{"id":9052,"date":"2026-02-26T14:31:25","date_gmt":"2026-02-26T14:31:25","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/02\/26\/nichtstun-ist-mehr-als-faulheit-ekd\/"},"modified":"2026-02-26T14:31:26","modified_gmt":"2026-02-26T14:31:26","slug":"nichtstun-ist-mehr-als-faulheit-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/02\/26\/nichtstun-ist-mehr-als-faulheit-ekd\/","title":{"rendered":"Nichtstun ist mehr als Faulheit \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><strong>Hat diese ja durchgehende Auseinandersetzung mit dem Nichtstun irgendetwas am \u00fcberragenden Stellenwert von Arbeit hierzulande ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Robel:<\/strong> Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass Nichtstun heute legitimer ist. Was sich durchaus ge\u00e4ndert hat, ist die Antwort auf die Frage, in welcher Form Nichts zu tun als legitim erachtet wird. In den 50er und 60er Jahren ist Nichtstun als Kompensation im Verh\u00e4ltnis zur Arbeit gedacht. In den 80er Jahren entwickeln sich dann Ansichten, dass Nichtstun, gern unter dem Begriff des M\u00fc\u00dfiggangs verhandelt, eine legitime Form von Lebensstil sein kann. Also nicht nach dem Motto: der hat es sich verdient, nichts zu tun, der andere nicht \u2013 sondern als grunds\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit, sein Leben zu gestalten. Die Aufwertung von Leben im Verh\u00e4ltnis zum Arbeiten wird in den Diskursen der Zeit deutlich.<\/p>\n<p>Es gelingt aber trotzdem nicht, das Sprechen \u00fcber das Nichtstun von der Arbeit abzukoppeln. Der Arbeitsbegriff bleibt das Gegen\u00fcber, es geht immer ums Nichtstun von eigentlich Erwerbsf\u00e4higen. Ein weiterer Grundgedanke, der sich bis in die j\u00fcngste Gegenwart durchzieht: wenn schon Nichts tun, dann bitte so, dass es in irgendeiner Form produktiv ist. Es muss etwas rauskommen, eine N\u00fctzlichkeit entstehen. Das ist ja auch keine wirkliche Abl\u00f6sung vom Arbeitsbegriff.<\/p>\n<p><strong>Was machen die Menschen in den verschiedenen Jahrzehnten denn so in ihrer freien Zeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Robel:<\/strong> Bis in die fr\u00fchen 70er Jahre hat das Allensbach-Institut f\u00fcr Demoskopie Menschen regelm\u00e4\u00dfig gefragt, wie viel Zeit sie damit verbringen, aus dem Fenster zu gucken. Dann verschwindet das aus den Umfragen. In den 60er Jahren wird sehr viel \u00fcber Do-it-yourself und Heimwerken geredet. In den 80er Jahren r\u00fcckt schlie\u00dflich der K\u00f6rper in den Vordergrund, es geht um Sport, aber auch um Yoga und andere K\u00f6rperpraktiken. Man kann diese Trends nat\u00fcrlich nicht eins-zu-eins nehmen, aber die Befragungen lassen schon R\u00fcckschl\u00fcsse auf das verbreitete Freizeitverhalten zu.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen religi\u00f6se Vorstellungen bei der Bewertung von Arbeit und M\u00fc\u00dfiggang?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Robel:<\/strong> In den Diskussionen der 50er Jahre zum Thema Mu\u00dfe, die auch im Radio sehr pr\u00e4sent waren, melden sich h\u00e4ufig Experten aus der Theologie zu Wort, zum Beispiel Josef Pieper und andere. 20 Jahre sp\u00e4ter \u00fcbernehmen dann mehr und mehr P\u00e4dagog*innen dieses Feld. Das hat mit der Entwicklung der Freizeitwissenschaft zu tun, die von Anfang an eine Popul\u00e4rwissenschaft ist, die sehr aus der P\u00e4dagogik kommt. Der Einfluss aus der Theologie geht nach und nach zur\u00fcck, was ja auch zur fortschreitenden S\u00e4kularisierung der Gesellschaft passt.<\/p>\n<p><strong>Der andere Aspekt w\u00e4re wieder der Blick auf die Arbeit. Im evangelisch-reformierten Kontext hat die ja einen religi\u00f6sen Impetus. Sie geh\u00f6rt unbedingt zu einem gottgef\u00e4lligen Leben \u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Robel:<\/strong> Dass wir als Deutsche so auf Arbeit fixiert sind, liegt an der Reformation, hei\u00dft es gern. Ich bin daf\u00fcr, diese These auszudifferenzieren und zu hinterfragen. Es ist erstaunlich, dass Theolog*innen in den 50er Jahren eben nicht nur beanspruchen, \u00fcber Arbeit zu reden, sondern auch \u00fcbers Nichtstun. Man k\u00f6nnte unterstellen, sie wollten das nur im Griff halten, damit die Arbeitsgesellschaft weiter funktioniert, aber so ist es eben nicht. Es gibt ein Deutungsmuster, das auch wahnsinnig konstant ist \u00fcber die ganze Zeit: Die Idee, das Nichtstun sei eine anthropologische Grundkonstante, f\u00fcr die Theolog*innen dann sogar g\u00f6ttlich konnotiert. Wir m\u00fcssten zur\u00fcckkehren zu unserem Urzustand, der darin bestand, viel h\u00e4ufiger nichts zu tun \u2013 das wird immer wieder formuliert. Man erinnert daran, dass es fr\u00fcher viel mehr Feiertage gab &#8211; aus dem religi\u00f6sen, aber auch aus einem anderen Verst\u00e4ndnis von Zeit heraus. Und dass wir eigentlich mit der Arbeitsgesellschaft von unserem urspr\u00fcnglichen Weg als Menschen abgekommen sind. Ich glaube, hier zeigt sich eine hohe Wirkkraft von eigentlich religi\u00f6ser Deutung bis heute, auch in s\u00e4kularisierten Debatten.<\/p>\n<p>Interview: J\u00f6rg Echtler<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat diese ja durchgehende Auseinandersetzung mit dem Nichtstun irgendetwas am \u00fcberragenden Stellenwert von Arbeit hierzulande ge\u00e4ndert? 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