{"id":9603,"date":"2026-09-10T14:18:36","date_gmt":"2026-09-10T14:18:36","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/09\/10\/frieden-entsteht-nicht-von-selbst-bischof-kopania-ueber-dialog-erinnerung-und-verantwortung-ekd\/"},"modified":"2026-09-10T14:18:38","modified_gmt":"2026-09-10T14:18:38","slug":"frieden-entsteht-nicht-von-selbst-bischof-kopania-ueber-dialog-erinnerung-und-verantwortung-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/09\/10\/frieden-entsteht-nicht-von-selbst-bischof-kopania-ueber-dialog-erinnerung-und-verantwortung-ekd\/","title":{"rendered":"\u201eFrieden entsteht nicht von selbst\u201c \u2013 Bischof Kopania \u00fcber Dialog, Erinnerung und Verantwortung \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div>\n<p><em>W\u00e4hrend einer Reise nach Bosnien und Herzegowina hat der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Frank Kopania, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften getroffen. Besonders pr\u00e4gend war f\u00fcr ihn der Besuch in Srebrenica. Im Gespr\u00e4ch spricht der EKD-Auslandsbischof \u00fcber die Bedeutung des interreligi\u00f6sen Dialogs, den Umgang mit Islamfeindlichkeit und die Verantwortung von Religionsgemeinschaften f\u00fcr Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich geht es um Erinnerungskultur, die Folgen von Nationalismus und Gewalt sowie um die Frage, welche Bedeutung Spiritualit\u00e4t in einer zunehmend s\u00e4kularen und von technologischem Wandel gepr\u00e4gten Welt haben kann.<\/em><\/p>\n<h3>Exzellenz Bischof Kopania, gemeinsam mit der EKD-Delegation hatten Sie ein sehr umfangreiches Besuchs- und Begegnungsprogramm in Bosnien und Herzegowina, darunter auch ein Treffen mit Gro\u00dfmufti Kavazovi\u0107. Wir w\u00fcrden gerne Ihre Eindr\u00fccke von unserem Land h\u00f6ren und erfahren, welches Potenzial Sie f\u00fcr eine Zusammenarbeit auf interreligi\u00f6ser Ebene sehen?<\/h3>\n<p>Ich war von den Begegnungen in Bosnien und Herzegowina tief bewegt. Sarajevo steht f\u00fcr eine europ\u00e4ische Tradition religi\u00f6ser Vielfalt, erinnert uns zugleich aber auch an die Zerbrechlichkeit des Friedens. Besonders emotional und pr\u00e4gend war mein Besuch in Srebrenica. Die Erinnerung an den Genozid mahnt uns nicht nur daran, dass Frieden, Menschenw\u00fcrde und Vers\u00f6hnung niemals selbstverst\u00e4ndlich sind. Sie erinnert uns auch daran, wie gef\u00e4hrlich Schweigen, Gleichg\u00fcltigkeit und Wegsehen werden k\u00f6nnen, wenn Menschen ausgegrenzt, entmenschlicht oder verfolgt werden. Sie zeigt uns, wie fragil demokratische Werte und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind \u2013 und wie wichtig es ist, Hass, Nationalismus und extremistischen Ideologien fr\u00fchzeitig entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Das Treffen mit Gro\u00dfmufti Kavazovi\u0107 war gepr\u00e4gt von gegenseitigem Respekt und der gemeinsamen \u00dcberzeugung, dass Religionen Verantwortung f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt tragen.<\/p>\n<p>Ich sehe gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr die Zusammenarbeit zwischen christlichen Kirchen und muslimischen Gemeinschaften: im Kampf gegen Hass und Polarisierung, in der Friedensarbeit, Bildungsarbeit, Jugendbegegnungen und im gemeinsamen Einsatz f\u00fcr die W\u00fcrde jedes Menschen. Interreligi\u00f6ser Dialog darf nicht bei Gespr\u00e4chen stehenbleiben \u2013 er muss zu gemeinsamem Handeln f\u00fchren.<\/p>\n<h3>Der Kontext von Muslimen sowohl in Bosnien und Herzegowina als auch in Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein europ\u00e4ischer, obwohl der Balkan in politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Diskursen h\u00e4ufig vom europ\u00e4ischen Raum ausgeschlossen wird. Dennoch ist es wichtig, \u00fcber die Besonderheiten jedes Kontextes zu sprechen. