{"id":6213,"date":"2023-10-18T17:33:09","date_gmt":"2023-10-18T17:33:09","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2023\/10\/18\/16-10-2023-hilfe-bei-menschenhandel-und-zwangsprostitution\/"},"modified":"2023-10-18T17:33:09","modified_gmt":"2023-10-18T17:33:09","slug":"16-10-2023-hilfe-bei-menschenhandel-und-zwangsprostitution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2023\/10\/18\/16-10-2023-hilfe-bei-menschenhandel-und-zwangsprostitution\/","title":{"rendered":"16.10.2023 Hilfe bei Menschenhandel und Zwangsprostitution"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.elk-wue.de\/\" \/><\/p>\n<div id=\"c45588\">\n<header>\n<h2 class=\"b_is-headline\">Hilfe bei Menschenhandel und Zwangsprostitution<\/h2>\n<h3> Leiterin des evangelischen Fraueninformationszentrums Stuttgart im Interview \/ Opferfonds der Di\u00f6zese Rottenburg-Stuttgart hilft schnell und unkompliziert<\/h3>\n<\/header>\n<p>Stuttgart\/Rottenburg. Anl\u00e4sslich des Europ\u00e4ischen Tags gegen Menschenhandel am 18. Oktober \u00e4u\u00dfert sich Doris K\u00f6hncke, Leiterin des Fraueninformationszentrums (FiZ) in Stuttgart, im Interview \u00fcber ihre Arbeit mit den Betroffenen. Sie erl\u00e4utert, was f\u00fcr die wirksame Bek\u00e4mpfung des Menschenhandels passieren m\u00fcsste und warum katholische Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein evangelisches Hilfezentrum unverzichtbar ist.<\/p>\n<p><strong>Frau K\u00f6hncke, k\u00f6nnten Sie uns bitte einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Arbeit des Fraueninformationszentrums im Bereich Menschenhandel und Zwangsprostitution geben?<\/strong><\/p>\n<p>Wir beraten vor allem Frauen, aber auch einzelne M\u00e4nner oder Transpersonen, die Opfer von Menschenhandel geworden und sexuell ausgebeutet worden sind. J\u00e4hrlich beraten und begleiten wir circa 150 Personen. Ein gro\u00dfer Teil von ihnen stammt aus Westafrika und befindet sich im Asylverfahren. Hier unterst\u00fctzen wir, damit die Betroffenen als Opfer von Menschenhandel anerkannt werden und in Deutschland Schutz bekommen. Andere kommen aus der EU oder auch aus Deutschland. Wir leisten psychosoziale Beratung, vermitteln zu \u00c4rztinnen, Therapeutinnen und Rechtsanw\u00e4ltinnen und helfen im Umgang mit Beh\u00f6rden. F\u00fcr diejenigen, die nicht im Asylverfahren sind, k\u00fcmmern wir uns um ausl\u00e4nderrechtliche Fragen und Zugang zu Sozialleistungen sowie um eine sichere Unterkunft, und bei denen, die in einem Strafverfahren aussagen, leisten wir psychosoziale Prozessbegleitung. Neben der konkreten Betreuung der Betroffenen leisten wir auch \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Advocacy-Arbeit, das hei\u00dft, wir treten f\u00fcr die Interessen der Betroffenen in Politik und Gesellschaft ein.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt das Fraueninformationszentrum bei der Unterst\u00fctzung von Menschenhandelsopfern in W\u00fcrttemberg?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt in Baden-W\u00fcrttemberg drei vom Land anerkannte Fachberatungsstellen, neben uns noch FreiJa in Freiburg und Kehl sowie die Mitternachtsmission Heilbronn. Gemeinsam sind wir f\u00fcr ganz Baden-W\u00fcrttemberg zust\u00e4ndig, wir agieren vorwiegend im w\u00fcrttembergischen Raum.<\/p>\n<p><strong>Welche Herausforderungen sehen Sie, was die Finanzierung Ihrer Hilfen betrifft?<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen einerseits Finanzierung unserer Arbeit \u2013 hier bekommen wir Zusch\u00fcsse vom Land, die aber bei weitem nicht ausreichen, so dass wir dankbar sind, dass auch die Kirchen das FiZ unterst\u00fctzen. Dar\u00fcber hinaus arbeiten wir viel mit Projektfinanzierungen. Andererseits befinden sich die Betroffenen von Menschenhandel in Notlagen, f\u00fcr die die Di\u00f6zese Rottenburg-Stuttgart den Opferfonds aufgelegt hat. Das ist sehr hilfreich f\u00fcr uns und f\u00fcr die Betroffenen.<\/p>\n<p><strong>Wie kam es dazu, dass die katholische Kirche das Fraueninformationszentrum bei Ihrer Arbeit im Bereich Menschenhandel und Zwangsprostitution unterst\u00fctzt?