Bamberg/Nürnberg (epd). Ein sommerlich heißer Abend. Abgekühlt hat es kaum, aber die großen Bäume am Bamberger Troppau-Platz spenden Schatten, und Kommunikationstrainerin Anja Hager verteilt kleine Wasserflaschen. Im Kreis um sie herum steht ein Grüppchen Menschen unterschiedlichen Alters: Eine ältere Dame mit Handtasche ist dabei, ein junger Mann im Muscle-Shirt. Sie wollen bei „Geh mal fragen“ teilnehmen, einem neuen Beratungsangebot, organisiert vom örtlichen Quartiersbüro der Sozialstiftung Bamberg in Kooperation mit dem städtischen Gesundheitsamt.
Die Idee dahinter: Interessierte Bürgerinnen und Bürger können gemeinsam mit Gesundheitsexperten spazieren gehen und dabei Fragen zu einem bestimmten Thema stellen. in einem ungezwungenen Rahmen und kostenlos. Heute geht es um Herzgesundheit. Das Grüppchen setzt sich in Bewegung, die Teilnehmenden haben sich aufgeteilt: Einige gehen neben dem Apotheker, andere haben sich dem Arzt angeschlossen. Die dritte Expertin, eine Personal-Trainerin, gibt einer Teilnehmerin Tipps, wie sie Fitness in ihren Alltag integrieren kann: „Kontinuität ist wichtiger als Intensität“, erläutert sie.
Was man sich im Sprechzimmer nicht zu fragen traut
„Zweimal die Woche moderate Bewegung ist besser als nur einmal im Monat komplett verausgaben“, sagt sie. An einer Straßenecke bleibt sie stehen, stützt sich seitlich an der Ampel ab und führt Gleichgewichtsübungen vor. „Das können Sie so zwischendurch machen.“ Derweil schlendert das Grüppchen um den Apotheker vorbei, vertieft in ein Gespräch über Cholesterin-Schnelltests. Klar könne man Fragen zu Gesundheit und Fitness auch zu Hause einem KI-Chatbot stellen, sagt Initiatorin Hager. Aber beim Spazierengehen tauchten auch spontane Fragen auf, die man sich etwa im Arzt-Sprechzimmer eher nicht zu fragen traut.
Ähnliche Erfahrungen hat Tia Pelz gemacht, Pfarrerin in Nürnberg. Sie bietet Seelsorge als „Walk & Talk“ an, steht auf der Internetseite ihrer Gemeinde. Darauf angesprochen, lacht sie: „Die Seelsorgegespräche finden bei uns fast ausschließlich beim Spazierengehen statt.“ Doch die Menschen meldeten sich dafür nicht formell an. Da heißt es dann eher: Du gehst doch nachher sowieso mit dem Hund spazieren, kann ich mitkommen und dir dabei etwas erzählen? Da gehe es dann ganz klar um Seelsorge, aber man müsse es ja nicht so nennen. Eine Hürde weniger also, die die Gläubigen nehmen müssen, um Rat oder Trost zu finden.
Experte: Natur tut der Psyche generell gut
Die Pfarrerin schätzt, dass auf jedes Seelsorgegespräch, das sie in ihrem Arbeitszimmer führt, mindestens zehn solche Spaziergänge kommen. „Ich glaube, dass die Bewegung beim Reden guttut, außerdem muss man sich dabei nicht ansehen, das kann auch dabei helfen, Schamgrenzen zu überwinden“, sagt sie. „Und wir befinden uns nicht in einem Raum, der mir als Pfarrerin gehört, sondern dieser Raum da draußen, der gehört uns beiden. Das schafft eine andere Augenhöhe, glaube ich.“
Für Thomas Ehring, Lehrstuhlinhaber für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, klingt das plausibel. „Wenn es um schambesetzte Themen geht“, sagt der Professor, „oder wenn Gespräche oder Situationen festgefahren sind, wenn man in Diskussionsschleifen festhängt, da kann es vielleicht helfen, mal rauszukommen, andere Assoziationen zu bekommen und flexibler und kreativer zu denken.“ Der positive Effekt von Bewegung und Naturumgebungen auf die Psyche sei im Allgemeinen gut belegt. Wichtig ist dem Wissenschaftler, der auch die Psychotherapeutische Hochschulambulanz leitet, aber: „Im Bereich der Psychotherapie gibt es bisher kaum Forschung zu den Effekten von ‚Walk & Talk‘, zum Beispiel im Vergleich zum traditionellen Gesprächssetting.“ Letztendlich könne man nur spekulieren.
Das Konzept scheint die Menschen anzusprechen. Alle Teilnehmenden der ersten „Geh mal fragen“-Runde in Bamberg wollen zum nächsten Termin wiederkommen, dabei soll es um Hitzeschutz gehen. „Wäre heute auch ein gutes Thema gewesen“, sagt eine Frau lachend und fächelt sich Luft zu. Pfarrerin Tia Pelz wird auch weiterhin Gemeindemitglieder treffen, wenn sie mit dem Hund rausgeht, dabei reden, reden lassen und zuhören. Und: Schweigen. „Gemeinsam schweigen“, sagt sie, „ist beim Spazierengehen nämlich auch viel einfacher.“