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten beobachten Sie beim Vergleich der Lebensumst\u00e4nde von Muslimen in Bosnien und Herzegowina und in Deutschland?<\/h3>\n<p>Es gibt wichtige Gemeinsamkeiten. Muslime in Deutschland und in Bosnien und Herzegowina sind Teil Europas. Sie pr\u00e4gen Europa mit und tragen Verantwortung f\u00fcr seine Zukunft.<\/p>\n<p>Gleichzeitig unterscheiden sich die Kontexte deutlich. In Bosnien und Herzegowina ist der Islam seit Jahrhunderten Teil der historischen und kulturellen Identit\u00e4t des Landes. In Deutschland ist der Islam st\u00e4rker mit Migrationserfahrungen verbunden.<\/p>\n<p>Beide Gesellschaften stehen vor \u00e4hnlichen Herausforderungen: Wie k\u00f6nnen wir in Vielfalt zusammenleben? Wie sch\u00fctzen wir Religionsfreiheit? Wie verhindern wir Ausgrenzung und Polarisierung?<\/p>\n<p>Meine Erfahrung ist: Dort, wo Menschen einander pers\u00f6nlich begegnen, beginnt Vorurteilen die Grundlage entzogen zu werden.<\/p>\n<h3>Zu den weltweit zunehmenden Formen des Rassismus geh\u00f6rt auch die Islamfeindlichkeit. Relevante Berichte zeigen, dass sie in den letzten Jahren zunehmend institutionalisierte Formen angenommen hat. Was k\u00f6nnen europ\u00e4ische Staaten tun, um solche Ph\u00e4nomene zu beseitigen oder zumindest zu verringern?<\/h3>\n<p>Islamfeindlichkeit ist ein Angriff auf die Menschenw\u00fcrde und auf demokratische Gesellschaften insgesamt.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Staaten m\u00fcssen Diskriminierung und Hasskriminalit\u00e4t konsequent bek\u00e4mpfen. Dazu geh\u00f6ren Bildung, Pr\u00e4ventionsarbeit, klare gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die F\u00f6rderung von R\u00e4umen f\u00fcr Begegnung und Dialog.<\/p>\n<p>Ebenso wichtig ist die Sprache der Politik. \u00d6ffentliche Verantwortungstr\u00e4ger d\u00fcrfen gesellschaftliche Gruppen niemals gegeneinander ausspielen.<\/p>\n<p>Auch Religionsgemeinschaften selbst tragen Verantwortung: Wir m\u00fcssen zusammenstehen, wann immer Menschen aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt oder herabgew\u00fcrdigt werden.<\/p>\n<h3>Angesichts des Auftrags und der Arbeit der EKD sowie Ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen: Welche Zukunft sehen Sie f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Dialog? K\u00f6nnen Religionsgemeinschaften durch interreligi\u00f6sen Dialog eine st\u00e4rkere Rolle bei der Gestaltung \u00f6ffentlicher Politik spielen?<\/h3>\n<p>Ich sehe eine starke Zukunft f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Dialog \u2013 gerade weil unsere Welt konfliktreicher geworden ist.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Gemeinschaften verf\u00fcgen \u00fcber Vertrauen, moralische Orientierung und internationale Netzwerke. Sie k\u00f6nnen Br\u00fccken bauen, wo politische Kommunikation manchmal scheitert.<\/p>\n<p>Interreligi\u00f6ser Dialog darf nicht symbolisch bleiben. Er kann konstruktiv zu \u00f6ffentlichen Debatten \u00fcber Frieden, Migration, soziale Gerechtigkeit, Klimaverantwortung und Menschenrechte beitragen.<\/p>\n<p>Kirchen und Religionsgemeinschaften ersetzen nicht die Politik. Aber sie k\u00f6nnen dazu beitragen, Gewissen zu bilden und ethische Orientierung zu geben.<\/p>\n<h3>Wir leben in einer Zeit, in der das Recht des St\u00e4rkeren gilt, Gewalt die Gerechtigkeit \u00fcberlagert, universelle Konventionen und globale Vereinbarungen missachtet oder geleugnet werden, w\u00e4hrend sich rechtsgerichtete Ideologien weltweit ausbreiten. Welche Konsequenzen hat dies, und haben wir wirklich etwas aus der Vergangenheit gelernt?