<\/strong><\/p>\n<p>Das FiZ wurde 1987 gemeinsam von evangelischen und katholischen Frauen und M\u00e4nnern gegr\u00fcndet. Dies geschah als Antwort auf den Weltgebetstag der Frauen, bei dem 1980 Thail\u00e4nderinnen auf das Problem des Sextourismus aufmerksam machten. Das FiZ wurde gegr\u00fcndet, damit Frauen, die von Touristen \u201amitgebracht\u2018 wurden oder die \u00fcber Katalog \u201abestellt\u2018 wurden, Unterst\u00fctzung finden. Man brauchte noch eine Tr\u00e4gerorganisation, daf\u00fcr konnte der VIJ e.V. gefunden werden, ein evangelischer Frauenverein, der seit 1885 M\u00e4dchen und Frauen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie uns mehr \u00fcber den Zweck des Opferfonds der Di\u00f6zese Rottenburg-Stuttgart berichten und wie Ihre Zusammenarbeit mit der Di\u00f6zese funktioniert?<\/strong><\/p>\n<p>Betroffene von Menschenhandel haben theoretisch Anspruch auf staatliche Leistungen, doch in der Praxis gelingt das nicht immer, etwa weil eine Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde nicht den entsprechenden Aufenthaltstitel erteilt oder weil die Beh\u00f6rden \u00fcber die Zust\u00e4ndigkeit streiten. Au\u00dferdem m\u00fcssen wir eine Betroffene, die heute bei uns ankommt, sofort in Sicherheit unterbringen \u2013 bis die Antr\u00e4ge mit Beh\u00f6rden abgewickelt sind, kann es aber dauern. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen eine Unterkunft bezahlen, deren Kosten das Sozialamt oder Jobcenter dann vielleicht doch nicht \u00fcbernimmt, und die Betroffene braucht Essen oder auch Kleidung. Au\u00dferdem gibt es zus\u00e4tzliche Bedarfe, wie Therapie, Deutschkurs, Fahrtkosten, Anwaltskosten oder auch Geb\u00fchren f\u00fcr Dokumente. F\u00fcr solche Bedarfe k\u00f6nnen wir einen Antrag beim Opferfonds der Di\u00f6zese stellen. Der Verein IN VIA pr\u00fcft den Antrag inhaltlich, und wenn nichts dagegen spricht, \u00fcbernimmt der Fonds dann die Kosten. Wir machen selbstverst\u00e4ndlich einen Verwendungsnachweis und halten die Belege vor. Dies geht alles in der Regel schnell und unkompliziert, wof\u00fcr wir sehr dankbar sind.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie ein Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Eine sechzehnj\u00e4hrige junge Frau, nennen wir sie Grace, flieht in Nigeria von zuhause, weil sie zwangsverheiratet werden soll. Sie flieht in die Stadt, lebt auf der Stra\u00dfe. Bei einem\u00a0Gelegenheitsjob bietet ihr eine Frau Hilfe an: Grace k\u00f6nne bei ihrer Schwester in Italien in einem Restaurant arbeiten. In ihrer Not nimmt Grace das Angebot an. Die Frau besorgt ihr einen Pass und organisiert die Reise: In Bussen und LKW f\u00e4hrt Grace Richtung Norden, durch die Sahara, schlie\u00dflich mit einem Boot \u00fcbers Mittelmeer. Die Reise ist lang, bedrohlich und gef\u00e4hrlich. Sie wird mehrmals vergewaltigt. Die Frau instruiert sie immer per Handy, wie es weiter geht. In Italien angekommen, wird sie von einer anderen Frau abgeholt. Am n\u00e4chsten Tag wird sie auf den Stra\u00dfenstrich geschickt. Grace wird klar gemacht: Hier muss sie jetzt so lange arbeiten, bis sie 50.000 Euro verdient hat, das sind ihre Schulden f\u00fcr die Reise. Grace h\u00e4lt zwei Jahre durch. Als sie schwanger ist und zwangsabtreiben soll, flieht sie. Jemand verhilft ihr nach Deutschland. Hier beantragt sie Asyl, das aber negativ entschieden wird. Eine Bekannte vermittelt sie ins FiZ. Wir arbeiten mit ihr ihre Geschichte auf. Sie hat eindeutig Schutzgr\u00fcnde. Damit sie einen Asyl-Folge-Antrag stellen kann, ben\u00f6tigt sie eine Rechtsanw\u00e4ltin, die 500 Euro kostet. Der Opferfonds der Di\u00f6zese \u00fcbernimmt die Kosten. Die Anw\u00e4ltin reicht den Folgeantrag beim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge ein, das FiZ legt eine Stellungnahme dazu und bereitet Grace auf die erneute Anh\u00f6rung vor, in der sie diesmal ihre Erlebnisse schl\u00fcssig und deutlich erz\u00e4hlen muss. Nach eineinhalb Jahren erh\u00e4lt sie die positive Entscheidung: Sie darf in Deutschland bleiben. Das FiZ unterst\u00fctzt sie nun dabei, sich ein neues Leben aufzubauen, gut Deutsch zu lernen und eine Ausbildung zu absolvieren.