{"id":6788,"date":"2024-04-18T16:11:34","date_gmt":"2024-04-18T16:11:34","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/04\/18\/protestantische-friedensethik-auf-neuen-wegen-ekd\/"},"modified":"2024-04-18T16:11:36","modified_gmt":"2024-04-18T16:11:36","slug":"protestantische-friedensethik-auf-neuen-wegen-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/04\/18\/protestantische-friedensethik-auf-neuen-wegen-ekd\/","title":{"rendered":"Protestantische Friedensethik auf neuen Wegen \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p>Frieden und zivile Konfliktbearbeitung \u2013 und das in Zeiten eskalierender Gewalt. So hei\u00dft das Tagungsthema vollst\u00e4ndig. Denn ja: Die Welt ist aus den Fugen. Wir wissen, sie war es schon lange vor dem 24. Februar 2022. Aber angesichts all dessen, was wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt haben, f\u00fchlt es sich so an.<\/p>\n<p>Unsere in den letzten etwa 30 Jahren gef\u00fchlt zur Gewohnheit gewordenen sicherheits- und friedenspolitischen Standards und Verl\u00e4sslichkeiten sind zutiefst ersch\u00fcttert worden. Dadurch stehen auch unsere friedensethischen Positionen neu auf dem Pr\u00fcfstand und die protestantische Friedensethik wird auf neue Wege geschickt. Gut, dass es diese Tagung dazu gibt.<\/p>\n<p><em><strong>Gegenw\u00e4rtige Herausforderungen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Seit dem v\u00f6lkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind wir mit einem gro\u00dfen zwischenstaatlichen Krieg in Europa konfrontiert, sozusagen unmittelbar vor unserer Haust\u00fcr. Die Berichte \u00fcber Zerst\u00f6rungen, verletzte und tote Menschen \u2013 Soldaten und Soldatinnen, aber auch Zivilistinnen und Zivilisten, sie nehmen seit gut zwei Jahren kein Ende.<\/p>\n<p>Die just Oscar-pr\u00e4mierte Dokumentation \u201e20 Tage in Mariupol\u201c ist dabei in ihrer komplett ungesch\u00f6nten Darstellung in einem Ma\u00dfe bewegend und aufr\u00fcttelnd, dass es ihresgleichen sucht. Denn man sieht tats\u00e4chlich, wie sehr es in diesem Falle geboten ist, dass dem Bruch des V\u00f6lkerrechts, der Verletzung der Grenzen und des Territoriums eines souver\u00e4nen Staates die Selbstverteidigung entgegengesetzt und dies dringend unterst\u00fctzt werden muss. Allemal wenn nicht einfach auf Freiheit und Selbstbestimmung, auf die eigene Regierung, auf die eigene Kultur und Identit\u00e4t verzichtet werden will (und darf). Die \u00fcbrigen westlichen Staaten stehen vor der Aufgabe, die Ukraine zu unterst\u00fctzen, diese v\u00f6lkerrechtswidrige Aggression bestm\u00f6glich zu begrenzen und einzuhegen. Und man muss klar konstatieren: Die Grenzen der Durchsetzbarkeit des V\u00f6lkerrechts und internationaler Vereinbarungen sind in diesem ganzen Zusammenhang offen zutage getreten.<\/p>\n<p>Seit dem 7. Oktober 2023, seit den brutalen, terroristischen Angriffen der Hamas auf Israel und der darauffolgenden milit\u00e4rischen Reaktion des Staates Israel, versch\u00e4rfen sich die Spannungen im Nahen Osten. Die Notwendigkeit der Solidarit\u00e4t mit Israel, mit Menschen j\u00fcdischen Glaubens steht uns sehr deutlich vor Augen. Ja, und (nicht: Ja, aber \u2026) ebenso kann uns das Leiden der pal\u00e4stinensischen Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen nicht unber\u00fchrt lassen.