ich nie getan, auch wenn es mir bisweilen so in den Mund gelegt wurde. Ich werde in\u00a0 dieser Sache jeden Ton des Jubels vermeiden. Aber es gibt Situationen, in denen ich die Entscheidung, Waffen zu liefern, als geringeres \u00dcbel f\u00fcr verantwortbar und vertretbar halte. Es ist geboten, der S\u00fcnde in Form von brutaler Gewalt und verbrecherischem Unrecht wirksam entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Europ\u00e4ische Union zu bis dahin nicht gekannter Geschlossenheit gefunden. Das spontane Zusammenr\u00fccken, die Einm\u00fctigkeit der Beschl\u00fcsse, die selbstverst\u00e4ndliche gro\u00dfe Hilfe, die vor allem die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder f\u00fcr Gefl\u00fcchtete leisteten: all das hat sichtbar gemacht, wie viel St\u00e4rke Europa entfalten kann, und was da gemeinsam m\u00f6glich ist. Dies stimmt mich hoffnungsvoll. Europa ist ein gro\u00dfes, ein einzigartiges Friedensprojekt, wirklich ein Weltwunder nach den Verheerungen der Kriege, die diesen Kontinent verw\u00fcstet hatten. Dieses Potential drohte unter dem Gez\u00e4nk und den nationalen Egoismen der letzten Jahre in Vergessenheit zu geraten. Wir d\u00fcrfen es aber nicht vergessen, niemals. 2012, vor zehn Jahren, wurde die EU mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Es war nicht nur ein Preis f\u00fcr die EU, es war ein Preis f\u00fcr ihre B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. In der Begr\u00fcndung der Preisverleihung hei\u00dft es: \u201eDas Norwegische Nobelkomitee w\u00fcnscht den Blick auf das zu lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf f\u00fcr Frieden und Vers\u00f6hnung und f\u00fcr Demokratie sowie die Menschenrechte; die stabilisierende Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens.\u201c Ich lese dies durchaus mit gemischten Gef\u00fchlen im R\u00fcckblick auf die Entwicklungen seit 2012 \u2013 und mit G\u00e4nsehaut im Blick auf den gegenw\u00e4rtigen Krieg in Europa.<\/p>\n<p>Mich emp\u00f6rt, wenn der Patriarch von Moskau einen Angriffskrieg als gottgewolltes Mittel darstellt, um seine seine nationalistische und imperialistische Sicht der Geschichte durchzusetzen. Gott in dieser Weise vor den eigenen Karren zu spannen, halte ich f\u00fcr Gottesl\u00e4sterung. Es ist ein Verrat an dem, was ich als Ma\u00dftstab f\u00fcr die ethische Verantwortung des Staates aus christlicher Perspektive beschreiben habe: dem B\u00f6sen zu wehren und den Frieden zu suchen. Damit verurteile ich ausdr\u00fccklich nicht die gesamte russische Orthodoxie, die in sich sehr vielstimmig ist. Wir d\u00fcrfen und werden die \u00f6kumenischen Br\u00fccken zu ihr nicht abbrechen. Denn irgendwann wird er kommen, der Tag \u201enach dem Krieg\u201c, an dem noch lange nicht Friede sein wird. Dann ist die Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che. Gut, wenn dann die Wege zueinander nicht v\u00f6llig zugesch\u00fcttet sind. Europa ist eine Zukunftsaufgabe und zugleich ein bestimmter geografischer Ort. Es geh\u00f6rt zu unseren geografisch unab\u00e4nderlichen Gegebenheiten, dass Russland auf alle Zeiten ein Nachbar sein wird. Wir d\u00fcrfen das nicht vergessen.<\/p>\n<p>Spiegelbildlich zu meiner Kritik an Kyrill bin ich auch skeptisch, wenn die Verteidigung der Ukraine pauschal als Verteidigung westlicher oder gar \u201eunserer\u201c Werte idealisiert wird. Auch hier wittere ich eine geschichtstheologische \u00dcberh\u00f6hung des Krieges, eine moralische Eindeutigkeit, die mir suspekt ist. Die Menschen in der Ukraine verteidigen ihr Leben, ihre Freiheit und die Souver\u00e4nit\u00e4t ihres Landes. Es stimmt: Die Verteidigung von Freiheit und Recht ist einen engagierten Streit wert. Aber dieser Streit muss sich unterscheiden von der Logik machtvoller \u00dcberw\u00e4ltigung, b\u00f6sartiger Unterstellung und hasserf\u00fcllter Abwertung derer, die anders denken. Und allemal muss sich unsere Sprache freihalten von D\u00e4monisierungen und Entmenschlichungen.