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Friedensethik muss sich in der Realität bewähren – EKD


Aber gehört Pazifismus nicht zum Kern des christlichen Glaubens?

Schwaetzer: Pazifismus gehört zum Christentum. Es kann aber nicht die einzige Antwort auf eine reale Bedrohung sein. Unser Grundgesetz gibt nicht vor, uns nach den Leitlinien des Pazifismus zu organisieren, sondern eine wehrhafte Demokratie zu sein. Ein Garant dafür ist der Rechtsstaat. Ein anderer die Bundeswehr, die als Parlamentsarmee Teil der Gesellschaft ist. Das ist ja auch eine Vorgabe für die Friedensethik.

Ist kirchliche Friedensethik naiv?

Schwaetzer: Die Friedensdenkschrift der EKD von 2007 ist das ganz und gar nicht. Sie formuliert, dass es sehr strenge Prämissen für die Anwendung von Gewalt gibt. Ich denke eher, dass es in den Jahren danach Wunschbilder gegeben hat, die man wieder stärker hinterfragen muss.

Das heißt?

Schwaetzer: Friedensethik muss sich als glaubwürdig in der Realität bewähren. Die Welt hat sich seit 2007 und besonders seit dem 24. Februar 2022 verändert. Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine wird die europäische, durch verbindliche Verträge geregelte Ordnung einseitig massiv infrage gestellt. Ich denke, wir werden uns auf einige Zeit wieder auf das Prinzip der Abschreckung – auch der nuklearen – verlassen müssen, ohne allerdings bestehende Gesprächskanäle aufzugeben.

Solange bestehende völkerrechtliche Verträge nicht zuverlässig eingehalten werden, solange ein Land in aggressiver Weise unberechenbar ist, müssen wir wie alle anderen darauf achten, dass wir in der Nato unsere Verpflichtungen zuverlässig erfüllen. Der Weg zu einer verlässlichen Friedensordnung wird sehr weit sein.

Sie haben selbst schon die Flüchtlinge aus der Ukraine angesprochen. Sie stoßen derzeit auf große Hilfsbereitschaft. Glauben Sie, dass es anders als 2015 auch nachhaltig so bleiben wird?

Schwaetzer: Auch nach 2015 ist die Hilfsbereitschaft geblieben. Natürlich gibt es aber Unterschiede: Die Ukrainer sind Europäer. Sie kommen zudem aus einer anderen Situation als damals etwa die Syrer. In der Ukraine gibt es eine freiheitliche staatliche Ordnung, viele Verflechtungen in die ganze Welt, gut ausgebildete Menschen. Sie haben ganz andere Möglichkeiten, sich hier dauerhaft anzusiedeln. Umso mehr müssen wir darauf achten, dass alle Geflüchtete gleich behandelt werden.

Sie selbst haben vor knapp einem Jahr das Amt als Präses der EKD-Synode abgegeben. Vermissen Sie etwas?

Schwaetzer: Die Begegnung fehlt mir schon. Die letzten anderthalb Jahre in dem Amt waren andererseits eine sehr anspruchsvolle Zeit, nicht nur wegen Corona. Wir mussten Beschlüsse fassen zur Strategie für die Zukunft und die Finanzen der evangelischen Kirche. Dazu kam das Thema sexualisierte Gewalt. Ich war schon auch froh, als wir das alles gut auf den Weg gebracht haben.

Seit kurzem sind Sie Stiftsfrau im Kloster Heiligengrabe in Brandenburg. Was hat Sie dazu bewogen?

Schwaetzer: Mir wurde schon während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der EKD klar, dass ich die geistliche Gemeinschaft in dieser Form vermissen werde. Das hieß, dass ich mir eine andere suchen musste. Dabei lag mir der Gedanke, mich dauerhaft in einem Kloster anzusiedeln, aber gleichzeitig sehr fern.

An dem Punkt kam Heiligengrabe ins Spiel. Den Ort lernte ich bei einem Besuch in meiner ehrenamtlichen Funktion näher kennen. Der Ort ist einfach schön – mit seiner Ruhe und den verschiedenen Bewohnern, die dort dauerhaft oder eben nicht dauerhaft wohnen. Es gibt dort ja nicht nur den Frauenkonvent.

Wie sieht ein Konventleben ohne dauerhaftes Klosterleben aus? Gibt es bestimmte Aufgaben?

Schwaetzer: Als Konvent sind wir Stiftsfrauen für das geistliche Leben am Ort zuständig, also zum Beispiel Einkehrzeiten und die Andachten während der Woche. Wir treffen uns an vier Wochenenden im Jahr zu Stiftsgottesdiensten und außerdem zu einer Konventsklausur. Es gibt eine geistliche Ordnung, die wir gemeinsam festlegen. Als Aufgabe habe ich mir vorgenommen, das Kloster weiter in der Region zu verankern. Genau so etwas suchte ich. Bei meiner Einführung hatte ich wirklich das Gefühl, angekommen zu sein.

epd-Gespräch: Corinna Buschow