{"id":9152,"date":"2026-04-01T23:54:55","date_gmt":"2026-04-01T23:54:55","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/04\/01\/31-03-2026-wir-sehen-was-menschen-einander-antun-aber-gottes-macht-ist-seine-liebe\/"},"modified":"2026-04-01T23:54:55","modified_gmt":"2026-04-01T23:54:55","slug":"31-03-2026-wir-sehen-was-menschen-einander-antun-aber-gottes-macht-ist-seine-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/04\/01\/31-03-2026-wir-sehen-was-menschen-einander-antun-aber-gottes-macht-ist-seine-liebe\/","title":{"rendered":"31.03.2026 \u201eWir sehen, was Menschen einander antun. (\u2026) Aber Gottes Macht ist seine Liebe.\u201d"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div>\n<h2><span>In seiner Karfreitagspredigt spricht Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl \u00fcber die Dunkelheit der Welt und das Sterben Jesu, das Vers\u00f6hnen erm\u00f6glicht.<\/span><\/h2>\n<p>Stuttgart. In seiner diesj\u00e4hrigen Karfreitagspredigt spricht Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl am 3. April 2026 in der Stuttgarter Stiftskirche \u00fcber die anhaltende Dunkelheit in der Welt und \u00fcber die christliche Hoffnung, die Vers\u00f6hnung schafft. Seine Predigt bezieht sich dabei auf\u00a02. Kor 5,19-21.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir am Karfreitag auf den Gekreuzigten schauen, erschrecken wir. Wir sehen, was Menschen einander antun\u201c, so Gohl. Die aktuelle Gewalt in Tel Aviv, Gaza, Beirut, Teheran und im Donbass schwinge beim Nachsinnen des Kreuztodes Jesu auf Golgatha mit. Der ma\u00dflose Mensch, der Gott sein wolle, habe die Welt in die Dunkelheit gest\u00fcrzt. Aus diesem Teufelskreis von S\u00fcnde und Gottesvergessenheit gebe es f\u00fcr den Menschen kein Entrinnen. Gott mache durch das Sterben Jesu den entscheidenden Schritt und vers\u00f6hne damit die Welt mit sich selbst. Die S\u00fcnde sei eine Last, wie ein schwerer Rucksack, der die Menschen daran hindere ans Ziel zu kommen, doch diese Last nehme Christus ab.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eAm Karfreitag geht\u2019s aber nicht nur allgemein um die Lasten anderer oder um die Lasten, die auf allen irgendwie liegen. Der Karfreitag ist konkret. Deshalb hei\u00dft es f\u00fcr uns als Kirche auf das zu schauen, was uns als Kirche schwer belastet.\u201c Gohl geht weiter auf die Verantwortung der Kirche im Kontext von sexualisierter Gewalt ein. Echte Vers\u00f6hnung sei ein Wunder, so Gohl, kein Automatismus. Und \u201eschon gar keine Geschichte, die der T\u00e4ter dem Opfer erz\u00e4hlt.\u201c Echte Vers\u00f6hnung k\u00f6nne niemals vom T\u00e4ter ausgehen, Vergebung nicht einfordert werden. Angesichts der schweren sexualisierten Gewalt, die Menschen im Raum der Kirche und Diakonie erfahren haben, sei klar, dass diese Last nicht einfach verschwinde. Kirche m\u00fcsse hier vor allem Zuh\u00f6ren, Leid anerkennen, das Versagen als Institution bekennen und auf die Strukturen schauen, die diese erm\u00f6glicht haben: \u201eDas Tun. Das Verschweigen. Das Wegsehen und das nicht wahrnehmen wollen.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Gohl betont die Notwendigkeit eines neuen Anfangs und die Bedeutung der Vers\u00f6hnung f\u00fcr die Welt heute. \u201eWir sehen den Abgrund unserer Angst und Einsamkeit aber: Gottes Macht ist seine Liebe.\u201c<\/p>\n<p><strong>Im Folgenden finden Sie die Predigt von Landebischof Ernst-Wilhelm Gohl im Volltext. Es gilt das gesprochene Wort.<\/strong><\/p>\n<p><i>Liebe Gemeinde!<\/i><\/p>\n<p><i>Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht h\u00e4ngen lassen! Nie!\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Beinahe jeden Abend telefonierten die zwei alten Freunde miteinander. Auch am Abend des 9. Dezember 1968. Seit einem halben Jahrhundert kannten sie sich. Viel hatten sie miteinander erlebt. Die t\u00e4glichen Telefongespr\u00e4che waren fester Bestandteil ihrer Freundschaft. Beide waren zun\u00e4chst Pfarrer. Sp\u00e4ter lehrten sie als Professoren evangelische Theologie an der Universit\u00e4t Basel. Wenn sie miteinander sprachen, wechselte das Gespr\u00e4ch zwischen pers\u00f6nlichen Themen und der gro\u00dfen Politik. Der eine, Eduard Thurneysen, war schon immer ein guter Zuh\u00f6rer gewesen. Der andere, Karl Barth, brachte das Gespr\u00e4ch immer wieder auf die gro\u00dfe Politik. An diesem Abend sagte Barth zu seinem Freund am Telefon: \u201eJa, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht h\u00e4ngen lassen! Nie!