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„Frieden entsteht nicht von selbst“ – Bischof Kopania über Dialog, Erinnerung und Verantwortung – EKD


Während einer Reise nach Bosnien und Herzegowina hat der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Frank Kopania, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften getroffen. Besonders prägend war für ihn der Besuch in Srebrenica. Im Gespräch spricht der EKD-Auslandsbischof über die Bedeutung des interreligiösen Dialogs, den Umgang mit Islamfeindlichkeit und die Verantwortung von Religionsgemeinschaften für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich geht es um Erinnerungskultur, die Folgen von Nationalismus und Gewalt sowie um die Frage, welche Bedeutung Spiritualität in einer zunehmend säkularen und von technologischem Wandel geprägten Welt haben kann.

Exzellenz Bischof Kopania, gemeinsam mit der EKD-Delegation hatten Sie ein sehr umfangreiches Besuchs- und Begegnungsprogramm in Bosnien und Herzegowina, darunter auch ein Treffen mit Großmufti Kavazović. Wir würden gerne Ihre Eindrücke von unserem Land hören und erfahren, welches Potenzial Sie für eine Zusammenarbeit auf interreligiöser Ebene sehen?

Ich war von den Begegnungen in Bosnien und Herzegowina tief bewegt. Sarajevo steht für eine europäische Tradition religiöser Vielfalt, erinnert uns zugleich aber auch an die Zerbrechlichkeit des Friedens. Besonders emotional und prägend war mein Besuch in Srebrenica. Die Erinnerung an den Genozid mahnt uns nicht nur daran, dass Frieden, Menschenwürde und Versöhnung niemals selbstverständlich sind. Sie erinnert uns auch daran, wie gefährlich Schweigen, Gleichgültigkeit und Wegsehen werden können, wenn Menschen ausgegrenzt, entmenschlicht oder verfolgt werden. Sie zeigt uns, wie fragil demokratische Werte und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind – und wie wichtig es ist, Hass, Nationalismus und extremistischen Ideologien frühzeitig entgegenzutreten.

Das Treffen mit Großmufti Kavazović war geprägt von gegenseitigem Respekt und der gemeinsamen Überzeugung, dass Religionen Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tragen.

Ich sehe großes Potenzial für die Zusammenarbeit zwischen christlichen Kirchen und muslimischen Gemeinschaften: im Kampf gegen Hass und Polarisierung, in der Friedensarbeit, Bildungsarbeit, Jugendbegegnungen und im gemeinsamen Einsatz für die Würde jedes Menschen. Interreligiöser Dialog darf nicht bei Gesprächen stehenbleiben – er muss zu gemeinsamem Handeln führen.

Der Kontext von Muslimen sowohl in Bosnien und Herzegowina als auch in Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein europäischer, obwohl der Balkan in politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Diskursen häufig vom europäischen Raum ausgeschlossen wird. Dennoch ist es wichtig, über die Besonderheiten jedes Kontextes zu sprechen. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten beobachten Sie beim Vergleich der Lebensumstände von Muslimen in Bosnien und Herzegowina und in Deutschland?

Es gibt wichtige Gemeinsamkeiten. Muslime in Deutschland und in Bosnien und Herzegowina sind Teil Europas. Sie prägen Europa mit und tragen Verantwortung für seine Zukunft.

Gleichzeitig unterscheiden sich die Kontexte deutlich. In Bosnien und Herzegowina ist der Islam seit Jahrhunderten Teil der historischen und kulturellen Identität des Landes. In Deutschland ist der Islam stärker mit Migrationserfahrungen verbunden.

Beide Gesellschaften stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Wie können wir in Vielfalt zusammenleben? Wie schützen wir Religionsfreiheit? Wie verhindern wir Ausgrenzung und Polarisierung?

Meine Erfahrung ist: Dort, wo Menschen einander persönlich begegnen, beginnt Vorurteilen die Grundlage entzogen zu werden.

Zu den weltweit zunehmenden Formen des Rassismus gehört auch die Islamfeindlichkeit. Relevante Berichte zeigen, dass sie in den letzten Jahren zunehmend institutionalisierte Formen angenommen hat. Was können europäische Staaten tun, um solche Phänomene zu beseitigen oder zumindest zu verringern?

Islamfeindlichkeit ist ein Angriff auf die Menschenwürde und auf demokratische Gesellschaften insgesamt.

Europäische Staaten müssen Diskriminierung und Hasskriminalität konsequent bekämpfen. Dazu gehören Bildung, Präventionsarbeit, klare gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die Förderung von Räumen für Begegnung und Dialog.

