{"id":5164,"date":"2022-12-20T17:49:59","date_gmt":"2022-12-20T17:49:59","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/12\/20\/ein-wohnzimmer-gegen-die-kaelte-ekd\/"},"modified":"2022-12-20T17:50:00","modified_gmt":"2022-12-20T17:50:00","slug":"ein-wohnzimmer-gegen-die-kaelte-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2022\/12\/20\/ein-wohnzimmer-gegen-die-kaelte-ekd\/","title":{"rendered":"Ein Wohnzimmer gegen die K\u00e4lte \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p>Um festzustellen, dass das Leben teurer geworden ist, brauchen die G\u00e4ste keine Zeitung aufzuschlagen. Seine Miete sei um 35 Prozent gestiegen, erz\u00e4hlt ein 60-J\u00e4hriger. Er will anonym bleiben. Er stecke zwischen Arbeitsteilzeit und Rente, mache sich Sorgen, wie er mit seiner Rente auskommen werde, erz\u00e4hlt er. Im Moment halte er sich aber vor allem hier auf, um Struktur in seinen Tag zu bringen. Er trinkt Tee und isst einen Joghurt. Nach einer schweren OP will er sich bewegen und unter Leute kommen. Seine Freunde und Bekannten arbeiten tags\u00fcber. \u201eWo will man gro\u00df hin?\u201c, fragt er. Im Restaurant k\u00f6nne man sich nicht lange aufhalten, wenn man mit dem Essen fertig sei.<\/p>\n<p>Linda, 83, Rentnerin, steuert zielstrebig auf den Tisch zu, an dem der Mann sitzt, setzt sich. \u201eIch komme wegen der Unterhaltungen gerne hierher\u201c, sagt sie. Sie mag die Freundlichkeit, die Gespr\u00e4che und dass man hier gut aufgenommen werde. Au\u00dferdem: \u201eHier kann man erschwinglich Kaffee trinken, und er schmeckt sehr gut. Woanders kann man sich das gar nicht mehr leisten.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201eW\u00e4rmestube\u201c sei ein Schutz vor der K\u00e4lte f\u00fcr Menschen, die in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen wohnen, erkl\u00e4rt Birgit Auer, Leiterin der Stuttgarter Stadtmission. \u201eOft leben die G\u00e4ste, die zur Stadtmission kommen, in schlecht isolierten Mietwohnungen. Um eine Raumtemperatur von 19 oder 20 Grad zu bekommen, m\u00fcssen sie mehr heizen, also mehr Geld ausgeben.\u201c<\/p>\n<p>Zwischen 40 und 50 Personen, rund ein Drittel mehr Menschen als sonst, kommen seit rund vier Wochen in die \u201eW\u00e4rmestube\u201c. Vorher waren es nur rund 30.<\/p>\n<p>Hier sei es warm, best\u00e4tigt Franz, 80, der sich mit an den Tisch setzt. Fr\u00fcher war er selbstst\u00e4ndiger Hausmeister. Heute erh\u00e4lt er keine gro\u00dfe Rente und ist nicht krankenversichert. Seine Miete in einer st\u00e4dtischen Wohnung ist niedrig, wurde aber deutlich erh\u00f6ht. Er \u00fcberlege sich zurzeit, wie viel er heize, sagt er. Schon vor den Preissteigerungen hat er nicht viel gegessen, au\u00dferdem kauft er in Discountern preiswert ein. Und er schaut auch manchmal, ob gute Lebensmittel in M\u00fclltonnen weggeworfen werden und verwendet sie dann noch. Als k\u00fcrzlich eine Nachbarin gestorben ist und zwei Lebensmittelkisten vor das Haus gestellt wurden, war das f\u00fcr ihn ein Gl\u00fccksfall. \u201eWenn die Steigerung weitergeht, wird es hart\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Den Spitznamen \u201eThermoskammer\u201c haben Linda und Franz diesem Ort bereits gegeben, damit andere nicht erfahren, wohin sie gehen, erz\u00e4hlen sie. Die Einrichtung sei wie das \u201eWohnzimmer\u201c der G\u00e4ste, sagt Birgit Auer, die Leiterin der Stuttgarter Stadtmission.<\/p>\n<p>Schon seit 13 Uhr, da gab es Mittagessen, sei pausenlos viel los. Auch zu \u201eeva\u2018s Tisch\u201c, einem Angebot mit preiswertem Mittagessen, kommen seit rund vier Wochen 95 Personen, vorher waren es 15 weniger.<br \/>W\u00e4hrend Tee und Sprudel kostenlos sind, kostet Kaffee 50 Cent. Birgit Auer stellt fest, dass sich viele G\u00e4ste gerade keinen Kaffee mehr leisten.<\/p>\n<p>Es sei nicht einfach, zu differenzieren, was die Gr\u00fcnde f\u00fcr die steigenden Zahlen seien, sagt Auer. Sie erkl\u00e4rt: \u201eDie Menschen m\u00f6chten nicht so viel \u00fcber ihre Armut sprechen.