{"id":6316,"date":"2023-11-12T15:45:55","date_gmt":"2023-11-12T15:45:55","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2023\/11\/12\/predigt-im-eroeffnungsgottesdienst-der-synode-der-ekd-in-der-martin-luther-kirche-in-ulm-ekd\/"},"modified":"2023-11-12T15:45:58","modified_gmt":"2023-11-12T15:45:58","slug":"predigt-im-eroeffnungsgottesdienst-der-synode-der-ekd-in-der-martin-luther-kirche-in-ulm-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2023\/11\/12\/predigt-im-eroeffnungsgottesdienst-der-synode-der-ekd-in-der-martin-luther-kirche-in-ulm-ekd\/","title":{"rendered":"Predigt im Er\u00f6ffnungsgottesdienst der Synode der EKD in der Martin-Luther- Kirche in Ulm \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p style=\"text-align:right\"><em>Es gilt das gesprochene Wort<\/em><\/p>\n<p>\u201eWir schweigen nicht!\u201c So steht es auf diesem Flugblatt der Weisen Rose.<br \/>1942, als es verfasst wurde, hatte Deutschland ganz Europa mit Krieg \u00fcberzogen. Schreckliche Verbrechen wurden begangen. Da w\u00e4re es gef\u00e4hrlich,<br \/>ja lebensgef\u00e4hrlich gewesen, ein Flugblatt so in der Hand zu halten. Es zu besitzen. Es zu lesen &#8230; Es laut vorzulesen &#8230; \u2013 In Deutschland herrschte ohrenbet\u00e4ubendes Schweigen.<\/p>\n<p>Und dennoch gab es Menschen &#8230; Jugendliche! &#8230; Die reden mussten &#8230; Hier in dieser Kirche &#8230; Hans und Susanne Hirzel, die Kinder des damaligen Pfarrers der Martin-Luther-Kirche, gingen hier ein und aus. Hans spielte bei Gottesdiensten die Orgel.<\/p>\n<p>Aber der eigentliche Grund war ein anderer:<\/p>\n<p>Hans und Susanne Hirzel, waren eng mit den Geschwistern Scholl befreundet. Familie Scholl lebte unmittelbar neben dem Ulmer M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Im Januar 1943 hatte Hans Scholl ein Flugblatt verfasst und in M\u00fcnchen gedruckt. Seine Schwester Sophie Scholl packte 2000 St\u00fcck ein und brachte sie nach Ulm. Hans Hirzel sollte sie am Bahnhof \u00fcbernehmen. Aber er war nicht da. Erst nachts im Pfarrgarten gelang die \u00dcbergabe \u2013 heimlich, denn sein Vater sollte nichts davon wissen. Versteckt wurden die Flug-bl\u00e4tter dort oben, in einer kleinen Kammer hinter der Orgel. Hier steckten die Freunde die Flugbl\u00e4tter in Umschl\u00e4ge. Hans brachte sie nach Stuttgart. Susanne Hirzel sorgte daf\u00fcr, dass man sie am n\u00e4chsten Tag in vielen Briefk\u00e4sten fand.<br \/>All das geschah unter Lebensgefahr.<br \/>Doch die Freunde waren \u00fcberzeugt: Die Deutschen m\u00fcssen die Wahrheit lesen. Der Krieg ist eine gro\u00dfe S\u00fcnde. Die Verbrechen werden auf sie zur\u00fcckfallen. \u201eWir schweigen nicht\u201c.<\/p>\n<p>H\u00e4tten wir \u2013 h\u00e4tte ich damals den Mut gehabt?<\/p>\n<p>In allen Zeiten brauchen Menschen Mut, sich zu bekennen und nicht zu schweigen. Einer von ihnen war Paulus.<\/p>\n<p>Manche von uns denken vielleicht: Paulus hatte es leicht. Immerhin hat Christus selbst zu ihm gesprochen. Dann zu glauben, ist eigentlich keine gro\u00dfe Kunst.