{"id":7060,"date":"2024-07-08T09:16:44","date_gmt":"2024-07-08T09:16:44","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/07\/08\/lasst-euch-keine-angst-vor-zuwanderung-machen-ekd\/"},"modified":"2024-07-08T09:16:47","modified_gmt":"2024-07-08T09:16:47","slug":"lasst-euch-keine-angst-vor-zuwanderung-machen-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/07\/08\/lasst-euch-keine-angst-vor-zuwanderung-machen-ekd\/","title":{"rendered":"&#8222;Lasst euch keine Angst vor Zuwanderung machen&#8220; \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p>epd: Anna-Nicole Heinrich, Sie haben die vergangenen Tage an der EU-Au\u00dfengrenze verbracht und unter anderem ein Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete auf der griechischen Insel Kos besucht. Was haben Sie dort gesehen und erlebt?<\/p>\n<p><em>Anna-Nicole Heinrich:<\/em> Auf Kos habe ich eine verst\u00f6rende Gleichzeitigkeit erlebt. An den Str\u00e4nden baden die Urlauber, und nur wenige Meter weiter sieht man die Spuren von Flucht: Reste von Schlauchbooten liegen an den Str\u00e4nden, daneben Rettungswesten, Kleidung von Kindern. F\u00e4hrt man weiter ins Innere der Insel, wohin sich nur wenige Touristen verirren, sieht man ein riesiges Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, das \u201eClosed Control Access Center\u201c. Der Name sagt es ja bereits: Das Lager ist eine geschlossene Unterbringung, und die Abschottung dieser Menschen ist auch deutlich zu sehen. Es ist komplett umz\u00e4unt, inklusive Stacheldraht. Davor wehen die griechische und die europ\u00e4ische Fahne.<\/p>\n<p>epd: Hat Sie dieser Anblick der EU-Au\u00dfengrenze \u00fcberrascht?<\/p>\n<p><em>Heinrich: <\/em>Ich bin nicht mit vorgefertigten Bildern von der EU-Au\u00dfengrenze nach Griechenland gereist. F\u00fcr mich war Europa bisher gepr\u00e4gt von Offenheit. Europas Grenze kann die offene K\u00fcste sein. Wir kennen aber auch andere Berichte \u00fcber die EU-Au\u00dfengrenze, insbesondere dann, wenn dort der Ausnahmezustand herrscht. Den gibt es auf Kos derzeit nicht. Der Tourismus dort l\u00e4uft offensichtlich gut. Aber vom Anblick dieses Lagers war ich doch \u00fcberrascht, davon, wie massiv es ist, und auch davon, wie die Menschen darin &#8211; inmitten dieser Urlaubsinsel &#8211; unsichtbar gemacht werden.<\/p>\n<p>epd: Die griechischen Lager gelten als Pilotprojekt. Im Zuge der EU-Asylreform entstehen andernorts baugleich \u00e4hnliche Lager. Nach dem, was Sie dort gesehen haben, wie geht es den Menschen in diesen Lagern?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Auf Kos war es \u00fcber 30 Grad hei\u00df, ein Feuer hat auf der Insel gew\u00fctet. Im Lager gibt es kaum Orte, wo sich Menschen vor der Sonne sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Sie dr\u00e4ngen sich in die schmalen Schattenstreifen von Wohncontainern. Wir haben auch geh\u00f6rt, dass die Nahrung nicht den Bedarf deckt, dass es bei der medizinischen und psychologischen Versorgung hakt, weil \u00c4rzte fehlen. Und \u00fcber all dem schwebt eine gro\u00dfe Ungewissheit. Den Betroffenen ist oft nicht klar, wie die Prozesse ablaufen, weil es an Informationen und \u00dcbersetzern mangelt.<\/p>\n<p>epd: Wurde Ihnen der freie Zugang zu Informationen gew\u00e4hrt?<\/p>\n<p><em>Heinrich: <\/em>In den Gespr\u00e4chen mit unterschiedlichen Akteuren im Lager haben wir ganz unterschiedliche Informationen erhalten. Das fing an bei der Aufnahmekapazit\u00e4t und ging bis zu spezifischen Rechten, die Betroffene dort haben sollen. Da kann man sich an manchen Stellen schon fragen, ob die Freiheiten oder Beschr\u00e4nkungen am Ende nicht letztlich von der Gunst der Verantwortlichen abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>epd: Was braucht es aus Ihrer Sicht in diesen Zentren?<\/p>\n<p>Heinrich: Wenn die EU f\u00fcr mehr als 35 Millionen Euro ein Lager errichtet, dann muss die EU auch die Verantwortung daf\u00fcr tragen, dass Menschen dort unter Bedingungen leben, die ein Mindestma\u00df an Anst\u00e4ndigkeit haben. Und wenn diese Lager Pilotprojekte f\u00fcr weitere Lager dieser Art sind, dann m\u00fcssen es Lernorte sein. Dann braucht es ein Monitoring. Werden Missst\u00e4nde festgestellt, m\u00fcssen sie behoben werden.<\/p>\n<p>epd: Was bedeuten solche Lager f\u00fcr das Zusammenleben von Europ\u00e4ern und Neuank\u00f6mmlingen, also f\u00fcr die Integration?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Die Lager sind f\u00fcr die Erstaufnahme und die Registrierung der Ankommenden gedacht. Das sind keine Orte, an denen sie ewig bleiben sollen. Aber in der Realit\u00e4t haben wir erfahren, dass es nicht immer so klappt, sondern dass Menschen dort teilweise mehrere Wochen oder Monate bleiben. Registrierung und Integration sind zwei v\u00f6llig unterschiedliche Dinge. Klar ist, dass Integration w\u00e4hrend dieser ersten Zeit also nicht einmal beginnen kann. Bildung, die neue Sprache lernen, sich austauschen &#8211; all das hat in den Lagern keinen Platz. Ich glaube, und das haben wir auch von unterschiedlichen Akteuren geh\u00f6rt, dass dezentrale L\u00f6sungen die menschenfreundlicheren Bedingungen erm\u00f6glichen. Das ist die Strategie, die man forcieren sollte.