{"id":9680,"date":"2026-10-15T00:23:03","date_gmt":"2026-10-15T00:23:03","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/10\/15\/14-10-2026-warum-eine-teufelsfigur-empoerung-und-glaubensfragen-ausloest\/"},"modified":"2026-10-15T00:23:03","modified_gmt":"2026-10-15T00:23:03","slug":"14-10-2026-warum-eine-teufelsfigur-empoerung-und-glaubensfragen-ausloest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2026\/10\/15\/14-10-2026-warum-eine-teufelsfigur-empoerung-und-glaubensfragen-ausloest\/","title":{"rendered":"14.10.2026 Warum eine Teufelsfigur Emp\u00f6rung und Glaubensfragen ausl\u00f6st"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div>\n<h2 class=\"text-justify\">Zur Diskussion \u00fcber die Teufelsstatue auf dem Esslinger Rathausplatz &#8211; theologische Perspektiven auf Kunst, Glauben und die Figur des Teufels<\/h2>\n<p>Stuttgart\/Esslingen. Die neue Teufelsstatue auf dem Esslinger Rathausplatz wird kontrovers diskutiert. Theologinnen und Theologen der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg ordnen die Kritik ein und erkl\u00e4ren, warum aus Ihrer Sicht die Figur weder christliche Glaubens\u00fcberzeugungen bedroht noch Anlass zur Angst bietet.<\/p>\n<p><strong>Hinweis: Die Statements im Volltext finden Sie unten<\/strong><\/p>\n<p>Pfarrer Andreas Oelze, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg, erkl\u00e4rt, dass die Emp\u00f6rung \u00fcber die Esslinger Teufelsstatue teils aus kulturpolitischen Motiven, teils aus religi\u00f6sen \u00c4ngsten vor dem Teufel entstehe. Es sei jedoch nicht n\u00f6tig, sie spirituell zu \u00fcberh\u00f6hen oder gar Angst vor ihr zu haben.<\/p>\n<p>Kirchenr\u00e4tin Pfarrerin Dr. Evelina Volkmann, Leiterin des Referats Theologie, Gottesdienst und Gesellschaft im Evangelischen Oberkirchenrat, sieht weder den christlichen Glauben ersch\u00fcttert noch Satanismus gef\u00f6rdert. Theologisch betrachtet, spiegelten Teufelsdarstellungen \u00fcberholte mittelalterliche Glaubensvorstellungen wider, denn nach christlichem Verst\u00e4ndnis sei die Freiheit des Menschen nicht durch einen Gegenspieler Gottes bedroht, da Jesus Christus alle negativen M\u00e4chte besiegt habe.<\/p>\n<p>Kirchenrat Pfarrer Johannes Koch, landeskirchlicher Beauftragter f\u00fcr Kunst und Sakralraumberatung, betont, dass die Esslinger Teufelsfigur eine m\u00e4rchenartige Sagengestalt darstelle und nur dort religi\u00f6se \u00c4ngste ausl\u00f6sen k\u00f6nne, wo sie f\u00e4lschlicherweise mit dem biblischen Satan verwechselt werde.<\/p>\n<h3><strong>Statement von Andreas Oelze, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg, zur Frage:<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Warum l\u00f6st die Statue solch gro\u00dfe Emp\u00f6rung aus, obwohl der Teufel in Esslingen als Betrogener, also eigentlich als Lachfigur, dargestellt wird?<\/strong><\/p>\n<p>Andreas Oelze: Die Kritik an der neuen Teufelsstatue in Esslingen kommt aus verschiedenen Richtungen. Nur ein Teil ist religi\u00f6s-christlich motiviert. Daneben geht es unter anderem um \u00e4sthetische Gesichtspunkte und um die als zu hoch angesehenen Kosten sowie das Vergabeverfahren.<\/p>\n<p>Bei den im weiteren Sinne religi\u00f6s motivierten kritischen \u00c4u\u00dferungen sehe ich zwei unterschiedliche Motive: Die eine Richtung scheint die Teufelsstatue als Symbol f\u00fcr eine angebliche Entchristlichung Deutschlands zu sehen und ihre Emp\u00f6rung als Kampf f\u00fcr \u201edie Erhaltung des christlichen Abendlandes\u201c, bzw. Deutschlands als \u201echristliche Nation\u201c. Die Aufstellung der Teufelsstatue kann in dieser Perspektive als Triumph der \u201ewiderg\u00f6ttlichen\u201c Tendenzen gedeutet werden, gegen die vorzugehen sei.