\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Ja, die Welt ist dunkel. Nicht nur Karl Barth wusste das. Die Welt ist dunkel.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Sie war es auch im Dezember 1968. Das Jahr war von politischer Gewalt gepr\u00e4gt gewesen. Der Prager Fr\u00fchling war blutig niedergeschlagen worden. Martin Luther King ermordet und in Vietnam starben Zehntausende an Bomben und Napalm. Alles das besorgte die beiden Freunde.<\/i><\/p>\n<p><i>Ja, die Welt ist dunkel. Rauchs\u00e4ulen von brennenden \u00d6llagern. Zerst\u00f6rte Wohnh\u00e4user. Drohnenschw\u00e4rme. Krieg in Europa. Krieg im Nahen Osten. Krieg im Iran. Die mediale Berichterstattung l\u00e4sst uns oft den Blick der Milit\u00e4rf\u00fchrer einnehmen. Kollateralsch\u00e4den wird das genannt: Zerst\u00f6rte Schulen. Zerst\u00f6rte Wohnblocks und Krankenh\u00e4user. \u00dcberall Tote und Verletzte. Und wie immer tragen auf allen Seiten die Unbeteiligten die Hauptlast. M\u00e4nner, Frauen und Kinder, die nur eines wollen: In Frieden leben. \u201eJa, die Welt ist dunkel. Aber nur die Ohren nicht h\u00e4ngen lassen. Nie.\u201c<\/i><\/p>\n<p><i>Der Karfreitag stellt das Sterben Jesu, seinen Tod am Kreuz, in den Mittelpunkt.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Wenn wir heute \u00fcber diesen Tod auf Golgatha nachsinnen, schwingt das Sterben in Tel Aviv, in Gaza und Beirut, in Teheran und im Donbass mit.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Aus der Perspektive der Augenzeugen \u00fcberliefern die Evangelien die Grausamkeit des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz. Der Predigttext f\u00fcr heute ist kein Augenzeugenbericht. Er deutet vielmehr das Geschehen am Karfreitag und schenkt Hoffnung, die \u00fcber den Tod hinausreicht. In seinem 2. Brief an die Gemeinde zu Korinth schreibt der Apostel Paulus im 5. Kapitel:\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit w\u00fcrden, die vor Gott gilt.<\/i><\/p>\n<p><i>Nicht Gott braucht die Vers\u00f6hnung. Die Welt braucht sie.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Die Welt ist dunkel. Nicht dass Gott sie dunkel geschaffen h\u00e4tte. Die S\u00fcnden der Menschen haben sie verdunkelt. \u201eIhr werdet sein wie Gott\u201c, fl\u00fcstert die Schlange Eva im Paradies ein. Der ma\u00dflose Mensch, der Mensch, der Gott sein will, hat die Welt in die Dunkelheit gest\u00fcrzt. Aus diesem Teufelskreis von S\u00fcnde und Gottesvergessenheit gibt es f\u00fcr den Menschen kein Entrinnen. Deshalb macht Gott den entscheidenden Schritt. Durch Jesu Sterben vers\u00f6hnt Gott die Welt mit sich selbst und mit Gott.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eGott hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht\u201c. Paulus deutet den Tod Jesu am Kreuz in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Jesu Sterben folgt dem Plan Gottes: \u201eF\u00fcrwahr er trug unsere S\u00fcnden\u201c, so haben in Lesung aus Jesaja 53 \u00fcber den leidenden Gottesknecht geh\u00f6rt.<\/i><\/p>\n<p><i>Die S\u00fcnde ist eine Last, wie ein schwerer Rucksack, der uns hindert ans Ziel zu kommen. Diese Last nimmt Christus uns ab. Das Bild von der Last verstehen noch Viele. Anders die Aussage, dass Gottes Sohn am Kreuz stirbt, weil es sein Vater so will. Was bedeutet es, Gott habe Jesus unser aller S\u00fcnde aufgeladen?<\/i><\/p>\n<p><i>Manchmal begegnen uns im Alltag Bilder, die uns einen Sachverhalt neu erschlie\u00dfen. Bilder, die nicht schon immer religi\u00f6s gedeutet wurden, aber offen sind f\u00fcr religi\u00f6se Erfahrungen. Ein solches Bild begegnete mir in dem Roman \u201eSchwebende Lasten\u201d von Annett Gr\u00f6schner. Das Buch hat vor wenigen Wochen den Evangelischen Buchpreis erhalten.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Hanna Krause, die Hauptfigur, geh\u00f6rt zu vielen Menschen, die den Lauf der Geschichte nicht mitbestimmen, sondern von ihr mitgerissen werden, manchmal zu ihrem Gl\u00fcck, meistens aber zu ihrem Ungl\u00fcck. Hanna Krause hat schon viel Schweres erlebt. Besonders der Verlust ihres Sohnes, der bei einem Bombenangriff 1944 auf Magdeburg ums Leben kam, ist eine schwere Last f\u00fcr sie. In den 1960er Jahren arbeitet sie in einem Stahlkombinat. Sie wird Kranf\u00fchrerin.