Sie sind Pastor und beschäftigen sich als landeskirchlicher Beauftragter mit Digitaler Seelsorge und Beratung, bewegen sich also vorrangig im kirchlichen/diakonischen Raum. Welche Erfahrungen machen Sie – tritt Gewalt hier in ähnlicher Art und Weise in Erscheinung wie gesamtgesellschaftlich?
Blackstein: Ja, digitale Gewalt zeigt sich auch im kirchlichen Raum. Allerdings mit eigenen Ausprägungen. Theologische Konflikte werden in Kommentarspalten oft mit sehr harter Rhetorik ausgetragen, etwa bei Themen wie Geschlechterrollen, Sexualethik oder dem Umgang mit Minderheiten. Dabei wird nicht selten mit Bibelzitaten argumentiert, um abwertende oder verletzende Aussagen moralisch zu legitimieren – zum Beispiel, wenn Gleichstellung als „gegen Gottes Ordnung“ diffamiert wird. Pfarrer*innen, Diakon*innen oder Engagierte etwa in der Geflüchtetenhilfe berichten zudem von gezielten Diffamierungen. Sie werden als „Gutmenschen“ oder „Kirchenverräter“ bezeichnet, wenn sie sich für Inklusion, eine Willkommenskultur oder Klimaschutz einsetzen. Auch in digitalen Gemeindegruppen oder Foren kommt es zu Ausgrenzung, etwa wenn Menschen wegen ihrer Lebensentwürfe, zum Beispiel als queere Christ*innen, angegriffen werden.
Besonders problematisch ist, dass Gewalt im kirchlichen Kontext oft religiös aufgeladen wird. Aussagen wie „Du handelst gegen Gottes Willen“ oder „Du bist nicht bibeltreu“ treffen viele Menschen existenziell. Kritik wird dann nicht mehr sachlich geäußert, sondern abwertend und verletzend. Gleichzeitig inszenieren sich die Angreifenden häufig als „Hüter*innen der reinen Lehre“. Das macht die Angriffe persönlicher – und für Betroffene schwerer zu verarbeiten.
Grundlage kirchlichen Handelns ist das christliche Menschenbild, nach dem alle Menschen vor Gott gleichwertig sind. Gibt dieses Verständnis uns als Kirche in besonderer Weise die Möglichkeit, Menschen, die Gewalt im Netz ausüben, in die Schranken zu weisen?
Blackstein: Ja, und ich finde das christliche Menschenbild sehr ermutigend und hoffnungsvoll. Und es kann gerade hier seine Stärken ausspielen. Wir betonen die Gottebenbildlichkeit (1. Mose 1,27). Jeder Mensch ist unantastbar würdevoll. Ganz unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Überzeugung. Darum sind wir auch zur Nächstenliebe (Markus 12,31) aufgerufen. Digitale Gewalt ist ein Angriff auf diese Liebe. Jesus selbst warnt in drastischen Worten vor Verachtung und Herabwürdigung: „Wer seinen Bruder hasst, ist ein Mörder“ (1. Johannes 3,15).
Kirche kann ein Raum der Sicherheit und der Gemeinschaft sein und Räume des Dialogs schaffen, in denen auch mit Täter*innen gesprochen wird. Aber: Versöhnung setzt Wahrheitsfindung und Schuldeinsicht voraus. Menschen können sich ändern und wir als Kirche können hier Möglichkeiten und Rituale für einen Neuanfang stiften. Und vielleicht kann Kirche auch eine prophetische Stimme sein, die digitalen Hass öffentlich anprangert und zur Umkehr aufruft.
Interview: Andrea Hesse