<\/p>\n<p>Neben dieser eher gesellschaftspolitischen Ausrichtung gibt es in manchen Fr\u00f6mmigkeitsformen aber auch eine echte Angst vor dem Teufel und b\u00f6sen M\u00e4chten. In dieser Sichtweise w\u00fcrden der Teufel und seine D\u00e4monen gro\u00df gemacht, wenn er dargestellt oder \u00fcber ihn geschrieben w\u00fcrde. Ihm w\u00fcrde dadurch Macht gegeben \u2013 \u00fcber einzelne Personen, \u00fcber Familien oder auch \u00fcber eine ganze Stadt, wie in diesem Fall.<\/p>\n<p>Gesagt werden muss aber auch, dass die Reaktionen aus dem sehr konservativen bis bibelfundamentalistischen Bereich keinesfalls einheitlich sind. Es gibt durchaus auch Stimmen, die die Statue explizit verteidigen, vor allem da der Teufel hier als Besiegter l\u00e4cherlich gemacht wird.<\/p>\n<p>Die oben genannten kritischen Sichtweisen \u00fcbersehen in ihrer Kritik insgesamt die lange christliche Tradition von Teufelsdarstellungen ebenso wie das zentrale christliche Bekenntnis, dass in Jesus Christus die b\u00f6sen M\u00e4chte gerade \u00fcberwunden sind \u2013 abgesehen davon, dass die Esslinger Sage, die im Hintergrund der Statue steht, den Teufel ja in keiner Weise verherrlicht, sondern ihn letztlich als Witzfigur darstellt.<\/p>\n<p>Man mag die Statue aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden kritisieren, sie spirituell \u00fcberh\u00f6hen oder gar Angst vor ihr haben braucht man aber sicher nicht.<\/p>\n<h3><strong>Statement von Dr. Evelina Volkmann, Leiterin des Referats Theologie, Gottesdienst und Gesellschaft, zur Frage:<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Wie sehen Sie als Theologin die k\u00fcnstlerische Darstellung des Teufels im \u00f6ffentlichen Raum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Evelina Volkmann: An der Esslinger Teufelsskulptur l\u00e4sst sich erkennen, wie Sagen und M\u00e4rchen mit der Gestalt des Teufels umgehen: Er wird letztendlich besiegt und erntet Schadenfreude und Spott. Das erkenne ich an diesem Kunstwerk, das zudem die Esslinger Stadtgeschichte provokativ veranschaulichen will.<\/p>\n<p>Theologisch gesehen verweisen Teufelsdarstellungen wie diese in Esslingen auf mittelalterliche Vorstellungen von Gott und Glauben, die wir hinter uns gelassen haben. In den letzten Jahrhunderten trennte man sich zu Recht weitgehend von solchen Gedankengeb\u00e4uden in der Theologie. Denn christliche Freiheit wird durch keinen personalen Gegenspieler Gottes gef\u00e4hrdet. Jesus Christus hat alle M\u00e4chte besiegt (R\u00f6m 8,31-39). Bei jeder Taufe sagen wir Nein zu allen M\u00e4chten des B\u00f6sen. Dabei denken wir an alles, was das gute und friedliche Zusammenleben in unserer Welt gef\u00e4hrdet. Die Sagengestalt und der biblische Teufel oder Satan sind also nicht gleichzusetzen. Daher ersch\u00fcttert uns die Skulptur des Teufels in Esslingen in unserem christlichen Glauben nicht. Sie bietet auch keinen Anlass zu Satanismus, von dem wir uns entschieden abgrenzen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re es, ob es der Kunst gelingt, ein Werk zu schaffen, das uns dazu bringt, unseren Glauben ganz auf Gott zu setzen und unsere Verantwortung f\u00fcr diese Welt zu erkennen \u2013 allen widerg\u00f6ttlich-teuflischen M\u00e4chten wie S\u00fcnde oder Gewalt zum Trotz.<\/p>\n<h3><strong>Statement von Johannes Koch, landeskirchlicher Beauftragter f\u00fcr Kunst und Sakralraumberatung, zur Frage:<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Kann eine Kunstfigur religi\u00f6se \u00c4ngste ausl\u00f6sen?