<\/p>\n<p>Ich bin froh, Deutschland im Kreis der 27 EU-Staaten zu wissen. Die Folgen des Krieges auf unsere Energie-, Klima-, Umwelt-, Agrar-, Asyl-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik und nicht zuletzt auf den sozialen Zusammenhalt sind enorm. Wir k\u00f6nnen sie nur gemeinsam als Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er bew\u00e4ltigen. Ich ahne, welch eine riesige Kraftanstrengung das \u00a0f\u00fcr Sie alle bedeutet, die Sie als Gegen\u00fcber von und f\u00fcr die EU-Institutionen t\u00e4tig sind. Sie haben in den letzten Monaten Ungeheures geleistet und tun dies weiter, damit diese Einigkeit m\u00f6glich ist. Respekt!<\/p>\n<p>Unsere Solidarit\u00e4t gilt denen, die am unmittelbarsten unter diesem Krieg leiden. \u00a0Wie soll das anders sein, da die Bibel uns immer und immer wieder auf die Geringen und auf die Gebeulten verweist und unser Herr ein Gekreuzigter, ein Gewaltopfer ist. Mich hat pers\u00f6nlich gefreut, dass mit Zustimmung s\u00e4mtlicher EU-Mitgliedstaaten die Richtlinie \u00fcber den vor\u00fcbergehenden Schutz aktiviert worden ist, um Kriegsfl\u00fcchtlinge aus der Ukraine schnell und unb\u00fcrokratisch in der EU aufzunehmen und in Bildung und Beruf zu integrieren. Solche Erfahrungen sollten unbedingt Schule machen auch f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aus anderen Drittstaaten.<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong><\/p>\n<p>Hoffnung ist ein rares Gut geworden. Viele haben das Hoffen verlernt, andere verbieten es sich bewusst. Und doch weigere ich mich zu verzweifeln. Es ist die Aufgabe von Christinnen und Christen, der Hoffnung den Platz frei zu halten, sie zu n\u00e4hren und von ihr zu reden. Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten k\u00f6nnen in unseren Zeiten. Dazu sind die Zeiten zu ernst. Es gibt eine Schwarzseherei, die sich darin ergeht, die Schlechtigkeit der Welt und die Aussichtslosigkeit der Verh\u00e4ltnisse auszumalen: dass alles immer schlimmer wird und dass M\u00fche sich nicht lohnt und der Einsatz ohnehin nicht zum Ziel f\u00fchrt. Solchen Fatalismus machen wir nicht mit.<\/p>\n<p>In der Bibel lesen wir: Als alle Tiere die Arche Noah verlassen haben, auch die Sommerlochtiere, und die Wasser der Sintflut abgelaufen sind, da stellt Gott fest \u2013 und es ist eine sehr ern\u00fcchternde Feststellung, die er da trifft:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Dichten und Trachten des Menschen ist b\u00f6se von Jugend auf.\u201c <\/em>\u00a0Was f\u00fcr ein ungn\u00e4diger, unerbittlicher g\u00f6ttlicher Realismus spricht hier. Aber f\u00fcr Gott ist dieser Realismus kein Grund, an der Welt zu verzweifeln, im Gegenteil. Weil es so ist, verspricht er der Welt und den unverbesserlichen Menschen: <em>\u201eSolange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit Gott will ich es halten und mich an ihn halten und mich anstecken lassen von seiner unverdrossenen Hoffnung f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p>In diesem Sinne: Eine gesegnete Sommerzeit Ihnen allen!<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>II. In einer solch schwierigen und hochkomplexen Gemengelage fragen viele Menschen nach ethischer und politischer Orientierung. 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