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Eröffnungsrede zur Ausstellung „Seenotrettung“ in der Stadtkirche Offenburg am 10. Juli 2021 – EKD


Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Schäuble, liebe Brüder und Schwestern,

jeder Mensch ist geschaffen zu Bilde Gottes. Nicht jede Deutsche, jeder Europäer oder jeder Amerikaner, sondern: jeder Mensch. Das ist die Überzeugung unseres christlichen Glaubens und seiner jüdischen Wurzeln. Deswergen passt diese Ausstellung in eine Kirche. Denn die 16 Tafeln der Dokumentationsausstellung Grenzenlose Menschlichkeit, die wir hier in der Stadtkirche zu Offenburg ausgestellt sehen, sind ein unmissverständlicher Appell. Die Forderungen an Politik und Gesellschaft lassen an Deutlichkeit nichts vermissen. Sie beunruhigen. Sie provozieren. Sie geben Stoff zum Nachdenken. „Menschenleben sind unbezahlbar. Seenotrettung nicht“ ist ein Satz auf einem Plakat, dem man eigentlich gar nicht widersprechen kann. Auch der Titel dieser Ausstellung „Grenzenlose Menschlichkeit. Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt“ berührt Grundwerte, die nicht verhandelbar erscheinen. Und dennoch: wäre der Konsens darüber so klar, säßen wir heute nicht hier.

Die Ausstellung bezieht in der öffentlichen Diskussion um die zivile Seenotrettung und die europäische Flüchtlingspolitik eindeutig Position. Zusammen mit dem von der EKD mitgegründeten Verein United4Rescue haben Sie als Albert-Schweitzer-Zentrum diese 16 eindrücklichen Mahntafeln erarbeitet und schlagen einen Bogen von den grundlegenden ethischen Verpflichtungen, über die wir ja eigentlich einig sein müssten, zur Seenotrettung. Von der Dramatik auf dem Mittelmeer und den vielen Toten ist die Rede, vom Scheitern der Europäischen Flüchtlingspolitik, aber auch vom Eintreten für gerechte Asylverfahren und für gelingende Integration von Geflüchteten in Deutschland – und in Offenburg. Und die Ausstellung ordnet all das ein, in das Denken und Leben Albert Schweitzers. „Erst im Miterleben und Mitleiden sind wir wahrhaft Menschen“ – solche starken Aussagen Albert Schweitzers untermauern die Botschaft der Ausstellung. Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh wird dazu im Anschluss noch einiges Grundsätzliche sagen.

Was mich aber am meisten anzieht an diesen großen Dokumentarplakaten sind die Gesichter. Mich berührt es, in die Gesichter der Geflüchteten und der Retter*innen zu schauen. Sie erzählen so viel über das Schicksal dieser Menschen, ihre Augen sind wie Spiegel, die mir erzählen und spiegeln, was sie gesehen haben. Unfassbares Leid, unvorstellbare Angst, unendliche Ungewissheit – und Hoffnung. Es war für mich selbst zunächst ein Besuch auf dem Marineboot Werra in Cagliari auf Sardinien 2016, das damals im Rahmen der Mission „Sophia“ viele Tausend Menschen im Mittelmeer gerettet hatte, der dafür gesorgt hat, dass ich das Thema nicht mehr verdrängen konnte. Ich habe damals in einem Flüchtlingsheim auch mit Menschen gesprochen, die nicht mehr leben würden, wenn die Werra sie nicht gerettet hätte. Diese Mission wurde von der EU später ersatzlos eingestellt.  Vor den Grenzen Europas ertranken Tausende von Menschen und Europa schaute zu – und das bis zum heutigen Tage.

Die einzigen, die retten, sind die zivilen Seenotretter. Deswegen habe ich Anfang Juni 2019 im Hafen des sizilianischen Licata die Crew der damals festgesetzten SeaWatch 3 besucht. Im „Palermo-Appel“ bin ich im Anschluss an den Besuchdort bei der Crew  im Rathaus von Palermo mit dem Bürgermeister von Palermo Leoluca Orlando mit Forderungen an die Öffentlichkeit getreten, die die den unerträglichen Zustand beenden sollten. Dann kam wenige Wochen später der Evangelische Kirchentag. Eine spontan ins Programm genommene Veranstaltung zur Seenotrettung, zu der auch Leoluca Orlando anreiste, brachte Tausende von Menschen zusammen, die an die EKD die Forderung richteten, aktiv in die Seenotrettung einzusteigen. Sandra Bils sagte in ihrer Predigt im Schlussgottesdienst jenen vielzitierten Satz, der auch in den Titel der Ausstellung eingegangen ist: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Die Beratungen im Rat und in der Kirchenkonferenz der EKD haben dann dazu geführt, dass wir das Bündnis United4Rescue gründeten und innerhalb weniger Wochen so viel Geld gespendet wurde, dass die heutige Seawatch 4 gekauft werden konnte. 783 Organisationen und Institutionen aus Kirche und Zivilgesellschaft weit über Deutschland hinaus gehören heute diesem Bündnis an.