<\/strong><\/p>\n<p>Johannes Koch: Wer aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden an der Teufelsfigur Ansto\u00df nimmt, identifiziert die Erz\u00e4hlfigur der volkst\u00fcmlichen Sage mit der biblischen Erz\u00e4hlfigur (!) Satan, dem kosmischen Gegenspieler zu Gott, welcher verhindert, dass Gott schon heute sich in seiner Allmacht erfahrbar machen kann. Auf der Basis eines magischen Denkens und F\u00fchlens scheinen bei manchen Menschen tiefe \u00c4ngste wach zu werden, anders kann ich mir die aggressiven Sprayereien nicht zu erkl\u00e4ren. Als k\u00f6nne diese Figur auf geheimnisvolle Weise Unheimliches bewirken. Mit sachlicher Aufkl\u00e4rung und Pressever\u00f6ffentlichungen kommt man gegen solche \u00c4ngste allerdings kaum an. Durch die f\u00fchlen sich Betroffene oft nicht ernstgenommen und falschem Spott preisgegeben. Sie m\u00fcssten sich der Seelsorge \u00f6ffnen. Interessant ist, dass Luther zwischen der volkst\u00fcmlichen, aus K\u00f6rperteilen von G\u00f6tzenopfetieren zusammengesetzten M\u00e4rchengestalt und dem unsichtbaren Gegenspieler Gottes unterscheidet. Dieser hat f\u00fcr ihn keine Gestalt und besitzt dennoch eine unheimliche Pr\u00e4senz als Geist, der sich zum F\u00fcrsten der Welt aufschwingt und mit dem Gott noch ringt bis ans Ende der Welt. Oder als Geist (\u201esaurer Geist\u201c), der Depressionen verursacht und Menschen in Selbstzweifel st\u00fcrzt, ob sie wohl angesichts ihrer Fehler und Schw\u00e4chen von Gott angenommen sind.<\/p>\n<p>Luther stellt den ganzen mittelalterlichen Teufelsglauben auf den Kopf. Er sagt: Wenn du den Teufel nach dir greifen sp\u00fcrst, der dir an deinem Leben aufzeigen will, dass du sein bist, dann sei getrost. Denn der Teufel greift nicht nach denen, die er schon hat, sondern nach denen, die er noch nicht besitzt, weil sie Gottes Kinder sind: \u201eWeil aber der Teuffell un\u00df also zusetzt, so stehts recht umb un\u00df.\u201c Luther nennt ihn aus diesem Grund \u201eDoctor Consolatorius\u201c, d.h. Doktor Tr\u00f6ster! (Quelle: H. A. Oberman: Martin Luther: Zwischen Mittelalter und Neuzeit. In: Die Reformation. Von Wittenberg nach Genf, G\u00f6ttingen 1986. Seite 223-237.)<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist die Figur von Tim Bengel eine Sagengestalt, die keine grundst\u00fcrzenden Aussagen \u00fcber das B\u00f6se in der Welt machen will, sondern den Triumph der sagenhaft schlagfertigen Marktfrau schadenfroh ins Bild setzt und dabei mit der Aura des Unheimlichen spielt, das die Teufelsfigur umgibt.<\/p>\n<p>Die vielfach gestellte Frage, ob das Kunst sei, l\u00e4sst sich nicht leicht beantworten. Man kann alles zur Kunst erkl\u00e4ren, weil in der Kunst das \u00dcberschreiten von Grenzen zum Programm geh\u00f6ren kann. Es w\u00e4re ein fruchtloser Streit, auch wenn die Figur aus meiner Sicht so ziemlich alles vermissen l\u00e4sst, was herk\u00f6mmlich f\u00fcr k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t steht.<\/p>\n<p>Wenn aber Einzelne die Teufelsplastik zum Anlass nehmen, wieder einmal \u00fcber Dichtung und Wahrheit nachzudenken, kann das nicht schaden. Ob sie daf\u00fcr geschaffen wurde, steht allerdings auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p><strong>Gerne stellen wir f\u00fcr vertiefende Nachfragen den Kontakt zu Evelina Volkmann, Andreas Oelze und Johannes Koch her.<\/strong><\/p>\n<p>Dan Peter\u00a0<br \/>Sprecher der Landeskirche\u00a0<\/p>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Diskussion \u00fcber die Teufelsstatue auf dem Esslinger Rathausplatz &#8211; theologische Perspektiven auf Kunst, Glauben und die Figur des Teufels<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9680"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9680"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9680\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9680"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9680"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9680"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}