<\/p>\n<p>Ja, und: von weiteren Kriegen und gewaltsamen Konflikten weltweit wissen wir, meist ohne sie tagt\u00e4glich wahrzunehmen oder ihre Auswirkungen zu bedenken oder uns \u00fcber konkrete Konfliktl\u00f6sungen Gedanken zu machen. Vielleicht, weil sie uns unsere eigene Verletzlichkeit nicht so direkt und unmittelbar vor Augen f\u00fchren, wie das der russische Angriff auf die Ukraine getan hat.<\/p>\n<p>Denn mit einem Mal wurde unsere Abh\u00e4ngigkeit von russischem Erdgas und Erd\u00f6l deutlich und damit das Bewusstsein f\u00fcr eine n\u00f6tige wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit geweckt, vor allem auch im Bereich der kritischen Infrastruktur \u2013 eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Unabh\u00e4ngigkeit von autorit\u00e4ren Regimen, die Freiheit und Menschenrechte, grundlegende Werte unserer Demokratie und unseres gesellschaftlichen Miteinanders ganz offensichtlich missachten.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderte geopolitische Verh\u00e4ltnisse mit inzwischen verschiedenen, multiplen Machtzentren und Ordnungsvorstellungen werfen auch in diesem Zusammenhang neue Fragen auf. Zu pr\u00fcfen ist, wie wir und wie unsere altbew\u00e4hrten B\u00fcndnisse NATO und EU, aber auch wie internationale Abkommen oder Vereinbarungen und die Institutionen der UN angesichts dieser multiplen Ordnungen und neuer Staatenb\u00fcndnisse (z. B. der BRICS-Staaten) zu stehen kommen und wie wir uns in der Gemengelage oder im Gegen\u00fcber zu solchen neuen Machtzentren am besten verhalten sollten.<\/p>\n<p>Dann: Der menschengemachte Klimawandel versch\u00e4rft die Ressourcenfragen noch einmal. Abzusehen sind durch Klimaver\u00e4nderungen, D\u00fcrren, Verw\u00fcstungen und den steigenden Meeresspiegel verursachte Verteilungsk\u00e4mpfe, Kriege und Fluchtbewegungen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen schlie\u00dflich Herausforderungen durch neue oder modernisierte Waffensysteme (automatisierte Waffen, neue oder modernisierte Nuklearwaffen, z. B. in Form von taktischen Atomwaffen, so klein, dass sie manchen als einsetzbar erscheinen) und nicht zuletzt die Gef\u00e4hrdungen im Cyberbereich. Durch Desinformation, Spionage und m\u00f6gliche Hackerangriffe greifen diese auch auf den zivilen Bereich \u00fcber und gef\u00e4hrden den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und das alles nach gut drei Jahren Pandemie, die ein komplett ersch\u00f6pftes System zur\u00fcckgelassen haben und die Ver\u00e4nderungsprozesse im Bereich von Energiebeschaffung und Klimaschutz sowie Ma\u00dfnahmen gegen die Inflation und die versch\u00e4rften finanziellen und sozialen N\u00f6te, unter denen viele Menschen in unserer Gesellschaft leiden, notwendig machen.<\/p>\n<p><em><strong>Friedensethischer Ausblick<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wie ist die protestantische Friedensethik nun, auf diese Situation gegenw\u00e4rtiger Herausforderungen hin, auszulegen oder anzuwenden?