{"id":982,"date":"2020-04-11T13:02:15","date_gmt":"2020-04-11T13:02:15","guid":{"rendered":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/04\/11\/predigt-am-karfreitag-in-st-matthaeus-muenchen-ekd\/"},"modified":"2020-04-11T13:02:19","modified_gmt":"2020-04-11T13:02:19","slug":"predigt-am-karfreitag-in-st-matthaeus-muenchen-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/2020\/04\/11\/predigt-am-karfreitag-in-st-matthaeus-muenchen-ekd\/","title":{"rendered":"Predigt am Karfreitag in St. Matth\u00e4us, M\u00fcnchen \u2013 EKD"},"content":{"rendered":"<p> <br \/>\n<\/p>\n<div id=\"\">\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Liebe Gemeinde, <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">\u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag\u2026\u201c An der Schwelle von Leben und Tod entstanden, haben diese Worte eine gro\u00dfe Kraft, die wir sp\u00fcren, sobald wir sie singen. Einander zusingen. Zu uns selbst singen. Unsere Seele saugt sie auf diese Worte. Weil wir die Gewissheit und diesen Trost brauchen, die sie ausstrahlen. Weil wir sie ersehnen. Weil wir so sehr hoffen, dass diese guten M\u00e4chte uns wirklich bergen und dass wir es sp\u00fcren k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">In diesen Tagen greift immer wieder die Dunkelheit nach uns und manchmal dringt sie bis in unser Inneres vor.. In den Stunden der <em>\u00e4u\u00dferen<\/em> Dunkelheit breitet die <em>innere<\/em> Dunkelheit sich aus. In den Nachtstunden, kurz vor dem Einschlafen; Mitten in der Nacht, wenn wir aufschrecken oder, wenn wir morgens zu fr\u00fch aufwachen, \u00a0sind sie da: Gedanken der Angst, der Sorge, der Not, die uns peinigen. Was wird <strong>noch<\/strong> alles kommen? Habe ich das Virus schon? Was ist, wenn ich es bekomme? Dass nur bei wenigen Lebensgefahr droht n\u00fctzt mir nichts, wenn <strong>ich<\/strong> einer der wenigen <strong>bin<\/strong>. Oder einer meiner Lieben. Was wird aus meinem Gesch\u00e4ft, aus meinen Mitarbeitenden? Was mir vertraut ist, Stabilit\u00e4t gibt, ist ins Wanken geraten. Man darf sich nicht mehr ber\u00fchren. Man darf nicht zusammenkommen zum Gottesdienst. Wie soll das alles gehen? Schaffe ich das? <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Im Grau der Nachtstunden kann uns die Macht und die Wucht solcher Gedanken schnell erfassen, ungebremst erfassen. Um zu verstehen, was mit uns geschieht, mit mir selbst und der so klein gewordenen Welt. Um Gottes Sprache in den Ereignissen unserer Welt zu verstehen, brauchen wir Abstand, Distanz zu unseren aufgew\u00fchlten Herzen, zu allem, was mit Macht nach uns greift. Im H\u00f6ren auf die Passionsgeschichte Jesu finden wir Abstand zu uns selbst, um uns auf einer tieferen Ebene wieder zu finden. \u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Denn am Karfreitag erinnern wir uns daran, dass Jesus durch dieses Dunkel gegangen ist. Es war Nacht, als seine Zweifel gekommen sind, als er die Angst gesp\u00fcrt hat. \u201eMein Vater, ist&#8217;s m\u00f6glich, so gehe dieser Kelch an mir vor\u00fcber\u201c \u2013so betet er nachts im Garten Gethsemane. Eine besondere Form des Innehaltens. Er spricht aus, was ist, was er f\u00fchlt und bef\u00fcrchtet, Ausweichen hilft nicht. Er ringt mit Gott \u00a0bis zum Schluss am Kreuz. \u00a0Es gibt nicht viele Zeugnisse von Dietrich Bonhoeffer, in denen auch bei ihm diese Angst offen zum Ausdruck kommt. Ruhig und gelassen, glaubensgewiss und stark haben ihn seine Mitmenschen erlebt. Umso ber\u00fchrender sind die Worte, die er im Gef\u00e4ngnis in schwerer Zeit aufgeschrieben hat. Er geht auf Abstand zu sich selbst und fragt \u201eWer bin ich?