<\/p>\n<p><strong>Was wird von Politik und Polizei getan, um Menschenhandel zu bek\u00e4mpfen? Was fehlt, um gr\u00f6\u00dfere Verbesserungen zu erzielen?<\/strong><\/p>\n<p>Menschenhandel z\u00e4hlt zur organisierten Kriminalit\u00e4t. Polizei und Gerichte m\u00fcssten spezialisierte Fachstellen daf\u00fcr einrichten \u2013 man sieht in der Praxis deutlich, wo es solche Stellen gibt, etwa in Berlin, ist die Strafverfolgung deutlich erfolgreicher. Und f\u00fcr die Betroffenen muss die Politik bessere Strukturen schaffen, damit ihre Rechte auch umgesetzt werden. Derzeit werden in Deutschland ein nationaler Aktionsplan und eine nationale Berichterstattungsstelle eingerichtet, ich hoffe, dass dies Verbesserungen bringen wird.<\/p>\n<p><strong>Welche Ma\u00dfnahmen werden ergriffen, um die \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr das Problem des Menschenhandels und die Unterst\u00fctzung von Opfern zu sensibilisieren?<\/strong><\/p>\n<p>Wir halten immer wieder Vortr\u00e4ge, sowohl f\u00fcr Personen, die beruflich mit Betroffenen zu tun haben k\u00f6nnten, zum Beispiel in der Arbeit mit Gefl\u00fcchteten, auf Beh\u00f6rden, im Jugendamt oder bei der Polizei, als auch f\u00fcr Ehrenamtliche oder die interessierte \u00d6ffentlichkeit. Gerne kommen wir auch in Schulklassen oder Kirchengemeinden \u2013 sprechen Sie uns an.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Menschen, die Opfern von Menschenhandel oder Zwangsprostitution helfen m\u00f6chten, Unterst\u00fctzung leisten oder sich engagieren?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann unsere Arbeit mit den Betroffenen durch Spenden unterst\u00fctzen \u2013 wir ben\u00f6tigen j\u00e4hrlich circa 30.000 Euro Spenden, um die Kosten der Beratungsstelle zu decken. Die Spenden sind steuerlich absetzbar \u2013 und auch kleine Spenden in H\u00f6he von 10 oder 20 Euro helfen. Au\u00dferdem kann man sich ehrenamtlich engagieren, zum Beispiel brauchen wir Sprachmittlerinnen f\u00fcr die verschiedensten Sprachen, oder Personen, die zu Terminen begleiten k\u00f6nnen, beispielsweise bei \u00c4rzten oder Beh\u00f6rden, oder die mal an einem Wochenende mit einer Betroffenen spazieren gehen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Veranstaltungen oder Initiativen im Rahmen des Tags gegen Menschenhandel, die Ihre Arbeit hervorheben?<\/strong><\/p>\n<p>Wir veranstalten am 21. November 2023 einen gro\u00dfen Fachtag in Stuttgart zum Thema. Wer daran Interesse hat, findet Informationen auf unserer Internetseite www.vij-wuerttemberg.de unter \u201eAktuelles\u201c. Interessierte k\u00f6nnen auch direkt mit uns Kontakt aufnehmen per E-Mail an fiz@vij-wuerttemberg.de oder telefonisch unter 0711-23941-24.<\/p>\n<p>Bildunterzeile:<\/p>\n<p>Doris K\u00f6hncke leitet das Fraueninformationszentrums in Stuttgart. Dorthin wenden sich pro Jahr rund 150 Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Bild: VIJ e.V<\/p>\n<p>Dan Peter<br \/>Sprecher der Landeskirche<br \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Hinweis:\u00a0<\/strong>Diese Medieninformation wird zeitgleich von den Pressestellen der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg und der Di\u00f6zese Rottenburg-Stuttgart versendet. Wir bitten, Mehrfachsendungen zu entschuldigen.\u00a0<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hilfe bei Menschenhandel und Zwangsprostitution Leiterin des evangelischen Fraueninformationszentrums Stuttgart im Interview \/ Opferfonds der Di\u00f6zese Rottenburg-Stuttgart hilft schnell und<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6213"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6213"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6213\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}