<\/p>\n<p>Paulus aber wei\u00df sehr wohl, was es bedeutet, sich \u00f6ffentlich zu Christus zu bekennen: Oft wird er ausgelacht. Ja regelrecht angefeindet. Fr\u00fcher ein Christenverfolger. Jetzt die Seite gewechselt.<\/p>\n<p>Paulus verdient weiter sein Geld als Zeltmacher. Er will, dass m\u00f6glichst viele seine Erfahrung teilen und ihre Heimat im christlichen Glauben finden.<br \/>Deshalb gr\u00fcndet Paulus Gemeinden. Schreibt Briefe und macht viele Besuche \u2013 bald auch schlichtet er Streit. Denn wo Menschen zusammenkommen, bricht nicht automatisch Frieden aus. Auch wir Christinnen und Christen streiten.<br \/>So war es fr\u00fcher. So ist es heute.<\/p>\n<p>Paulus h\u00e4lt mit seinen \u00dcberzeugungen nicht hinter dem Berg. All das zehrt an ihm. Vor allem die pers\u00f6nlichen Anfeindungen setzen ihm zu. St\u00e4ndig unter Druck. Ein falsches Wort \u2013 schon kommt der Shitstorm. Das nagt an einem. Manche macht das krank. Auch in der Kirche.<\/p>\n<p>Und trotzdem: Paulus macht weiter. Warum? Weil er erlebt: Gegen alles, was mich zu Boden zwingt und verzweifeln l\u00e4sst, gibt es eine Gegenkraft. Christus l\u00e4sst mich nicht allein! &#8211; Wo ich bin, da ist er auch. Ich frage: Wie soll das alles weitergehen? Mit ihm geht\u2019s weiter.<br \/><em><strong>\u201eIch glaube, deshalb rede ich.\u201c <\/strong><\/em>\u2013 sagt Paulus.<br \/>Welch ein Vertrauen! Kann ich, k\u00f6nnen wir das heute auch so glauben?<\/p>\n<p>Ich hoffe schon.<br \/>Fest steht aber: wer das nachsprechen, ja nachleben will, braucht Mut. Und gro\u00dfen Mut, wenn die Verh\u00e4ltnisse nicht danach sind.<\/p>\n<p>Vom Glauben reden, ist also kein Marketingkonzept f\u00fcr die Kirche. Ob die Menschen zustimmen oder den Kopf sch\u00fctteln, kann nicht Ma\u00dfstab sein. Nat\u00fcrlich muss die Kirche mit der Zeit gehen. Und nat\u00fcrlich m\u00fcssen existentielle Fragen immer wieder neue beantwortet werden.<\/p>\n<p>Aber die Kirche verkauft kein Produkt. Sie passt sich nicht dem Zeitgeist an. Das Wort Gottes z\u00e4hlt!<\/p>\n<p>Letztlich muss jeder und jede f\u00fcr sich selbst entschieden, was das f\u00fcr den eigenen, den pers\u00f6nlichen Glauben bedeutet. Wer aber eine Antwort gefunden hat, soll dazu stehen. Vieles, was wir als Christinnen und Christen glauben, ist unbequem f\u00fcr andere. In der Gesellschaft erfahren manche \u00dcberzeugungen l\u00e4ngst schon deutlichen Widerspruch.<\/p>\n<p>Heute z. B. \u00f6ffentlich f\u00fcr den Schutz des ungeborenen Lebens einzutreten, ist die Aufgabe der Kirchen. Davon bin ich \u00fcberzeugt. Ich glaube, dass menschliches Leben von seinem ersten Beginn an bis zum letzten Atemzug Gottes Gabe ist und damit unantastbar bleibt. Das wollen viele nicht h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber wie kann dieser Schutz auch in Zukunft aufrechterhalten werden, ohne das Recht der Selbstbestimmung der Frau abzuschw\u00e4chen? Mich treibt diese Frage um. Und trotzdem: Ich darf mich nicht verstecken. Ich muss sagen, was ich glaube \u2013 nicht besserwisserisch, nicht von oben herab. Aber ich glaube: Gott ist ein Freund des Lebens!