\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Friedrich Schloffer<\/span><\/p>\n<p><em>Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich tr\u00e4te aus meiner Zelle<br \/>gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schlo\u00df.<br \/>Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spr\u00e4che mit meinen Bewachern<br \/>frei und freundlich und klar, als h\u00e4tte ich zu gebieten.<br \/>Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich tr\u00fcge die Tage des Ungl\u00fccks<br \/>gleichm\u00fctig l\u00e4chelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.<br \/>Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?<br \/>Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir wei\u00df?<br \/>Unruhig, sehns\u00fcchtig, krank, wie ein Vogel im K\u00e4fig,<br \/>ringend nach Lebensatem, als w\u00fcrgte mir einer die Kehle,<br \/>hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,<br \/>d\u00fcrstend nach guten Worten, nach menschlicher N\u00e4he,<br \/>zitternd vor Zorn \u00fcber Willk\u00fcr und kleinlichste Kr\u00e4nkung,<br \/>umgetrieben vom Warten auf gro\u00dfe Dinge,<br \/>ohnm\u00e4chtig bangend um Freunde in endloser Ferne,<br \/>m\u00fcde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,<br \/>\u00a0matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?&#8230;<br \/>Wer bin ich? Der oder jener? Wer bin ich?<br \/>Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich,<br \/>o Gott!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">\u201eDein bin ich o Gott!\u201c \u2013 Wie kommt es, dass Bonhoeffer in dieser abgr\u00fcndigen Situation, wohl wissend, wie sehr sein Leben in Gefahr ist, all seine Angst, all sein Fragen, all sein Zweifeln, mit diesen Ruf des Vertrauens in Gottes Hand legen kann?<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Ich glaube, die Antwort ist das, was wir am Karfreitag zu verstehen versuchen. Im Leiden und Sterben Jesu Christi ist diese Erfahrung des Leidens, die wir Menschen so gut kennen, die wir so schmerzlich gut kennen, ins Ged\u00e4chtnis Gottes selbst eingegangen, in die Erfahrung Gottes eingegangen, in das Sein Gottes eingegangen. Weil Jesus, Gottes Sohn, Gottes Ein und Alles, sein Leben, sein eigenes Selbst, am Kreuz geschrien hat und j\u00e4mmerlich gestorben ist, deswegen wissen wir, wie nahe Gott ist, wenn wir heute selbst schreien. Wenn wir heute aus unserer Angst nicht mehr herauskommen, wenn wir die Einsamkeit verfluchen, die aus den Kontaktbeschr\u00e4nkungen entsteht, wenn unsere wirtschaftliche Existenz zusammenbricht, wenn wir noch nicht einmal beim Sterben unserer Lieben die Hand halten d\u00fcrfen. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Wir k\u00f6nnen all das in Gottes Hand legen, weil Gott mit uns f\u00fchlt, mit uns leidet, mit uns weint. \u201eNur der leidende Gott kann helfen\u201c \u2013 hat Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Manche sprechen in diesen Tagen von einem Gott, der das Corona-Virus als Strafe geschickt hat, um uns zur Besinnung zu bringen. Sie malen uns einen Gott vor Augen, der auf den Corona-Knopf dr\u00fcckt, um seinen Plan f\u00fcr die Welt umzusetzen \u2013 und dabei \u00fcber Leichen geht. Mit einem solchen Gott, liebe Gemeinde, will ich nichts zu tun haben. Es ist nicht der Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Wir kennen menschliche K\u00e4lte \u2013 aber es gibt auch so etwas wie g\u00f6ttliche K\u00e4lte. Solche g\u00f6ttliche K\u00e4lte tritt uns vor Augen in Gottesvorstellungen, die nichts mehr ausstrahlen von der radikalen Liebe, die uns in dem begegnet, was wir von Jesus Christus wissen. Warum es heimt\u00fcckische Krankheiten gibt, warum bl\u00fchendes Leben damit einfach zerst\u00f6rt wird und Menschen weit vor der Zeit sterben, wissen wir nicht. Es zeigt sich darin, dass Gottes gute Sch\u00f6pfung noch nicht vollendet ist, dass die Sch\u00f6pfung noch im Werden ist, dass sie erst vollendet ist, wenn der neue Himmel und die neue Erde da sind, die das Buch der Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, uns vor Augen malt und auf die wir zugehen. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Auf dem Weg in die Tiefe, in dem wir Abstand nehmen zu uns selbst, fragen wir: Wer bin ich? Und wir fragen auch Wer bist du, Gott? \u00a0Finden neue Antworten und neue Fragen. \u201eChristen bitten Gott nicht nur um Gl\u00fcck und Brot. Sie gehen zu Gott in Seiner Not, finden ihn arm, geschm\u00e4ht, ohne Obdach und Brot, sehen ihn verschlungen von S\u00fcnde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.\u201c So hat Dietrich Bonhoeffer den Weg des Karfreitags beschrieben. Es ist sein pers\u00f6nlicher Weg gewesen und es ist der Weg, zu dem die Kirche berufen ist. Wo immer sie diesen Weg in die Tiefe geht, in die Not, in die Obdachlosigkeit, ist sie kraftvolle Kirche f\u00fcr andere. Und auch in leeren Kirchenr\u00e4umen ein Ort f\u00fcr den leidenden und mitleidenden Gott. F\u00fcr Gott, sagt Bonhoeffer, \u201eder zu allen Menschen geht in ihrer Not. Er s\u00e4ttigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, stirbt f\u00fcr Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden.\u201c Im Abendmahl, das wir normalerweise heute feiern w\u00fcrden, w\u00e4re dieser Trost in besonderer Weise erfahrbar. In diesem Jahr ist der Karfreitag noch karger. Wir vertrauen mit leeren H\u00e4nden auf Gottes Gegenwart. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Wir wissen nicht, liebe Gemeinde, was die n\u00e4chsten Wochen und Monate bringen werden. Ob wir das Virus unter Kontrolle bekommen. Ob ein Impfstoff dagegen gefunden wird. Ob die Welt zusammensteht, um die \u00c4rmsten vor dem Schlimmsten zu bewahren. Ob unser Land zusammensteht, um den Menschen beizustehen, die jetzt vieles zu verlieren drohen. Ob und wie wir das Leid tragen, das mit dem Sterben in der Kontaktlosigkeit verbunden ist. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Aber wir wissen, dass wir all unser Nichtk\u00f6nnen, all unsere Ohnmacht in Gottes Hand legen und darauf vertrauen d\u00fcrfen, dass Gott uns in dieser Notlage so viel Widerstandskraft geben wird wie wir brauchen. Und dass er auch aus dem B\u00f6sesten Gutes entstehen lassen kann und will. Und deswegen k\u00f6nnen wir die Worte Dietrich Bonhoeffer an diesem heutigen Karfreitag aus tiefster Seele mitsprechen und mitsingen:<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">\u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom:8pt; margin-left:0cm; margin-right:0cm; margin-top:0cm\"><span style=\"line-height:normal\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere Vernunft bewahre Eure Herze und Sinne in Christus Jesus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height:107%\">AMEN<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, \u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag\u2026\u201c An der Schwelle von Leben und Tod<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":514,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/982"}],"collection":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=982"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/982\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":983,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/982\/revisions\/983"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=982"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=982"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/krankenhauspfarramt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=982"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}