<\/p>\n<p>epd: Sie haben in Gespr\u00e4chen erfahren, dass die Menschen nach einem positiven Asylbescheid das Lager nach 30 Tagen verlassen m\u00fcssen. Die Betroffenen warten dann aber noch auf ihre Papiere. Und ohne Papiere haben sie keine Aussicht auf legale Arbeit oder eine Wohnung. In der Regel landen sie zumindest vor\u00fcbergehend in der Obdachlosigkeit. Ist diese L\u00fccke im System den Werten der EU angemessen?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Nein, dass Menschen obdachlos werden, weil es so lange Wartezeiten gibt, ist der EU nicht w\u00fcrdig. Das, finde ich, ist die gr\u00f6\u00dfte Absurdit\u00e4t, dass unsere Regelungen diese Menschen zwingen, an einem Ort zu warten, an dem sie nicht bleiben wollen und dass man in dieser Situation nicht F\u00fcrsorge f\u00fcr sie \u00fcbernimmt oder den Prozess anders gestaltet. Wie kann es sein, dass es so viel Obdachlosigkeit in Europa gibt? Man schaue sich nur einmal den riesigen Leerstand von Geb\u00e4uden in Athen an. Wie passt das zusammen?<\/p>\n<p>epd: Stacheldrahtumwobene Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, systematische Obdachlosigkeit &#8211; der gro\u00dfe Aufschrei bleibt nicht nur in Griechenland aus. Seit 2015 hat sich die Stimmung in Europa gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen und Migranten sehr ver\u00e4ndert. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Es ist schon erschreckend, wie schnell man Leid verdr\u00e4ngen kann, obwohl man es direkt vor der Nase hat. Wie schnell man manches als Normalit\u00e4t hinnimmt und auch wie schnell Menschen nur im Hinblick auf N\u00fctzlichkeiten gesehen werden. Das wurde auch bei manchen Gespr\u00e4chen auf Kos klar. Nicht wenige Schutzsuchende arbeiten dort schwarz im Tourismus. Solange die Ankommenden n\u00fctzlich sind, sind sie willkommen. Zu sehen, dass es passiert, dass Menschen nur noch als Objekte gesehen werden, und nicht mehr ihre je eigenen Bed\u00fcrfnisse, erschreckt.<\/p>\n<p>epd: Bei der letzten Europawahl sind viele EU-Staaten weiter nach rechts ger\u00fcckt. Weitere Wahlen k\u00f6nnten diesen Trend weiter verfestigen. Die Debatte um Migration spielt dabei eine wesentliche Rolle. Haben Sie einen Appell an W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Lasst euch keine Angst machen. Lasst euch keine Angst vor Zuwanderung machen.<br \/>epd: Weil Europa Schlepper und Schleuser bek\u00e4mpft, geraten offenbar auch Helfende unter Verdacht. Was sagen Sie dazu?<\/p>\n<p><em>Heinrich: <\/em>Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, die Schutzsuchenden weiterhin helfen m\u00f6chten: Anw\u00e4ltinnen, Mitarbeiter in Umsonstl\u00e4den, Psychologen. Viele von ihnen werden angefeindet, manche f\u00fcrchten sogar rechtliche Konsequenzen. Wer versucht, die Situation zu verbessern, sollte nicht kriminalisiert werden. Wir brauchen diese Menschen.<\/p>\n<p>epd: Welche Hilfe k\u00f6nnen die Kirchen leisten?<\/p>\n<p><em>Heinrich<\/em>: Als Christinnen und Christen ist es unsere Aufgabe, Menschlichkeit und das Wissen darum, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, immer wieder an erste Stelle zu setzen und davon auch nicht abzur\u00fccken. Gleichzeitig sollten wir den Blick vor der Realit\u00e4t nicht verschlie\u00dfen. Das ist die Aufgabe als Christ, als Christin, geleitet von den Idealen, die wir aus unserem Glauben haben, zu schauen: Wo ist die kleine Schraube, an der ich drehen kann, und wo ist vielleicht auch die Idee, die ich weitertragen kann, damit der gro\u00dfe Hebel umgelegt werden kann.<\/p>\n<p>epd: Hat Ihnen irgendetwas auf dieser Reise Hoffnung gegeben, dass das gelingt?<\/p>\n<p><em>Heinrich:<\/em> Ja, die vielen Menschen, die ich getroffen habe, die sich auf unterschiedliche Weise f\u00fcr die Verbesserung der Lage der Gefl\u00fcchteten engagieren. Sie k\u00f6nnen die Probleme zwar nicht l\u00f6sen. Aber sie helfen wirksam. Und sie zeigen damit, wie sehr es sich lohnt, damit anzufangen.<br \/>\u00a0<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>epd: Anna-Nicole Heinrich, Sie haben die vergangenen Tage an der EU-Au\u00dfengrenze verbracht und unter anderem ein Lager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete auf<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7061,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7060"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7060"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7062,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7060\/revisions\/7062"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7061"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}