87 Prozent der Befragten geben an, dass sie im neuen Gesangbuch Impulse für ihr persönliches Glaubensleben finden. Hier deutet sich ein Perspektivwechsel an: über die Verwendung im Gottesdienst hinaus ist das Buch auch für andere Formate und Gruppen nutzbar. War das im Konzept schon so intendiert?
Bauer: Natürlich ist ein Gesangbuch erstmal ein Werkzeug für den Gottesdienst. Aber es sollte darüber hinaus gehen. Es gibt eine Tradition der protestantischen Gesangbücher als Hausbücher, als spirituelle Lebensbegleiter. Viele Pfarrpersonen berichten, dass das Gesangbuch ein wertvolles Mittel in der Seelsorge ist. Dieses Profil, ein relevanter Begleiter im Alltag zu sein, wollen wir stärken. Wir wollen Christ*innen in verschiedenen Lebenssituationen Anhaltspunkte und Hilfen für ihren Glauben im Alltag anbieten. So wird es neben den alphabetischen und systematischen Verzeichnissen auch die Möglichkeit geben, nach inhaltlich-emotionalen Gesichtspunkten – etwa zu Stichworten wie „Trauer“ oder „Einsamkeit“ – zu suchen. Das ist eine ganzheitliche Idee, die auch hinter dem neuen Gesangbuch steckt.
Eine grundsätzliche Neuerung im neuen Gesangbuch betrifft das Zusammenspiel von Texten und Liedern. Was ändert sich da?
Bauer: Es wird keinen klassischen Textteil mehr geben so wie bisher. Die Idee ist, beides – Lieder und Texte – miteinander in Berührung zu bringen. Man findet die Texte dort, wo sie inhaltlich passen – also ein Abendgebet dort, wo auch die Abendlieder stehen. Das bisherige Gesangbuch ist so aufgebaut, dass jede Rubrik mit einem Mottolied beginnt. Die übrigen Lieder folgen dann chronologisch, nach ihrer Entstehungszeit. Diese Reihenfolge ist rein formal, aus organisatorischen Gesichtspunkten gewählt. Im neuen Gesangbuch werden in einzelnen Rubriken Texten und Liedern frei kombiniert. Auf diesem Weg ergibt sich, dass sich Inhalte gegenseitig ergänzen oder herausfordern, eine Dynamik oder einen roten Faden ergeben. Der Aufbau ist also nicht mehr organisatorisch, sondern inhaltlich begründet. Die Psalmen haben wir in die Mitte des Buches gerückt, wobei es zu vielen Psalmtexten Kehrverse gibt, mit deren Hilfe Sprechen und Singen kombiniert werden kann. Und auch die Psalmlieder finden sich direkt beim jeweils passenden Text. Das Konzept der inhaltlichen Kombination von Texten und Liedern zieht sich konsequent durch die Gestaltung des Gesangbuchs.
Besonders groß ist die Zustimmung bei den 14- bis 49-Jährigen. Was sagt Ihnen das nicht nur über die Zukunftsfähigkeit des Gesangbuchs, sondern der Sing- und Gottesdienstkultur überhaupt?
Bauer: Wir brauchen ein Gesangbuch, das ca. 40 Jahre trägt – das war immer unsere Zielsetzung. Wenn die Altersgruppe, die in dieser Zeit Verantwortung übernehmen und das kirchliche Leben gestalten wird, die Konzeption so gut bewertet, stützt das unser Konzept eines Generationenbuches. Dass die Jugend singt und sich für Gottesdienst und Kirchenmusik interessiert, ist für mich keine neue Erkenntnis. Die Art der musikalischen Bindung an die Kirche ist aber vielfältiger geworden. Sie passiert nicht mehr nur in Sonntagsgottesdienst oder Kantorei, sondern auch in Projektchören, Bands, Jugend- und Kinderchören. Diese Vielfältigkeit wird durch das neue Gesangbuch gestärkt. Es kann aber nur ein Impuls sein, der die Richtung aufzeigt. Ich sehe es als Arbeitsauftrag, dranzubleiben an jüngeren Generationen und sie weiter einzubinden. Dieser Auftrag gilt für die ganze Kirche.