{"id":7909,"date":"2025-03-11T14:25:06","date_gmt":"2025-03-11T14:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2025\/03\/11\/laudatio-fuer-saba-nur-cheema-und-meron-mendel-zur-verleihung-der-buber-rosenzweig-medaille-ekd\/"},"modified":"2025-03-11T14:25:09","modified_gmt":"2025-03-11T14:25:09","slug":"laudatio-fuer-saba-nur-cheema-und-meron-mendel-zur-verleihung-der-buber-rosenzweig-medaille-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2025\/03\/11\/laudatio-fuer-saba-nur-cheema-und-meron-mendel-zur-verleihung-der-buber-rosenzweig-medaille-ekd\/","title":{"rendered":"Laudatio f\u00fcr Saba-Nur Cheema und Meron Mendel zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p>Es gibt Sonntage, an denen wir so tun, als w\u00e4ren wir ,richtig deutsch\u2018. Das beginnt um 9.30 Uhr beim B\u00e4cker und endet um 20.15 Uhr auf der Couch bei Tatort oder Polizeiruf.\u201c<\/p>\n<p>So der harmlose Anfang, verehrte Anwesende, lieber Erster B\u00fcrgermeister, von einer der Kolumnen unseres Preistr\u00e4ger-Ehepaars, ein Kapitel vom \u201eMuslimisch-j\u00fcdischen Abendbrot\u201c. Um dann zur H\u00f6chstform aufzulaufen, wie n\u00e4mlich Stereotypen, Alltagsrassismen und der Marginalisierung von gesellschaftlichen Minderheiten entgegenzuwirken sei. Ich stehe bewundernd davor, wie gelassen, analytisch pr\u00e4zise und humorvoll sie dies tun.<\/p>\n<p>Sehr verehrte Saba-Nur Cheema, sehr verehrter Professor Meron Mendel, Ihr heutiger Sonntag wird in jedem Fall ein anderer werden. Ohne B\u00e4ckergang am Morgen und ohne Tatort am Abend, aber daf\u00fcr mit einer Auszeichnung, die wie kaum eine andere f\u00fcr Verst\u00e4ndigung steht und f\u00fcr die Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker und Religionen. F\u00fcr Dialog, in dem nicht nur herzhaft miteinander, sondern f\u00fcreinander gestritten wird.<\/p>\n<p>Und so ist es mir eine Ehre und Freude, f\u00fcr Sie die Laudatio halten zu d\u00fcrfen. Wahrlich nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass ich dies als lutherische Bisch\u00f6fin \u2013 wenn auch als Bisch\u00f6fin in einer wunderbaren Hansestadt mit solch imposantem Rathaus \u2013 tun darf. Es geht mir pers\u00f6nlich zu Herzen, weil in dieser Ehrung die tiefe abrahamitische Verbindung dreier Religionen zum Tragen kommt. J\u00fcdisch-christliche Zusammenarbeit trifft am Sonntagmittag das muslimisch-j\u00fcdische Abendbrot.<\/p>\n<p>Es ist eine h\u00f6chst besondere Preisverleihung in diesem Jahr, liebe G\u00e4ste! In diesen aufgerauten Zeiten und polarisierenden Dynamiken, die unser Land durchsch\u00fctteln, wird dem j\u00fcdisch-muslimischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen!<\/p>\n<p>Ich gratuliere von Herzen Ihnen beiden, die Sie wie kaum ein anderes Gespr\u00e4chspaar f\u00fcr den feinsinnigen Dialog stehen: klar und klug in der Position, neugierig in der Haltung, herzlich in der Nachfrage und mutig in der Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Sie sind f\u00fcr mich \u2013 auch \u00fcbrigens als Vorsitzende des Interreligi\u00f6sen Forums Hamburg \u2013 Vorbild, wie man den Zwischenton trifft, wissend, dass der nicht immer gleich geh\u00f6rt wird; das liegt in den aufgeregten Diskussionen unserer Tage sozusagen in der Natur der Sache. Sie stehen daf\u00fcr, wie man unbeirrt Verst\u00e4ndigung sucht, auch indem man miteinander Meinungen nicht nur austauscht, sondern einander bisweilen zumutet. Interreligi\u00f6ser, also auch kulturell vielseitiger Dialog ist anspruchsvoll, gerade angesichts all der internationalen Konflikte, die zunehmend mitschwingen, ja so nah r\u00fccken, dass sie dominieren. Und die so bitter polarisieren k\u00f6nnen, dass Freundschaften zersplittern und ganze Familien sich zerstreiten.