Zwischen dem ohrenbetäubenden Rauschen der A3 und der Stille des Kirchenraums liegen nur wenige Schritte. Wer die Autobahnkirche Medenbach betritt, lässt die Hektik der Autobahn hinter sich und findet einen Ort zum Innehalten. Sie ist Hessens älteste Autobahnkirche und gehört zur evangelischen Kirchengemeinde Auringen, Naurod und Medenbach. Am 28. Juni 2026, dem Tag der Autobahnkirchen, feiert die Kirche 25-jähriges Bestehen. Bei einem Besuch wird schnell deutlich, worin die Besonderheit dieser Kirche liegt.
Drei Schritte weg von der Autobahn
Schon von Weitem weckt der markante Bau mit seinem schräg geneigten Glasdach die Aufmerksamkeit, doch Reisende müssen schon ein wenig näherkommen, um zu erkennen, was dieser Bau genau ist: Eine Autobahnkirche. Die Architektur wirkt modern und klar, beinahe zurückhaltend. Genau darin liegt ihre besondere Wirkung. Der Zutritt in die Kirche verläuft über drei Stationen. Zunächst führt der Weg durch einen längsgerichteten Außenraum, über dem sieben Bäume ein natürliches Dach bilden. Im Inneren öffnet sich ein quadratisches Atrium mit neun Wassersprudlern im Boden. Das beruhigende Rauschen des Wassers übertönt hier bereits beinahe die Geräusche der Autobahn. Betonbänke laden mit Blick auf die Wasseranlage zum Verweilen ein. Zwei Seitentüren führen dann ins Innere des Kirchenraums.
Ein heller Raum der Ruhe
Dort richtet sich der Blick sofort nach oben: Das große Glasdach zieht den Himmel in die Kirche hinein. Tageslicht durchflutet den Raum, lässt ihn offen und lebendig wirken. Trotz der nahen Autobahn, die zwar noch im Hintergrund leise zu hören ist, ist es überraschend still. Die minimalistische Gestaltung verstärkt diesen Eindruck. Im Zentrum steht ein massiver Granitaltar, auf dem eine aufgeschlagene Bibel liegt. Ein farbenfrohes Blumengesteck, gefertigt von einer Medenbacherin, setzt einen warmen Akzent.
Die Innenraumgestaltung stammt von dem Künstler Nikolaus Gerhart. Der Granitaltar trägt in seinem Innern ein Kreuz. Auch an den Wänden finden sich symbolische Elemente: Kunststeinplatten formen in ihren Zwischenräumen ein Kreuz. Das Glasdach wurde von dem Glaskünstler Johannes Schreiter gestaltet.
Das Andachtsbuch als Herzstück der Autobahnkirche
Das Herzstück der Autobahnkirche ist das Andachtsbuch. Dieses liegt an einem der großen Fenster, genau gegenüber dem Altar mit Blick auf das Wasserspiel im Atrium. Reisende schreiben dort Gedanken, Gebete, Wünsche oder Bibelverse hinein. „Die Menschen lassen etwas von sich hier“, sagt der zuständige Pfarrer Thomas Tschöpel. Während ein solches Buch in vielen Dorfkirchen eher nebensächlich sei, werde es in der Autobahnkirche zum Mittelpunkt. Die Einträge erzählen von Dankbarkeit, Sorgen, Abschieden und Neuanfängen, oft geschrieben von Menschen, die nur für wenige Minuten Halt machen und dennoch ein Stück von sich dort zurücklassen.
Kirche ohne Schwellenangst
Viele Besucherinnen und Besucher kommen auf der Durchreise. Die Kirche ist rund um die Uhr geöffnet. Gerade darin liegt für Thomas Tschöpel die Stärke dieses Ortes: Kirche werde hier niederschwellig erfahrbar. Niemand müsse sich erklären, niemand werde angesprochen oder missioniert. „Es ist ein Ort zum Sein“, sagt er. Oftmals kommen Besucherinnen und Besucher aus Neugierde in die Kirche. Gleichzeitig sieht Pfarrer Tschöpel darin auch die Herausforderung: Anders als in einer klassischen Gemeinde gebe es hier keine feste Gemeinschaft vor Ort. Wie viele Menschen jährlich die Kirche besuchen, ist daher schwer zu beziffern. Pfarrer Tschöpel schätzt rund 20.000 Besucher jährlich.
Kurze Andachten für Menschen unterwegs
Von März bis Dezember findet jeden dritten Mittwoch im Monat eine Andacht statt. Ganz bewusst gestaltet der Pfarrer diese kürzer als in der Ortskirche. „Das spiegelt wider, was die Leute suchen“, sagt er. Kein langes Programm, sondern ein kurzer Moment der Ruhe zwischen Aufbruch und Ankommen. Über Aushänge, der Gemeindewebseite sowie den Gemeindebrief erfahren die Besuchenden von dem Angebot.
Hessens erste Autobahnkirche – privat finanziert
Den Kirchenbau ermöglichte Alfred Weigle. Der Unternehmer und Wahlwiesbadener besuchte auf einer Geschäftsreise die Autobahnkirche in Adelsried. Obwohl er zu dieser Zeit sogar aus der Kirche ausgetreten war, zog ihn diese in seinen Bann. Die Bekenntnisse, die die Menschen im Andachtsbuch niederschrieben, ließen ihn aufhorchen. Alfred Weigle fasste den Entschluss der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen und eine Autobahnkirche zu erbauen. Im Februar 2000 erfolgte der erste Spartenschicht. Nach nur einem Jahr Bauzeit wurde die Kirche am 30. März 2001 eingeweiht.
Text: Franziska Weiß