\u00a0 \u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Was sie bewegt, sind schwebende Lasten. Sie schafft st\u00f6rende Teile heraus, versetzt sie in der Halle. W\u00e4hrend ihr Kran die schweren Stahltr\u00e4ger anhebt und versetzt, schaut sie zufrieden auf die schwebenden Lasten.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Drunten in der Halle erfahren die Arbeiter die Schwere der Stahlteile. Weit oben, in der Krankabine wirkt es, als w\u00fcrde die Lasten schweben. Hanna Krause lebt ihr Leben nicht aus der Vogelperspektive, sondern ganz unten. Die Ungl\u00fccke und Todesf\u00e4lle ihres Lebens werden nicht mit Sinn gef\u00fcllt. Vieles bleibt eine lebenslange Last. Und doch erlebt sie genau in diesem Leben schwebende Lasten. Hanna Krauses schwebende Lasten sorgen f\u00fcr Ordnung in ihrem chaotischen, belasteten Leben.<\/i><\/p>\n<p><i>Solche Erfahrungen von schwebenden Lasten sind wertvoll. Denn das Dunkel dieser Welt ist bis heute mit den H\u00e4nden zu greifen. Es ist da, auch wenn wir den Gekreuzigten vor uns sehen, der die Last dieser Welt tr\u00e4gt.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Paulus spricht von der Vers\u00f6hnung. Auch sie ist eine schwebende Last.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Wer Vers\u00f6hnung will, der muss nicht nur alle seine Kr\u00e4fte zusammennehmen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Er muss auch der Versuchung widerstehen, die Schuld sei dann weg, wie ein St\u00fcck Stahl, das der Kran forttr\u00e4gt.\u00a0 \u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Echte Vers\u00f6hnung ist auch kein Automatismus. Und schon gar keine Geschichte, die der T\u00e4ter dem Opfer erz\u00e4hlt. Echte Vers\u00f6hnung kann niemals vom T\u00e4ter ausgehen. Echte Vers\u00f6hnung ist ein Wunder \u2013 die schwebenden Lasten bleiben.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Heute am Karfreitag geht\u2019s aber nicht nur allgemein um die Lasten anderer oder um die Lasten, die auf allen irgendwie liegen. Der Karfreitag ist konkret. Deshalb hei\u00dft es f\u00fcr uns als Kirche auf das zu schauen, was uns als Kirche schwer belastet.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>In den Gespr\u00e4chen mit Menschen, die im Raum der Kirche und der Diakonie schwere Gewalt erfahren haben, missbraucht wurden, um Vertrauen ins Leben gebracht wurden \u2013 wird mir bewusst: Das geht nicht einfach weg. Das braucht mehr. Und vor allem: Ich will und kann nicht Vergebung einfordern. Es ist nicht irgendwann einmal gut. Gut kann es nur werden, wenn Gott alle Tr\u00e4nen trocknet. Aber im Vorl\u00e4ufigen k\u00f6nnen wir trotzdem einiges tun: Zuh\u00f6ren. Leid anerkennen. Unser Versagen als Institution bekennen und auf die Strukturen schauen, die all das erm\u00f6glicht haben: Das Tun. Das Verschweigen. Das Wegsehen und das nicht wahrnehmen wollen.<\/i><\/p>\n<p><i>Wir brauchen den neuen Anfang und daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns dem Dunkel stellen. Wir brauchen Vers\u00f6hnung. Nicht Gott. Die Welt braucht Vers\u00f6hnung. Heute.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Am Karfreitag. Gott hat die unvers\u00f6hnliche Welt vers\u00f6hnt. Gott hat den Riss geheilt.<\/i><\/p>\n<p><i>Wenn wir am Karfreitag auf den Gekreuzigten schauen, erschrecken wir. Wir sehen, was Menschen einander antun. Wir sehen den Abgrund unserer Angst und Einsamkeit aber: Gottes Macht ist seine Liebe. So \u2013 und nur so \u2013 passen oben und unten.<\/i><\/p>\n<p><i>Zur\u00fcck zum Telefongespr\u00e4ch zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen. Es war das letzte Mal, dass die beiden miteinander telefonierten. In dieser Nacht starb Karl Barth. Sein Freund schrieb daraufhin auf, was dieser gesagt hatte.<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eJa, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht h\u00e4ngen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum f\u00fcrchte ich mich nicht.\u201d<\/i><br \/><i>Amen.<\/i><\/p>\n<p>Dan Peter<br \/>Sprecher der Landeskirche<\/p>\n<p><strong>HINWEIS:<\/strong> Bilder von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl finden Sie im\u00a0Pressebereich unserer Website.<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Karfreitagspredigt spricht Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl \u00fcber die Dunkelheit der Welt und das Sterben Jesu, das Vers\u00f6hnen erm\u00f6glicht. 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