<\/p>\n<p>Deshalb brauchen wir das Aneinanderreiben, sagen Sie. Nicht die Auseinandersetzung, der R\u00fcckzug f\u00fchrt zur Spaltung. Konflikte brauchen Sprache. Den Mut, beim Namen zu nennen, was unausgesprochen schwelt und die Atmosph\u00e4re vergiftet. Dialog lohnt sich deshalb jede Minute, sagen Sie; er ist manchmal verbl\u00fcffend einfach, lehrreich, intensiv, sogar humorvoll und man wird nicht d\u00fcmmer.<\/p>\n<p>So notwendig ist der Dialog in diesem Land! Schlicht, weil er Wesentliches beitragen kann zum Frieden einer Gesellschaft. Durch Haltung, konkrete Verst\u00e4ndigungsorte und Worte. Worte, die Sie beide auf je eigene Art so eminent klug zu setzen wissen, und mit denen Sie vor allem eines bewirken: die Weltwahrnehmung zu sch\u00e4rfen. Sie beide stehen mit ihrer ganzen Bandbreite an K\u00f6nnen, Lebenserfahrung, politischer, historischer und p\u00e4dagogischer Wissenschaft, mit Ihren Talenten und Positionen f\u00fcr das aufrichtige Wort und die Differenzierung darin. Um damit Bildung, ja Herzensbildung zu erm\u00f6glichen. Denn vor allem sie vermag es, vor Hass zu sch\u00fctzen und vor Menschenverachtung, vor Antisemitismus und vor Islamfeindlichkeit.<\/p>\n<p>Mich macht es sehr dankbar, dass Sie sich mit Ihren Projekten genau daf\u00fcr einsetzen: f\u00fcr die W\u00fcrde und W\u00fcrdigung jedes einzelnen Menschen, f\u00fcr Achtung, Anstand, Augenma\u00df. F\u00fcr die Ermutigung zur Diversit\u00e4ts- und Fremdheitserfahrung. Sie beide leben das ja gewisserma\u00dfen t\u00e4glich. Mit einer gro\u00dfen Entspanntheit, wie man gestern bei Ihrem gemeinsamen Vortrag erleben konnte \u2013 und mit einer gro\u00dfen Liebe zum Unterschied. Unaufgeregt. Neugierig. Mit offenem Herzen, wissend wie sehr Stereotypen das Denken verkleben und eng machen k\u00f6nnen. Eng, wie Angst.<\/p>\n<p>Mit Ihrem ganzen Engagement dr\u00fccken Sie aus, dass wir uns an Abendbrottische setzen sollten und nicht das Vertrauen aufs Spiel. Dass wir Begegnung aktiv suchen sollten, um sie auch zu finden! Dass wir Argumente sch\u00e4tzen sollten und der L\u00fcge Hausverbot erteilen. Dass wir Nachbarn sind, und Freundinnen und Liebende werden k\u00f6nnten \u2013 oder zumindest Diskutantinnen bleiben. Und dies alles nicht in Relativierung der Unterschiede, sondern im Gegenteil, im Respekt ihnen gegen\u00fcber, weil sie einen reich machen, nicht \u00e4rmer. Und schon gar nicht \u00e4ngstlicher.<\/p>\n<p>Da sp\u00fcrt man Ihnen immer den Wunsch ab, vom anderen lernen zu wollen, auch um das Eigene klarer zu sehen und besser zu verstehen. Denn es ist die Erkenntnis, die aus Engherzigkeit befreit. Und es ist die Freiheit, die der Angst die Macht zu nehmen versteht.<\/p>\n<p>Liebe Saba-Nur Cheema, lieber Meron Mendel, Ihr Freimut und Ihr Einsatz f\u00fcr Verst\u00e4ndigung treffen den Nerv der Zeit. Werden derzeit aus Verschiedenen doch immer \u00f6fter Verfeindete. Wenn es etwa \u2013 auch in diesem Land \u2013 darum geht, dem Schmerz der Israelis nach dem abgr\u00fcndigen Gewaltakt der Hamas am 7. Oktober 2023 wenigstens ann\u00e4hernd gerecht werden zu wollen, und ebenso dem Schmerz der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung, in der im darauf folgenden Krieg Tausende durch Hunger, Unterversorgung oder Bomben umkamen. Es zerrei\u00dft einem doch das Herz, die Geiseln zu sehen, wie sie ausgemergelt, verst\u00f6rt, traumatisiert aus den Lastwagen der Hamas steigen, und es zerrei\u00dft einem das Herz, die Kinder zu sehen, die in Gaza um Hilfe schreien \u2013 in diesem durch den Terror der Hamas ausgel\u00f6sten Krieg. Beide Seiten erleben so unendlich viel Leid und m\u00fcssen unfassbare Schmerzen aushalten. Ich kann, wir alle k\u00f6nnen hier doch allenfalls erahnen, was das wirklich hei\u00dft. Gerade auch emotional. Wir k\u00f6nnen nur erahnen, wie vermutlich in dem gro\u00dfen Schmerz der einen, der Schmerz der anderen derzeit keinen Platz hat und haben\u00a0kann.