Auf den Tafeln der Ausstellung stehen eindringliche Sätze. Gerade in den Kirchen haben wir solche Sätze in den letzten Jahren immer wieder formuliert. Europa lässt zu, dass Schiffe, die Menschen vor dem Ertrinken retten sollen, blockiert werden, während die europäischen Staaten gleichzeitig ablehnen, selbst die Seenotrettung im Mittelmeer wieder aufzunehmen. Das ist ein moralischer Skandal. Europa verrät seine eigenen ethischen Traditionen. Aus der Sicht christlicher Grundorientierungen ist es für das Hilfshandeln nicht entscheidend, warum Menschen in Lebensgefahr geraten. Sondern nur, dass sie in Lebensgefahr sind. Und dann muss man schlicht retten. Niemand behauptet, dass es einfache Lösungen für den Umgang mit Flucht- und Migrationsbewegungen gib. Alle politischen Diskussionen um die Steuerung von Migration und um den Umgang mit Asylsuchenden können und müssen geführt werden. Aber nicht anstatt des Rettens von Menschenleben. Die Rettung von Menschenleben hat immer Vorrang. Deswegen appelliere ich gerade an die europäischen Staaten, die sich besonders explizit auf das Christentum beziehen, die damit verbundenen ethischen Grundorientierungen endlich ernst zu nehmen und gemeinsam mit allen Staaten Europas eine Flüchtlingspolitik zu entwickeln, die nicht von Abschottung, sondern von Humanität geprägt ist.

Vor einigen Wochen war ich eingeladen zum 450. Jubiläum der Emder Synode, der reformierten Kirche in Deutschland. Sie, lieber Herr Bundestagspräsident, haben uns per Video ein eindrucksvolles Grußwort zukommen lassen und dabei die Barmer Theologische Erklärung ins Zentrum gerückt. Vor Unterdrückung und Verfolgung in den Niederlanden geflohen, machten sich die Evangelischen auf Richtung Deutschland – die meisten in Booten und per Schiff. Viele Jahre später, im Jahr 1660, haben Gemeindeglieder an der Großen Kirche zu Emden ein Wappen mit der Aufschrift: „Gottes Kirche verfolgt, vertrieben. Gott hat hier Trost gegeben“ angebracht. Seit 1951 bildet es das Logo der Reformierten Kirche. Bis heute hat diese Kirche diese tiefe, erschütternde Erinnerung an die eigene Flucht in sich lebendig gehalten – und handelt danach. Die Reformierte Kirche gehörte deswegen zu einem der ersten Mitglieder von United4Rescue und hat in all den Diskussionen um das Für und Wider auf die eigenen Ursprünge in der Erfahrung der Flucht und der freundlichen Aufnahme in Deutschland hingewiesen. Aus solchen eigenen Ursprungserfahrungen zu leben und zu handeln, das ist uns auch durch unsere jüdisch-christliche Tradition aufgegeben: Die Zehn Gebote gehen auf die Erfahrung des Exodus zurück, auf die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Genauso ist es mit dem Gebot, die Fremdlinge zu schützen: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid“ (Ex 23,9).

Dass Fremde mit Achtung und Respekt behandelt werden sollen, gewinnt seine Plausibilität durch die Einsehbarkeit und die Einfühlbarkeit ihrer besonderen Situation der Verletzlichkeit. Erinnere Dich daran, was Gott dir geschenkt hat und immer noch schenkt. Und handle am anderen genauso. Das genau ist auch der Kern der Goldenen Regel Jesu, die er uns in der Bergpredigt als inhaltliche Summe seiner Ethik vorstellt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).

Gründe für Fremdenfeindlichkeit gibt es viele: Verunsicherung, Angst vor dem Fremden, vielleicht sogar die Sorge um das eigene Leben. Das Gefühl, zu kurz zu kommen, nicht wahrgenommen zu werden, mit den Sorgen nicht gehört zu werden. Darüber müssen wir ins Gespräch kommen anstatt Menschen vorschnell einen rechtsradikalen Hut aufzusetzen. Ich habe jedenfalls gute Erfahrungen mit solchen Gesprächen gemacht.

Die kraftvollste Grundlage für solche Gespräche ist und bleibt das Hören auf unsere biblische Tradition und die damit verbundenen Glaubensquellen. Das Faszinierende daran ist ja, dass die Liebe darin nicht einfach moralischer Appell bleibt, sondern dass die Kraft, in dieser Liebe zu leben, gleich mitausgeteilt wird: Ich bin geschaffen, zum Bilde Gottes, unendlich kostbar. Und mein Mitmensch, ob er neben mir wohnt oder sich aus Verzweiflung auf ein lebensgefährliches Schlauchboot im Mittelmeer begeben hat, ist es auch.

Um ihn zu sehen, müssen wir in sein Gesicht schauen. Dazu hilft diese Ausstellung. Ich wünsche daher dieser Dokumentarausstellung, dass ihr viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Ich wünsche ihr viele Menschen, die sehr genau in die Gesichter und Augen der Menschen schauen, die hier gezeigt werden. Ich wünsche allen Besucherinnen und Besuchern, dass sie sich anrühren lassen, dass ihr Mitgefühl geweckt wird. Und damit etwas gestärkt wird, was tief im christlichen Glauben verwurzelt ist und für die Ethik Albert Schweitzers zentral war: die Ehrfurcht vor dem Leben.

Vielen Dank und Gottes Segen Ihnen allen.