{"id":8139,"date":"2025-05-12T10:29:10","date_gmt":"2025-05-12T10:29:10","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2025\/05\/12\/die-unbeugsame-berlinerin-margot-friedlaender-ekd\/"},"modified":"2025-05-12T10:29:12","modified_gmt":"2025-05-12T10:29:12","slug":"die-unbeugsame-berlinerin-margot-friedlaender-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2025\/05\/12\/die-unbeugsame-berlinerin-margot-friedlaender-ekd\/","title":{"rendered":"Die unbeugsame Berlinerin Margot Friedl\u00e4nder \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p>Geboren wurde sie als Margot Bendheim in Berlin-Kreuzberg und wuchs in einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie auf. Ihr Vater besa\u00df ein Gesch\u00e4ft im Modeviertel am Hausvogteiplatz. Ab 1933 bekam sie als Jugendliche die politischen Ver\u00e4nderungen mit, Verwandte und Freunde emigrierten. Ihr Vater, der im Ersten Weltkrieg gek\u00e4mpft hatte, entschloss sich erst 1939, in letzter Minute, nach Belgien zu fliehen. 1942 wurde er ermordet.<\/p>\n<p>Nach ihrer Schulzeit besuchte Margot Friedl\u00e4nder eine Modezeichenschule. Als sich die Eltern 1937 scheiden lie\u00dfen, begann sie eine Schneiderlehre. Mit der Mutter und ihrem j\u00fcngeren Bruder zog sie zun\u00e4chst in eine Pension, ab 1939 lebte die Familie bei den Eltern der Mutter.<\/p>\n<p>1941 wurden sie in eine sogenannte \u201eJudenwohnung\u201c eingewiesen. Die beiden Frauen waren nicht zu Hause, als Ende Januar 1943 die Gestapo klingelte und den Bruder abholte. Daraufhin stellte sich die Mutter freiwillig der Polizei, sie wollte den Sohn nicht allein gehen lassen. Beide wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet.<\/p>\n<p>Kurz zuvor hatte die Mutter einer Nachbarin eine Handtasche mit einer Bernsteinkette und einem Notizbuch f\u00fcr die Tochter \u00fcbergeben. Ihre Botschaft: Versuche, dich zu retten. Jahrzehnte sp\u00e4ter erz\u00e4hlte Margot Friedl\u00e4nder: \u201eIch k\u00f6nnte mir vorstellen, dass meine Mutter dachte, ich sei stark genug. Ich war vielleicht sogar als junges M\u00e4dchen draufg\u00e4ngerisch. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter gehofft und gebetet hat, dass ich es schaffe.\u201c<\/p>\n<p>Sie war 21 Jahre alt, riss sich den Judenstern vom Mantel, f\u00e4rbte sich die Haare rot, lie\u00df sich sogar die Nase operieren, um weniger \u201ej\u00fcdisch\u201c auszusehen, und tauchte unter. 16 Menschen haben ihr geholfen, immer wieder neue Verstecke zu finden. \u201eSie haben immer versucht, mir ein Bett zu geben, mir ein Essen zu geben\u201c, hat sie dar\u00fcber gesagt: \u201eMan brauchte nicht mit den Menschen politisch \u00fcber B\u00fccher, Musik zu sprechen. Man hat gek\u00e4mpft, um zu \u00fcberleben, diese Menschen auch.\u201c<\/p>\n<p>15 Monate lebte sie im Untergrund mit st\u00e4ndig wechselnden Aufenthaltsorten. Die Kette und das Notizbuch behielt sie immer bei sich. Im April 1944 wurde sie bei einer Ausweiskontrolle auf dem Kurf\u00fcrstendamm aufgegriffen und dann ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort traf sie ihren sp\u00e4teren Mann, Adolf Friedl\u00e4nder, den sie bereits aus Berlin kannte. Beide \u00fcberlebten und lie\u00dfen sich 1945 noch im Lager von einem Rabbiner trauen. 1946 emigrierte das Paar in die USA.<\/p>\n<p>Mehr als zehn Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes entschied sich Margot Friedl\u00e4nder mit 88 Jahren, nach Berlin zur\u00fcckzuziehen. Seither sprach sie auf unz\u00e4hligen Veranstaltungen \u00fcber ihr Leben, redete Politikern ins Gewissen. Tausende von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zog sie mit ihren Erfahrungen im NS-Deutschland und ihrem Kampf um das \u00dcberleben in den Bann.<\/p>\n<p>Ihre Mission, so formulierte sie immer wieder, sei das Weitergeben ihrer Geschichte insbesondere an junge Menschen. \u201eIch spreche f\u00fcr die, die es nicht geschafft haben\u201c, betonte sie dabei: \u201eWas ich jetzt mache, ist f\u00fcr die Jugend. Sie soll wissen: Was war, das k\u00f6nnen wir nicht mehr \u00e4ndern, aber es darf nie wieder geschehen.\u201c<\/p>\n<p>Den zunehmenden Antisemitismus, das Erstarken des Rechtsextremismus beobachtete sie mit Sorge und Trauer. Die Angst, die viele J\u00fcdinnen und Juden heute wieder empfinden, k\u00f6nne sie verstehen, sagte sie unl\u00e4ngst in einem Interview: \u201eSo hat es damals auch angefangen. Doch weil wir ja sehr jung waren, haben wir es nicht geglaubt.\u201c Hass war ihr fremd, sie appellierte, sich f\u00fcr alle einzusetzen, denen Unrecht widerf\u00e4hrt: \u201eSeid Menschen!\u201c<\/p>\n<h3>Zum Tod von Margot Friedl\u00e4nder heute am 9. Mai 2025 teilt Bischof Christian St\u00e4blein folgende Worte des Gedenkens:<\/h3>\n<p>\u201eMit gro\u00dfem Respekt und tiefer Trauer nehme ich Abschied von Margot Friedl\u00e4nder. Sie war eine der eindr\u00fccklichsten Stimmen gegen das Vergessen \u2013 und eine f\u00fcr das Leben. In unz\u00e4hligen Begegnungen, Gespr\u00e4chen und Vortr\u00e4gen hat sie uns Anteil gegeben an ihrer Geschichte und ihrer Hoffnung. Dass sie nach allem, was ihr und ihrer Familie w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus angetan wurde, den Weg des Erinnerns, der Vers\u00f6hnung, ja sogar der Liebe gegangen ist \u2013 das bleibt ein Verm\u00e4chtnis f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Margot Friedl\u00e4nder hat Menschen zugeh\u00f6rt, sie ermutigt und herausgefordert. Sie hat mit Menschlichkeit gesprochen \u2013 eindringlich, klar, unvergleichlich. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder w\u00e4chst und demokratische Grundwerte infrage gestellt werden, war ihre Stimme ein Licht.<\/p>\n<p>Wir sind dankbar f\u00fcr das, was sie uns gegeben hat: Erinnerung, Mut, Humanit\u00e4t und Vers\u00f6hnung. \u2013 \u201eSeid Menschen\u201c, hat sie uns noch vor zwei Tagen zugerufen \u2013 das bleibt unser Auftrag.<\/p>\n<p>Ich verneige mich vor ihr. Ihr Gedenken sei zum Segen f\u00fcr alle.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geboren wurde sie als Margot Bendheim in Berlin-Kreuzberg und wuchs in einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie auf. 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