Besonders groß ist die Zustimmung bei den 14- bis 49-Jährigen. Was sagt Ihnen das nicht nur über die Zukunftsfähigkeit des Gesangbuchs, sondern der Sing- und Gottesdienstkultur überhaupt?
Bauer: Wir brauchen ein Gesangbuch, das ca. 40 Jahre trägt – das war immer unsere Zielsetzung. Wenn die Altersgruppe, die in dieser Zeit Verantwortung übernehmen und das kirchliche Leben gestalten wird, die Konzeption so gut bewertet, stützt das unser Konzept eines Generationenbuches. Dass die Jugend singt und sich für Gottesdienst und Kirchenmusik interessiert, ist für mich keine neue Erkenntnis. Die Art der musikalischen Bindung an die Kirche ist aber vielfältiger geworden. Sie passiert nicht mehr nur in Sonntagsgottesdienst oder Kantorei, sondern auch in Projektchören, Bands, Jugend- und Kinderchören. Diese Vielfältigkeit wird durch das neue Gesangbuch gestärkt. Es kann aber nur ein Impuls sein, der die Richtung aufzeigt. Ich sehe es als Arbeitsauftrag, dranzubleiben an jüngeren Generationen und sie weiter einzubinden. Dieser Auftrag gilt für die ganze Kirche.
Das Ergebnis der Erprobungsphase vermittelt sicher einen guten Einblick, wie die Zielgruppen in den Gemeinden ticken. Gibt es da Überraschungen, Dinge, die Sie bisher nicht auf dem Schirm hatten?
Bauer: Es gibt für mich mehrere unerwartete und interessante Aspekte. Zum Beispiel, dass die kritischste Zielgruppe Pfarrpersonen im Ruhestand sind. Menschen, die intensiv mit dem aktuellen EG gearbeitet haben, teilweise noch sehr aktiv sind und viel in ihren Gemeinden bewirken. Wir müssen sie vielleicht mehr als bisher im Blick behalten und mitnehmen. Bei der Frage der passenden Tonhöhen sind die hauptberuflichen Kirchenmusiker*innen besonders kritisch. Die Nebenamtlichen sehen das teilweise ganz anders. Da gibt es enorme Unterschiede. Diese Aspekte werden wir bei der Weiterentwicklung des Gesangbuchs berücksichtigen.
Kritik im Detail gibt es durchaus – bei den Tonhöhen, aber auch bei Liedauswahl, Eingriffen in Melodien und Texte, Papierqualität und Lesbarkeit. Wie gehen sie damit um?
Bauer: Ich nehme die Kritik erstmal wahr als Rückmeldungen einer vielfältigen Zielgruppe. Nach dem Motto: „Wenn das Gesangbuch genau für uns gemacht worden wäre, dann hätten wir das und das gerne anders gehabt.“ Jetzt gilt es, diese Rückmeldungen sorgfältig einzuordnen und abzuwägen. Denn es ist nicht so, dass jede Kritik eindeutig wäre, sie widerspricht sich zum Teil. Gitarristen wollen Tonarten mit Kreuzvorzeichen, Bläser bevorzugen B-Tonarten. Manchen ist noch zu viel Altes enthalten, für andere zu viel Neues. Die einen wollen mehr kirchlich-geprägte Sprache, die anderen genau das Gegenteil. Das heißt, es wäre zu einfach zu sagen: Wir hören die Kritik an und machen das, was uns die Kritik sagt. Ich bin froh, dass uns die Evangelische Arbeitsstelle MIDI wissenschaftlich begleitet und uns hilft, das Ganze einzuordnen. Die Kritikpunkte werden in den Fachausschüssen beraten und kommen dann in die Gesangbuchkommission, die dann darüber beschließt. In dem 70-köpfigen Gremium sitzen Professoren neben Studierenden und Engagierten aus der Kinderkirche. Die große Vielfalt geht von der Erprobungsphase also weiter in die Einarbeitung der Ergebnisse.