Ebenso wichtig ist die Sprache der Politik. Öffentliche Verantwortungsträger dürfen gesellschaftliche Gruppen niemals gegeneinander ausspielen.

Auch Religionsgemeinschaften selbst tragen Verantwortung: Wir müssen zusammenstehen, wann immer Menschen aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt oder herabgewürdigt werden.

Angesichts des Auftrags und der Arbeit der EKD sowie Ihrer persönlichen Erfahrungen: Welche Zukunft sehen Sie für den interreligiösen Dialog? Können Religionsgemeinschaften durch interreligiösen Dialog eine stärkere Rolle bei der Gestaltung öffentlicher Politik spielen?

Ich sehe eine starke Zukunft für den interreligiösen Dialog – gerade weil unsere Welt konfliktreicher geworden ist.

Religiöse Gemeinschaften verfügen über Vertrauen, moralische Orientierung und internationale Netzwerke. Sie können Brücken bauen, wo politische Kommunikation manchmal scheitert.

Interreligiöser Dialog darf nicht symbolisch bleiben. Er kann konstruktiv zu öffentlichen Debatten über Frieden, Migration, soziale Gerechtigkeit, Klimaverantwortung und Menschenrechte beitragen.

Kirchen und Religionsgemeinschaften ersetzen nicht die Politik. Aber sie können dazu beitragen, Gewissen zu bilden und ethische Orientierung zu geben.

Wir leben in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren gilt, Gewalt die Gerechtigkeit überlagert, universelle Konventionen und globale Vereinbarungen missachtet oder geleugnet werden, während sich rechtsgerichtete Ideologien weltweit ausbreiten. Welche Konsequenzen hat dies, und haben wir wirklich etwas aus der Vergangenheit gelernt?

Wir erleben derzeit eine gefährliche globale Entwicklung: Internationale Normen werden zunehmend infrage gestellt, Machtpolitik gewinnt an Einfluss, und Nationalismus sowie Polarisierung breiten sich aus.

Gerade deshalb war mein Besuch in Srebrenica so wichtig. Orte des Erinnerns zeigen uns, wohin Entmenschlichung, Hass und Gleichgültigkeit letztlich führen können.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir aus der Geschichte gelernt haben. Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, diese Lehren heute anzuwenden.

Frieden entsteht nicht von selbst. Er braucht Erinnerung, Verantwortung und den Mut, für Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten – auch dann, wenn es unbequem ist.

Gleichzeitig erleben wir, dass es insbesondere für junge Menschen in Deutschland zunehmend schwieriger wird, einen persönlichen Bezug zur Erinnerungskultur zu entwickeln. Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verschwindet allmählich. Viele junge Menschen haben kaum noch die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, die Krieg, Verfolgung oder Genozid persönlich erlebt haben. Dadurch geht eine Form unmittelbarer menschlicher Erinnerung verloren – eine Erinnerung, die oft stärker wirkt als jedes Lehrbuch.

Gerade deshalb tragen Schulen, Religionsgemeinschaften, Medien und die Zivilgesellschaft eine gemeinsame Verantwortung: Erinnerung muss lebendig gehalten und auf neue Weise vermittelt werden. Besuche von Gedenkstätten, digitale Archive, dokumentierte Lebensgeschichten, internationale Jugendaustausche und interreligiöse Bildungsarbeit können dazu beitragen, dass Geschichte nicht fern oder abstrakt wird.

Im Hinblick auf Spiritualität in der modernen Zeit: Hat der heutige Mensch durch den außerordentlich schnellen Fortschritt der Zivilisation ein Gefühl von Selbstgenügsamkeit und völliger Unabhängigkeit von Gott entwickelt und dadurch den Kontakt zu sich selbst, zur Erde und zum Himmel verloren? Wie kann Spiritualität wieder in die Welt zurückkehren?

Technologischer Fortschritt ist eine große Errungenschaft. Aber er beantwortet nicht die tieferen Fragen des Menschen nach Sinn, Hoffnung und Orientierung.

Viele Menschen erleben heute Beschleunigung, Unsicherheit und Isolation. Für mich ist Spiritualität daher keine Flucht aus der Welt, sondern eine Wiederentdeckung dessen, was das Leben trägt: die Beziehung zu Gott, die Beziehung zu anderen Menschen und die Verantwortung für die Schöpfung.

Spiritualität wächst dort, wo Menschen Raum für Stille zulassen, Gemeinschaft erfahren und sich grundlegenden Fragen öffnen: Was trägt mein Leben? Was gibt meinem Leben Orientierung?

Religiöse Gemeinschaften haben die Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen Menschen diese Fragen neu stellen können.

Das Interview führte Hasan Hasić für das Islamische Magazin Preporod.