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Einsamkeit braucht Resonanz – EKD


Welche Rolle spielen Kirche und Religion im Blick auf Einsamkeit?

Roleder: Das Verhältnis von Einsamkeit, Religion und Kirche ist ambivalent. Einerseits bieten Kirchengemeinden, Besuchsdienste, diakonische Projekte, die Telefonseelsorge soziale Kontakte und Begleitung. Gottesdienste können das soziale Vertrauen stärken – und soziales Vertrauen erleichtert soziale Nähe. Religiöse Praxis kann so Zugehörigkeit stiften und Einsamkeit lindern.

Andererseits zeigen empirische Untersuchungen: Wo Kirche bestimmte Lebensformen und Familienbilder bevorzugt, kann dies Einsamkeit bei denjenigen verstärken, die den vermeintlichen Idealen nicht entsprechen. Es lässt sich zeigen: Gottesdienstbesuche anlässlich von Kasualien und kirchlichen Feiertagen, etwa an Weihnachten, können das Einsamkeitsempfinden von Alleinerziehenden verstärken, wenn in den Gottesdiensten traditionelle Familienbilder dominieren. Auch LGBTQI-Personen empfinden nachweislich mehr Einsamkeit, wenn in den Kirchengemeinden eine heteronormative Kultur dominiert. Hier trägt Kirche Verantwortung, Vielfalt sichtbar und anerkannt zu machen.

Werden die bestehenden Angebote den unterschiedlichen Formen von Einsamkeit gerecht?

Roleder: Kirche, Diakonie und Seelsorge leisten seit Jahrzehnten wichtige Arbeit – lange bevor Einsamkeit ein öffentliches Thema wurde. Ob Besuchsdienste, Trauer- oder Krankenhausseelsorge, Beratungsstellen, Bahnhofsmission oder Telefonseelsorge: Einsamkeit ist dort vielfach präsent.

Gleichzeitig zeigt die psychologische Forschungen, dass negative Selbst- und Fremdwahrnehmungen Einsamkeit verstärken können: Wer sich für nicht liebenswert hält oder anderen grundsätzlich misstraut, zieht sich eher zurück. Hier kann Seelsorge von kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen lernen – etwa indem sie hilft, belastende Gedanken zu hinterfragen und neue Verhaltensweisen einzuüben.

Gerade junge Menschen haben in der Pandemie besonders unter Isolation und Einsamkeit gelitten.  Wie kann die Seelsorge auf diese nicht besonders kirchenaffine Gruppe zugehen?

Roleder: Seelsorge kann junge Menschen über verschiedene Wege erreichen: insbesondere im Religionsunterricht, in der Konfirmand*innenarbeit, über Chat- und Mailangebote der Telefonseelsorge oder über religiöse Influencer*innen in sozialen Medien. Die oft verdrängte Einsamkeit als Thema offen anzusprechen, kann hier Brücken bauen.

Was unterscheidet Seelsorge von anderen Beratungs- und Therapieangeboten?

Roleder: Seelsorge bringt ihre religiöse Perspektive ein. Biblische Texte – etwa die Klagepsalmen – bringen Erfahrungen von Verlassenheit von Menschen und Gott zur Sprache und stellen sie in einen religiösen Horizont. Manche Menschen in Einsamkeitssituationen erleben durch ihrer Gottesbeziehung Trost und Unterstützung. Seelsorge kann diese Ressourcen stärken.