<\/p>\n<p>Es wird sicher einerseits darum gehen, vorhandene und inzwischen mehr als deutlich vor Augen stehende Gefahren, Risiken und \u00fcber Leichen gehendes, v\u00f6lkerrechtswidriges Gro\u00dfmachtstreben als Realit\u00e4t anzuerkennen. Und es gilt zugleich, unsere protestantische Anthropologie, die auch die Christenmenschen ja immer nicht nur als gerechtfertigt, sondern auch als s\u00fcndig und potenziell b\u00f6swillig beschreibt, nicht zu verdr\u00e4ngen oder zu ignorieren. Mit all dem sind wir konfrontiert in dieser Welt, die aus den Fugen ist.<\/p>\n<p>Einer christlichen oder protestantischen Friedensethik wird es aber auch darum gehen, trotz alledem das Ziel eines friedlichen Zusammenlebens, in Gesellschaften, in benachbarten Staaten, letztlich weltweit, nicht aus den Augen zu verlieren. Und aus dem R\u00fcckblick auf die protestantische Friedensethik seit den Achtzigerjahren steht uns deutlich vor Augen, dass den politischen Mitteln der Konfliktbew\u00e4ltigung und den auf milit\u00e4rische Gewalt verzichtenden Instrumenten und Wegen dabei der Vorrang gegen\u00fcber aller milit\u00e4rischen Gewalt zukommen muss. Christliche oder protestantische Friedensethik ist und bleibt bei allem Realit\u00e4tssinn ausgerichtet auf Gewaltfreiheit und Frieden. Und das muss sich im Konkreten zeigen.<\/p>\n<p>Wenn wir unter den Bedingungen dieser noch auf die eschatologische Erl\u00f6sung harrenden und von Gewalt und Schuld gepr\u00e4gten Welt daran festhalten, dass wir nicht ohne Milit\u00e4r und entsprechende Ausr\u00fcstung auskommen, dass wir, um nicht Krieg f\u00fchren zu m\u00fcssen, der effektiven Abschreckung bed\u00fcrfen \u2013 dann m\u00fcssen wir das mit der bleibenden Forderung nach R\u00fcstungskontrolle, Einhegung der R\u00fcstungspotentiale und -ausgaben und effektiven Ma\u00dfnahmen der Deeskalation verbinden.<\/p>\n<p>Denn bei allem realistischen Wahrnehmen und Einordnen der gegenw\u00e4rtigen weltpolitischen Situation hat die christliche Friedensethik das Ziel eines eschatologischen, g\u00f6ttlichen Friedens vor Augen, der nach m\u00f6glichst gro\u00dfer Vorwegnahme und Umsetzung schon im Hier und Jetzt verlangt. Wie hei\u00dft es so treffend in der Einleitung zur Synodenkundgebung der EKD 2019: \u201eDer neue Himmel und die neue Erde, in der sich Gerechtigkeit und Friede k\u00fcssen, liegen uns noch voraus. Aber wir gestalten schon im Hier und Jetzt mit Hoffnung und Ausdauer, mit Klarheit und Mut eine Friedensordnung.\u201c Es gilt also in Aufnahme von Robert Musil an den unverzichtbaren M\u00f6glichkeitssinn zu erinnern, ohne den es nicht zu neuen, gewaltfreien oder gar vers\u00f6hnten Wegen kommen kann.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne dieses M\u00f6glichkeitssinns ist mir ein Jubil\u00e4um im vergangenen Jahr besonders vor Augen: 375 Jahre Westf\u00e4lischer Friede. 1648 wurde dieser Friede ja buchst\u00e4blich errungen, nach einem drei Jahrzehnte lang dauernden Krieg. Keiner hatte damals noch an Frieden geglaubt. Fast 30 Jahre Krieg! Brandschatzende S\u00f6ldner, verw\u00fcstete Landstriche, Hunger und Seuchen, hunderttausendfacher Tod. Erst nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit, nach Millionen ziviler Opfer und get\u00f6teter Soldaten, reifte die Einsicht, dass keine der beteiligten M\u00e4chte in diesem Krieg je siegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und so verhandelte man. Ersch\u00f6pft von all der Gewalt. Ersch\u00f6pft von dem, was Menschen einander antun k\u00f6nnen. In Osnabr\u00fcck verhandelten die Deutschen mit den Schweden, in M\u00fcnster die Deutschen mit den Franzosen. Die Krisenherde und Konflikte waren komplex wie ein gordischer Knoten. Ein gutes Bild auch f\u00fcr die Konflikte heute. Verwoben damals mit dem irrsinnigen Kampf um Glaubenswahrheiten, ein dunkles Kapitel auch europ\u00e4ischer Religionsgeschichte.