<\/p>\n<p>Umso wichtiger, dass Menschen wie Sie immer wieder versuchen mitzuf\u00fchlen. Die Wut. Die Not. Die Sehnsucht nach Frieden. Einen sicheren Raum zu \u00f6ffnen f\u00fcr diesen Schmerz, der uns\u00e4glich ist. Einen Sprachraum, der die verschiedenen Wahrnehmungen zu fassen versucht. Einen Friedensraum, der Schutz bietet \u2013 auch im Streit und f\u00fcr den Streit. Um herauszukommen aus Pauschalisierungen, die sehr verletzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann das nicht immer gelingen. Aber Ihre gemeinsame Kraft an dieser Stelle nicht aufzugeben, ist so ein wichtiges Zeichen der Hoffnung! In einem Land, in ausgerechnet unserem Land, wo J\u00fcdinnen und Juden wieder Angst haben, ihren Glauben zu leben und ihre Identit\u00e4t zu zeigen. Und in diesem Land, wo auch Musliminnen und Muslime t\u00e4glich erleben, wie sich Hass und Vorurteile anf\u00fchlen. Sie beide wissen davon genug. \u2013 Lernen wir daraus!<\/p>\n<p>Allemal jetzt. In den derzeit geopolitischen, rasanten Umbr\u00fcchen, die sich direkt auf unser Land auswirken. Mit den Irrationalit\u00e4ten autokratischer Despoten, die alle Regeln menschlichen Anstands, respektvollen Miteinanders und politischer Kompromissarbeit ignorieren. Gemeinschaftliches Handeln, vernunftgeleiteter Diskurs, internationale Abkommen \u2013 all dies scheint zu entgleiten im Modus des \u201eme first\u201c. Verbunden mit einem Menschenbild, das dem unserer drei Religionen diametral entgegensteht. Der Mensch ist keine Ware. Der Mensch ist mehr als er leistet, und er ist auch mehr als seine Herkunft, sein Geschlecht und seine Religion. Als Jude, Muslima, Christin \u2026 \u2013 der Mensch hat von allem Anfang an eine dies alles \u00fcbersteigende, unverlierbare W\u00fcrde, die unantastbar, mit unseren Religionen gesprochen: heilig ist. Dies ist unverhandelbar und muss es bleiben!<\/p>\n<p>Und ja, klar, die Zeiten sind un\u00fcbersichtlich schwierig. Viele suchen nach einfachen Antworten und hoffen, sie in Hassrede und Zuspitzung zu finden. Umso wichtiger ist es, f\u00fcr diese Menschenw\u00fcrde und gegenseitige Achtung einzustehen, wie Sie, liebe Frau Cheema und lieber Herr Mendel, es konsequent tun. Das menschliche Antlitz zu erkennen, auch und gerade im anderen, sogar im Gegner oder gar im Feind.<\/p>\n<p>V\u00f6llig zu Recht wird Ihnen also heute die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen f\u00fcr Ihre kontinuierlich engagierte Arbeit, immer wieder auch gegen Einspr\u00fcche. Sie liefern grundlegende Information. Sto\u00dfen Bildungsprozesse an. Treten ein f\u00fcr eine Wahrnehmung ohne Scheuklappen. Sensibilisieren f\u00fcr verschiedene Perspektiven und Bed\u00fcrfnisse. Streiten eben mit Kultur\u00a0f\u00fcr\u00a0Achtung vor der W\u00fcrde eines jeden menschlichen Antlitzes. Sie halten aus, dass Dialog nicht immer Einigkeit hei\u00dft und Sie wissen, dass Empathie nicht automatisch Einverst\u00e4ndnis bedeutet.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Dank f\u00fcr all dies verbindet sich mit der Auszeichnung heute. Und sie verbindet sich mit Zuversicht, dass weiterwirkt, was Sie tun. Zuversicht! Denn befl\u00fcgelt, best\u00e4rkt und best\u00e4tigt durch viele Hoffnungserz\u00e4hlungen unserer heiligen Schriften und vieler anderer humaner menschenfreundlicher Traditionen m\u00f6ge Ihre Haltung, liebe Saba-Nur Cheema und lieber Meron Mendel, Schule machen: den aufrechten Gang zu gehen. Und diesen aufrechten Gang in Zeiten, in denen Leben gef\u00e4hrdet ist, immer wieder zu \u00fcben, zu bewahren und zu st\u00e4rken \u2013 das ist die Hoffnung, die diese Zeit braucht. An jedem Sonntag. Und im Alltag sowieso. Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Sonntage, an denen wir so tun, als w\u00e4ren wir ,richtig deutsch\u2018. 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