<\/p>\n<p>Vom Glauben reden. Ich bin der \u00dcberzeugung: Wir k\u00f6nnen uns vom Glauben anderer \u2013 liebe Elaheh, liebe Frau Rossburger \u2013 anstecken lassen.<br \/>Paulus schreibt von der Kraft, die der Glaube hat. Aber nicht in dem Sinne, dass man halt nur hart an sich arbeiten muss, um diesen Glauben zu haben.<br \/>Nein, der Glaube kommt nicht aus mir. Dazu ist meine Kraft viel zu klein.<br \/>Der Glaube und die Kraft, die er gibt, sind ein Geschenk. Ein Geschenk von Gott. Paulus schreibt:<br \/><strong>\u201eWir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gef\u00e4\u00dfen. So soll deutlich werden, dass unsere \u00fcbergro\u00dfe Kraft von Gott kommt und nicht aus uns selbst\u201c.<\/strong><br \/>Mich entlasten diese Worte. Sie tun mir gut. Sie sind n\u00fcchtern und zuversichtlich. Ich muss mich nicht verstellen. Als Menschen sind wir zerbrechliche Gef\u00e4\u00dfe. Es braucht nicht viel und wir fallen auseinander. Wir zerbrechen an Erwartungen. Bequemlichkeit und Mutlosigkeit sind Grenzen, an die wir immer wieder sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Nein zu Antisemitismus. Da sind wir uns in der Kirche einig. Hoffentlich auch in der ganzen Gesellschaft. Aber \u00f6ffentlich gegen Antisemitismus einstehen, so wie es jetzt gefragt ist, das ist unbequem.<br \/>Wir schauen auf das Land, indem unser Glaube seinen Ursprung hat. Nach Israel. Wir sehen: Den Terror und all seine schrecklichen Folgen. \u2013 Dort im Land, in der Region. Nat\u00fcrlich! Aber auch bei uns: Wir lesen davon, dass sich J\u00fcdinnen und Juden in Deutschland nicht mehr sicher f\u00fchlen \u2013 ein schrecklicher Gedanke. Gerade hier in dieser Kirche, wo junge Menschen ihr Leben riskiert haben, um den Verfolgten beizustehen.<\/p>\n<p>Es braucht nicht viel und wir fallen auseinander. Als Individuen \u2013 aber auch als Gesellschaft. Und Gott wei\u00df das! Aber er l\u00e4sst uns damit nicht allein.<\/p>\n<p>Er gibt uns die Kraft. Sie kann Berge versetzen!<\/p>\n<p>Oft sp\u00fcre ich diese Kraft nicht.<br \/>Aber manchmal eben doch.<br \/>Sie ist einfach da.<br \/>Gott schenkt sie mir.<\/p>\n<p>Sp\u00fcrst du die Kraft?<\/p>\n<p>Mit dieser Kraft im R\u00fccken schweigen wir nicht.<br \/>Wir k\u00f6nnen nicht anders als zu reden.<br \/>Lasst uns also reden!<\/p>\n<p>Von unserem Glauben.<br \/>Von Gerechtigkeit.<br \/>Von Frieden.<br \/>Von Vers\u00f6hnung, in einer Welt, des Unfriedens und des Terrors.<\/p>\n<p>Schweige nicht!<br \/>Rede!<br \/>Um Gottes Willen.<br \/>Amen<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gilt das gesprochene Wort \u201eWir schweigen nicht!\u201c So steht es auf diesem Flugblatt der Weisen Rose.1942, als es verfasst<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6317,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6316"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6316"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6318,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6316\/revisions\/6318"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6317"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}