\u201c Die \u201eW\u00e4rmestube\u201c ist eine niedrigschwellige Hilfe, die Menschen bei ihren Grundbed\u00fcrfnissen unterst\u00fctzt, ohne nach ihrer pers\u00f6nlichen Situation zu fragen. Durch \u201eNahrung, K\u00f6rperhygiene und Sozialkontakte\u201c, sagt Auer. \u201eJede und jeder darf kommen, ohne den Namen zu nennen.\u201c<\/p>\n<p>Aus Gespr\u00e4chen mit den G\u00e4sten wei\u00df sie: Vor allem Menschen, die von der Grundsicherung oder wenig mehr Geld leben, kommen hierher. Und auch Obdach- und Wohnungslose w\u00e4rmen sich hier auf.<br \/>Um 17 Uhr gibt es Vesperbrote: zwei belegte Br\u00f6tchen oder Sandwichs f\u00fcr 30 Cent. \u201eDer Bedarf ist gro\u00df\u201c, sagt Birgit Auer. Die Nachfrage ist von 23 Personen pro Tag auf 35 angewachsen.<\/p>\n<p>Es sei herausfordernd, wie viele Menschen das Angebot annehmen w\u00fcrden, sagt Auer. 70 Prozent der G\u00e4ste kommen regelm\u00e4\u00dfig, beinahe t\u00e4glich. Manche Menschen halten sich die gesamte Zeit, von 13 bis 18 Uhr, in der \u201eW\u00e4rmestube\u201c auf. Platz gibt es nicht viel, auch die M\u00f6glichkeiten, Menschen zu beraten, sind begrenzt.<\/p>\n<p>In der \u201eW\u00e4rmestube\u201c k\u00f6nnen die G\u00e4ste auch W\u00e4sche waschen. Die Mitarbeitenden schalten zurzeit zweimal t\u00e4glich die Maschine an. Die Nachfrage ist in den vergangenen zwei Monaten gestiegen. Auch das Angebot zu duschen nehmen mehr Menschen in Anspruch.<\/p>\n<p>Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Cindy, 30, hauptberuflich Schulbegleiterin, mag die Gemeinschaft in dem Hilfsangebot. Und da sie noch nicht lange dabei ist, helfen die G\u00e4ste ihr so manches Mal, wenn sie eine Frage hat. Doch deren Bed\u00fcrftigkeit macht sie auch betroffen: \u201eManchmal macht es mich echt traurig, dass so viele Menschen in Deutschland vergessen werden und durchs System fallen, obwohl es hier eigentlich genug Ressourcen gibt\u201c, sagt die Ehrenamtliche.<\/p>\n<p>Auch Birgit Auer sch\u00e4tzt, wie f\u00fcrsorglich viele Menschen sind. Ein Mann bringe immer wieder Lebensmittel oder Kleidung f\u00fcr andere mit. Doch auch sie berichtet, wie schwer es falle auszuhalten, wenn zum Beispiel die einzige Hilfe, die man leisten k\u00f6nne, ein Schlafsack sei.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Mitarbeitenden sei es, auf andere Hilfsangebote, etwa Beratungsstellen, Not\u00fcbernachtungen und K\u00e4lteschutzr\u00e4ume, aufmerksam zu machen. Ihr Ziel ist es, Teilhabe an der Gesellschaft zu erm\u00f6glichen: \u201eDie Menschen sollen alles machen k\u00f6nnen, was andere auch machen.\u201c\u00a0Angesichts der drohenden Not in diesem Winter h\u00e4lt sie f\u00fcr entscheidend, dass bald die Vesperkirchen \u00f6ffnen und sich sehr viele Menschen dort aufw\u00e4rmen k\u00f6nnen. Auer sagt: \u201eIrgendwie klappt das dann.\u201c<\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>Info<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201eW\u00e4rmestube\u201c ist ein Hilfsangebot der Evangelischen Gesellschaft (eva). Dort k\u00f6nnen sich Menschen aufhalten und gegen einen geringen Preis Snacks, ein Mittagessen und Vesperbrote erhalten. Dar\u00fcber hinaus gibt es dort einen Singkreis, Gespr\u00e4chsangebote und Beratung zur Pr\u00e4vention vor Armut, etwa zu Fragen wie \u201eWie gehe ich mit wenig Geld um?\u201c.<\/p>\n<p>Rund 70 Prozent der Menschen, die die niederschwelligen Hilfen der eva beziehen, sind M\u00e4nner. Doch das liegt auch daran, dass es f\u00fcr Frauen spezifische Beratungsangebote und eine Tagesst\u00e4tte gibt.<br \/>Die Nachnamen werden auf Wunsch der Personen und zu ihrem Schutz nicht ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um festzustellen, dass das Leben teurer geworden ist, brauchen die G\u00e4ste keine Zeitung aufzuschlagen. 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