{"id":7603,"date":"2024-12-20T04:33:33","date_gmt":"2024-12-20T04:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/12\/20\/es-ist-als-ob-die-seele-in-der-einsamkeit-organe-ausbildet-ekd\/"},"modified":"2024-12-20T04:33:34","modified_gmt":"2024-12-20T04:33:34","slug":"es-ist-als-ob-die-seele-in-der-einsamkeit-organe-ausbildet-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2024\/12\/20\/es-ist-als-ob-die-seele-in-der-einsamkeit-organe-ausbildet-ekd\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet\u201c \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p>Bonhoeffer ist ein pers\u00f6nlicher Gefangener des NS-Diktators Adolf Hitler. Der Theologe, damals 38 Jahre alt, ist Teil eines Widerstandsnetzwerks, das f\u00fcr mehrere gescheiterte Attentatsversuche auf Hitler verantwortlich ist. Am 19. Dezember, kurz vor Weihnachten, darf Bonhoeffer mit Genehmigung der Gef\u00e4ngnis-Zensur einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreiben: Ein Blatt Papier &#8211; Vorder- und R\u00fcckseite sind eng beschrieben. Auf der R\u00fcckseite findet sich das siebenstrophige Gedicht, das mit den Worten \u201eVon guten M\u00e4chten treu und still umgeben\u201c beginnt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde es dutzendfach vertont &#8211; bis heute ist es eines der beliebtesten Kirchenlieder, wie eine Umfrage im Jahr 2021 zeigte. Die Verse finden sich auch oft in Traueranzeigen. Es ist Bonhoeffers Schicksal und sein vor 80 Jahren entstandenes Gedicht, das ihn \u00fcber die Sph\u00e4ren der Theologie hinaus ber\u00fchmt gemacht hat.<\/p>\n<p>1906 in Breslau geboren, entwickelt sich Bonhoeffer mit Anfang 20 zum theologischen \u00dcberflieger. Er kritisiert das nationalsozialistische Regime von Anfang an f\u00fcr dessen Rassenpolitik, wird Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Hitler-treuen Deutschen Christen wendet. Die Chance zur Emigration und damit die Rettung seines Lebens bestand 1939: Schon in den USA angekommen, entscheidet er sich schlie\u00dflich gegen die Pfarrstelle in New York und reist zur\u00fcck nach Deutschland.<\/p>\n<p>Dank pers\u00f6nlicher Beziehungen arbeitet Bonhoeffer w\u00e4hrend des Kriegs bis zu seiner Verhaftung f\u00fcr den milit\u00e4rischen Auslandsgeheimdienst im Oberkommando der Wehrmacht. Das sch\u00fctzt ihn vor dem Milit\u00e4rdienst an der Front. Durch seine Arbeit kommt er mit dem milit\u00e4rischen Widerstand gegen Hitler in Kontakt und schlie\u00dft sich den konspirativen Kreisen an. Erst wenige Wochen vor seiner Verhaftung 1943 hatte Bonhoeffer sich mit der 18 Jahre j\u00fcngeren Maria von Wedemeyer verlobt. Kurz vor Kriegsende, die Alliierten sind bereits im Anmarsch, wird er am 9. April 1945 auf Hitlers Befehl im Konzentrationslager Flossenb\u00fcrg ermordet.<\/p>\n<p>Der Weihnachtsbrief an seine Verlobte ist eines seiner letzten Zeugnisse aus der Haft. In dem Brief offenbart der prominente H\u00e4ftling, wie intensiv er geistig Anteil nimmt am Familienleben gerade zur Weihnachtszeit: \u201eEs werden sehr stille Tage in unseren H\u00e4usern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gesp\u00fcrt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein u. verlassen gef\u00fchlt\u201c, schreibt Bonhoeffer und weiter: \u201eEs ist ein gro\u00dfes unsichtbares Reich, in dem man lebt u(nd) an dessen Realit\u00e4t man keinen Zweifel hat.\u201c Seiner Verlobten versichert er: \u201eDu darfst also nicht denken, ich sei ungl\u00fccklich.\u201c<\/p>\n<p>Die guten, unsichtbaren M\u00e4chte, die sp\u00fcrt Bonhoeffer jeden Tag, wie er schreibt. Diese M\u00e4chte verbindet er mit den vielen Menschen, die ihn in seinen Gedanken begleiten. So beschreibt es auch der Theologe und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, der eine enge Beziehung zu Bonhoeffers theologischem Werk hat: \u201eDas beschr\u00e4nkt er nicht nur auf die gute Macht Gottes, die ihm nahe ist, sondern auch der Menschen, die ihm lieb und wichtig sind &#8211; insbesondere nat\u00fcrlich seine Verlobte, aber auch seine Eltern und seine Geschwister.\u201c<\/p>\n<p>Gedicht und Brief h\u00e4tten etwas sehr Pers\u00f6nliches, sowohl im Anklang auf seine eigene Situation, als auch im Blick auf die Adressatin, sagt Huber. \u201eNach der urspr\u00fcnglichen Vorstellung war es \u00fcberhaupt nicht das, was daraus geworden ist, n\u00e4mlich ein Lied in unserem Gesangbuch.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Vertonungen sind vor allem als evangelische Kirchenlieder bekannt: Die Vertonung von Otto Abel aus dem Jahr 1959 steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 65. Beliebter ist die von Siegfried Fietz aus dem Jahr 1970, die sich in mehreren regionalen Teilen des Evangelischen Gesangbuchs findet. Laut der Frankfurter Kirchenmusikerin und Chorleiterin Elisabeth Schwarz-Gangel empfinden viele Menschen die Fietz-Melodie als ber\u00fchrender. \u201eDer Satz von Otto Abel gleicht mehr einem klassischen Choral, w\u00e4hrend Fietz&#8216; Vertonung poppiger klingt.\u201c Sie sei heute zu Recht die bekanntere Version.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wolfgang Huber ist das Gro\u00dfartige an Bonhoeffers Text, dass man ihn biografisch verstehen und nachvollziehen kann, \u201eaber zuz\u00fcglich alle Freiheit hat, ihn davon zu l\u00f6sen und auf die eigene Lebenssituation und Lebensgeschichte zu beziehen\u201c. Huber: \u201eDiese Zeilen wirken in sich selbst. Und viele Menschen werden den Hintergrund gar nicht kennen und trotzdem von ihnen ergriffen sein.\u201c<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bonhoeffer ist ein pers\u00f6nlicher Gefangener des NS-Diktators Adolf Hitler. 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