<\/p>\n<p>Mit Geduld und Klugheit, List und T\u00fccke, sicher bisweilen auch mit ged\u00e4mpftem Zorn wurden die komplizierten Details verhandelt. Angemessene Ausgleiche, Recht auf Land, politische Mitbestimmung, Glaubensfreiheit, der Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde best\u00e4tigt, der ein friedliches Nebeneinander der gro\u00dfen Konfessionen erm\u00f6glichte \u2013 Faden f\u00fcr Faden wurde aufgenommen, sortiert und ent-wickelt. \u00dcber vier Jahre dauerten die Verhandlungen, dann konnte am 25. Oktober 1648 der Friedensvertrag unterschrieben werden \u2013 in Osnabr\u00fcck und in M\u00fcnster. Und die Kompromisse dieses Friedensvertrages wurden zur Grundlage einer Friedensordnung, die f\u00fcr die kommenden \u00fcber 150 Jahre tragen sollte.<\/p>\n<p>Es ist dieser Blick auf die M\u00f6glichkeit von Verhandlungen, die Gewalt und Not beenden, auf den christliche und protestantische Friedensethik ausgerichtet ist, in allen zeitgen\u00f6ssischen Bedr\u00e4ngnissen und gewaltsamen Widerw\u00e4rtigkeiten. Und es ist dieser Blick, der mich letztlich doch mit mehr Fragen als Antworten zur\u00fcckl\u00e4sst. Vielleicht geht es ja im Moment auch darum, sich auf die richtigen Fragen zu verst\u00e4ndigen. Auf der Suche nach Antworten sind das heute hier in Loccum meine Fragen:<\/p>\n<p>Die friedensethischen \u00c4u\u00dferungen der EKD wurden auch in den letzten Jahren (insbesondere bei der Synodenkundgebung von 2019) konsequent weiterentwickelt. Was an ihnen ist wirklich alt im Sinne von \u00fcberholt und daher neu- und weiterzuentwickeln?<\/p>\n<p>Welche Positionen sind so grunds\u00e4tzlich oder der protestantischen Friedensethik inh\u00e4rent und angemessen, dass sie sozusagen Kennzeichen einer protestantischen Friedensethik sind und bleiben sollten?<\/p>\n<p>Wie beeinflussen in diesem Diskurs die individuellen Biographien die jeweiligen friedensethischen Herangehensweisen?<\/p>\n<p>Der Prozess der Friedenswerkstatt mit diesen Konsultationen ist<em> f\u00fcr mich<\/em> insbesondere in dem derzeitigen gesellschaftlich erhitzen Klima beispielhaft: Ein friedensethisches Grundlagendokument entsteht nicht von Einzelnen im stillen K\u00e4mmerlein, sondern unterschiedliche Positionen innerhalb des Protestantismus werden an einen Tisch und \u00f6ffentlich ins Gespr\u00e4ch gebracht. Wie erleben Sie diesen Prozess?<\/p>\n<p>Ich danke Ihnen, dass Sie sich \u00fcberhaupt auf ihn immer wieder neu einlassen, ja miteinander ringen und dass Sie sich in Tagungen wie heute engagieren; ich empfinde das wirklich als Geschenk f\u00fcr unsere Kirche, in der unverdrossen und hoffnungsmutig dieser Puls schl\u00e4gt und schlagen muss: Dona nobis pacem.<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frieden und zivile Konfliktbearbeitung \u2013 und das in Zeiten eskalierender Gewalt. So hei\u00dft das Tagungsthema vollst\u00e4ndig. 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