<\/h3>\n<p>Wir erleben derzeit eine gef\u00e4hrliche globale Entwicklung: Internationale Normen werden zunehmend infrage gestellt, Machtpolitik gewinnt an Einfluss, und Nationalismus sowie Polarisierung breiten sich aus.<\/p>\n<p>Gerade deshalb war mein Besuch in Srebrenica so wichtig. Orte des Erinnerns zeigen uns, wohin Entmenschlichung, Hass und Gleichg\u00fcltigkeit letztlich f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir aus der Geschichte gelernt haben. Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, diese Lehren heute anzuwenden.<\/p>\n<p>Frieden entsteht nicht von selbst. Er braucht Erinnerung, Verantwortung und den Mut, f\u00fcr Gerechtigkeit und Menschenw\u00fcrde einzutreten \u2013 auch dann, wenn es unbequem ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig erleben wir, dass es insbesondere f\u00fcr junge Menschen in Deutschland zunehmend schwieriger wird, einen pers\u00f6nlichen Bezug zur Erinnerungskultur zu entwickeln. Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verschwindet allm\u00e4hlich. Viele junge Menschen haben kaum noch die M\u00f6glichkeit, Menschen zu begegnen, die Krieg, Verfolgung oder Genozid pers\u00f6nlich erlebt haben. Dadurch geht eine Form unmittelbarer menschlicher Erinnerung verloren \u2013 eine Erinnerung, die oft st\u00e4rker wirkt als jedes Lehrbuch.<\/p>\n<p>Gerade deshalb tragen Schulen, Religionsgemeinschaften, Medien und die Zivilgesellschaft eine gemeinsame Verantwortung: Erinnerung muss lebendig gehalten und auf neue Weise vermittelt werden. Besuche von Gedenkst\u00e4tten, digitale Archive, dokumentierte Lebensgeschichten, internationale Jugendaustausche und interreligi\u00f6se Bildungsarbeit k\u00f6nnen dazu beitragen, dass Geschichte nicht fern oder abstrakt wird.<\/p>\n<h3>Im Hinblick auf Spiritualit\u00e4t in der modernen Zeit: Hat der heutige Mensch durch den au\u00dferordentlich schnellen Fortschritt der Zivilisation ein Gef\u00fchl von Selbstgen\u00fcgsamkeit und v\u00f6lliger Unabh\u00e4ngigkeit von Gott entwickelt und dadurch den Kontakt zu sich selbst, zur Erde und zum Himmel verloren? Wie kann Spiritualit\u00e4t wieder in die Welt zur\u00fcckkehren?<\/h3>\n<p>Technologischer Fortschritt ist eine gro\u00dfe Errungenschaft. Aber er beantwortet nicht die tieferen Fragen des Menschen nach Sinn, Hoffnung und Orientierung.<\/p>\n<p>Viele Menschen erleben heute Beschleunigung, Unsicherheit und Isolation. F\u00fcr mich ist Spiritualit\u00e4t daher keine Flucht aus der Welt, sondern eine Wiederentdeckung dessen, was das Leben tr\u00e4gt: die Beziehung zu Gott, die Beziehung zu anderen Menschen und die Verantwortung f\u00fcr die Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Spiritualit\u00e4t w\u00e4chst dort, wo Menschen Raum f\u00fcr Stille zulassen, Gemeinschaft erfahren und sich grundlegenden Fragen \u00f6ffnen: Was tr\u00e4gt mein Leben? Was gibt meinem Leben Orientierung?<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Gemeinschaften haben die Aufgabe, R\u00e4ume zu schaffen, in denen Menschen diese Fragen neu stellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Hasan Hasi\u0107 f\u00fcr das Islamische Magazin Preporod.<\/em><\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend einer Reise nach Bosnien und Herzegowina hat der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Frank Kopania, Vertreterinnen und<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9604,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9603"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9603"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9605,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9603\/revisions\/9605"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9604"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}