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Paul Gerhardt: „Seine Lieder trugen mich durch die Depression“ – EKD


Welcher Text von Paul Gerhardt ist Ihnen besonders wichtig? 

Die dritte Strophe von „Ich steh an deiner Krippen hier“ bringt Paul Gerhardt für mich auf den Punkt:

Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Diese Verse sind unfassbar persönlich, liebevoll, barmherzig und zugleich theologisch tiefgründig. Vor allem steckt darin eine große Zartheit. „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren“ – das geht zeitlich eigentlich gar nicht. Es ist logisch nicht erfassbar und doch von einer tiefen Wahrheit. Man könnte einen ganzen Gottesdienst darüber gestalten, eine Predigt halten, einen theologischen Aufsatz schreiben. Vielleicht sogar versuchen, daran die ganze Botschaft des Neuen Testaments zu entfalten. Das ist für mich hohe, zeitlose Kunst.

Was würden Sie jemandem raten, der durch eine schwierige Lebensphase geht und mit Paul Gerhardts Liedern Trost finden möchte? Was sind die ersten Schritte?

Ich habe mir damals die Gedichte gesucht, die mich angesprochen haben, in denen ich Trost gespürt habe. Darunter waren „Ich steh an deiner Krippen hier“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ich kannte zunächst nur einzelne Strophen oder Verszeilen und habe dann angefangen, sie aus dem Gesangbuch auswendig zu lernen.

Daraus ist eine eigene Dynamik entstanden. Durch das ständige Wiederholen wollte ich immer mehr lernen. Das ist natürlich ganz individuell. Jeder sollte sich die Texte suchen, die ihn persönlich ansprechen. Es müssen auch nicht unbedingt Lieder von Paul Gerhardt sein.

Wenn mich jemand nach einem konkreten Einstieg fragt, würde ich „Befiehl du deine Wege“ empfehlen. Das Lied ist sehr bekannt, viele kennen einzelne Zeilen daraus. Es hat zwölf Strophen, ist wunderschön, inhaltsstark und sehr tröstlich. Ich würde sagen: Fang mit der ersten Strophe an und lerne sie auswendig. Ich gehe davon aus, dass man die wohltuende Wirkung dann auch bald spürt und Lust auf mehr bekommt. Man kann und will da nicht stehenbleiben.

Sie können inzwischen mehr als 20 Lieder und rund 200 Strophen auswendig. Was verändert sich im Verhältnis zu einem Text, wenn man ihn so tief verinnerlicht?

Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Die Texte werden nicht weniger interessant, sondern immer tiefsinniger und vielschichtiger. Selbst nach 500 oder 1.000 Wiederholungen kann es passieren, dass mir plötzlich klar wird, wie eine bestimmte Zeile betont werden muss oder wie die Strophen inhaltlich zusammenhängen.

Ich bin an die Texte nicht in erster Linie intellektuell herangegangen. Ich habe mir sogar bewusst wenig Hintergrundwissen angeeignet. Ich wollte sie zunächst selbst entdecken.

Bei einem Lied mit 15 Strophen ist mir beispielsweise irgendwann aufgefallen, dass es in fünf Gruppen von jeweils drei Strophen aufgebaut ist. Und die achte Strophe bildet genau die Mitte, die Wendestrophe. Das ist barocke Kompositionskunst, fast schon Geometrie. Aber ich habe das nicht irgendwo nachgelesen, sondern durch die vielen Wiederholungen selbst erkannt. Das ist eine sehr persönliche und inspirierende Erfahrung.